Das Zinsmärchen findet kein Ende. Wer heute ein Haus baut, kriegt das Geld von der Bank so billig wie noch nie zuvor: Am Freitag boten mehrere Banken zehnjährige Hypotheken für weniger als 1,5 Prozent an, wie ein Blick auf die Vergleichsplattform Comparis zeigt. Eine Hypothek über eine halbe Million Franken führt so zu einer monatlichen Zinsbelastung von gerade mal 600 Franken. Zweijährige Hypotheken werden derzeit sogar für weniger als 0,7 Prozent gehandelt und selbst Festhypotheken über fünf Jahre liegen teilweise unter der symbolischen Grenze von 1 Prozent.

Die billigsten Angebote stammen von Nischenanbietern: Das Finanzzentrum Jungfrau ist ein Kreditvermittler, der Hypotheken anderer Banken vertreibt. Hinter Swissquote steht die Basellandschaftliche Kantonalbank, die auf diesem Weg ein nationales Publikum sucht, und bei Hypomat handelt es sich um ein ähnlich gelagertes Angebot der Glarner Kantonalbank. Wer gut verhandelt, erhält je nach Bank unter Umständen sogar günstigere Angebote.

Auch der Staat kommt derzeit billig an Geld: Die Renditen auf 10-jährige Bundesanleihen fielen diese Woche zwischenzeitlich auf bis zu 0,34 Prozent. Selbst die bis 2042 laufende Bundesanleihe wurde zuletzt nur gerade mit einer Rendite von 0,98 Prozent gehandelt. Für Schulden, die vor 2017 zurückbezahlt werden, erhält der Staat derzeit sogar Geld: Die im Februar 2013 fällige Obligation kostete (!) den Anleger am Freitag einen Zins von 0,35 Prozent.

Und so erstaunt kaum, dass ob dem billigen Geld an allen Ecken und Enden des Landes Wohnungen gebaut werden. Im dritten Quartal 2012 seien 4 Prozent mehr Wohnungen neu bezogen worden als im Vorjahr, teilte das Bundesamt für Statistik diese Woche mit. 6 Prozent mehr Wohnungen waren in Bau. Und die Zahl der bewilligten Bauprojekte lag sogar stolze 24 Prozent höher als 2011.

Doch der Traum der tiefen Zinsen hat seine Schattenseiten. Schon lange warnen Ökonomen vor der «Überhitzung» des Immobilienmarkts. Sie erinnern an die Neunzigerjahre, als irgendwann die Banken die Kreditvergabe stoppten und die Immobilienpreise einbrachen. Viele Eigenheimbesitzer verloren ihre Häuser, manche Bank kam darauf in Schieflage.

Noch sei es in der Schweiz nicht so weit, betonen die Banken. Doch in mancher Region sind die Preise bereits so stark angestiegen, dass professionelle Anleger wie Pensionskassen keine neuen Immobilien mehr kaufen. Kürzlich meinte der Anlagechef einer grossen Versicherung an einem Hintergrundgespräch, er könne sich nicht vorstellen, bei den heutigen Preisen noch einen Immobilien-Fonds zu gründen. Der «UBS-Blasen-Index» befindet sich seit kurzem erstmals seit der Krise der Neunzigerjahre wieder in der «Risikozone»

Auch die Nationalbank hat am Donnerstag wieder gewarnt. Direktoriums-Mitglied Jean-Pierre Danthine sprach von «Fehlentwicklungen» am Hypothekarmarkt und davon, dass sich positive Zeichen, die noch im Sommer aufgetaucht seien, nicht gefestigt hätten. Zwar hätten einige Banken ihre Risiken reduziert. Andere hätten sich jedoch weiterhin «grösseren Risiken» ausgesetzt.

Wenig gebracht haben auch die neuen Regeln, die sich die Banken im Juli auf Druck des Bundesrats verordnet haben. Seither müssen sie Hypotheken von Immobilien, die ein Kunde mit weniger als 10 Prozent «echtem» Eigenkapital erwirbt, mit zusätzlichen Reserven absichern. Die Praxis, bis zu 20 Prozent über die Pensionskasse zu finanzieren, ist seither nur noch eingeschränkt möglich.

Doch auch das habe nicht zu einer Trendänderung geführt, sagt Nationalbankier Danthine. Ähnliches hört man auch bei den Geschäftsbanken, die sich von den neuen Vorschriften wenig eingeschränkt fühlen. Im Alltag habe sich kaum etwas geändert, sagte ein UBS-Banker neulich zum «Sonntag».

Eigentlich könnte die Nationalbank den Markt über höhere Zinsen bremsen. Doch die Anbindung an den Euro macht eine solche Massnahme praktisch unmöglich. Und so droht die Nationalbank zunehmend mit der Zündung einer weiteren Stufe der Eingriffe: dem «antizyklischen Puffer». Auf Antrag der SNB kann der Bundesrat beschliessen, dass die Banken ihr Kreditgeschäft mit zusätzlichem Eigenkapital absichern müssen.
Noch spricht die Nationalbank erst im Konjunktiv von dieser Massnahme. Doch sollten die Preise am Immobilienmarkt weiter ansteigen und sollte die Menge der vergebenen Kredite weiterhin stärker wachsen als jede andere Wirtschaftskennzahl, könnte die Bremse gezogen werden. Offen ist, ob es dann zum Vollstopp kommt oder zum sanften Anhalten, das sich die SNB wünscht.

Unklar ist auch, wie schnell es dann zu Ende ist mit den billigen Krediten. BLKB-Sprecher Christoph Loeb vermutet, dass sich die Bank zwar bei der Vergabe von Hypotheken einschränken müsste, dass diese aber weiterhin günstig blieben. Ersterem stimmt auch Raiffeisen-Sprecher Franz Würth zu. Mittelfristig hätte dies aber einen Einfluss auf das Preisniveau, vermutet er. Wie immer, wenn ein Angebot verknappt werde.

Vielleicht also sind die Hypothekarsätze nun auf einem Tiefststand angekommen. Das haben die meisten auch vor einem Jahr schon gedacht.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!