Wir wollen nicht als Altherrenband zwischen Golfplatz, Massageliege und Geriatrie enden», sagt der 61-jährige Krokus-Coach Chris von Rohr, «wir wollen nochmals Gas geben.» Nichts weniger als das Opus Magnum strebte deshalb die Schweizer Hard-Rock-Instanz mit dem neuen Album «Dirty Dynamite» an. Die Solothurner pilgerten ins legendäre Abbey Road Studio nach London. Dorthin, wo die Beatles ihre epochalen Werke aufnahmen und Rockgrössen wie die Rolling Stones, Free, The Who und Pink Floyd ein und aus gingen. Dorthin, wo alles begann.

«Dirty Dynamite» tönt denn auch wie eine vergnügliche Reise von Krokus durch 50 Jahre Rockgeschichte. In den Krokus-Stil sind Urzeit-Gitarrenriffs à la AC/DC («Halleluja Rock ’n’ Roll», «Better Than Sex») oder Keith Richards («Hardrocking Man») eingebettet. Wir finden einen lasziven Stampfer inspiriert von Robert Palmers «Addicted To Love» («Dirty Dynamite»). Dann Anleihen bei Status Quo («Go Baby Go») und CCR («Yellow Mary») sowie Zitate von Free («Dög Song» und «Bailout Blues»). The Beatles dürfen in diesem Kontext natürlich nicht fehlen: Sänger Marc Storace (61) singt «Help» im Duett mit dem deutschen Tommy Heart und gibt ihm einen rockigen Touch. Dabei wird der etwas komplexe, polyfone Beatles-Klassiker verlangsamt, vereinfacht und in eine fadengerade klassische Rock-Ballade ohne Firlefanz gepackt.

Alles geklaut? «Überhaupt nicht. Wir haben das Beste aus der Schatzkiste des Rock ’n’ Roll aufgesogen und in unseren typischen Krokus-Sound verwandelt», erklärt von Rohr, «wenn du eine gute Spaghetti-Sauce machen willst, musst du auch die besten Tomaten, die würzigsten Zutaten nehmen.» Und Gitarrist Fernando von Arb (60) ergänzt:» Die grosse Explosion hat in den 60er-Jahren stattgefunden. Rock ’n’ Roll ist wie der Blues längst etabliert und muss nicht mehr neu erfunden werden. Vielmehr entscheidet heute das Wie über die Qualität. Die Interpretation macht es und darauf haben wir uns konzentriert».

«Live Ist Krokus eine Macht», sagt von Rohr. Im neuen Album ist es dem Produzenten, Songschreiber und Bassisten um Songs gegangen, die Live an die «besten Hinkelsteine» anknüpfen können». Also keine Studiosongs, die nur auf der CD funktionieren wie teilweise auf «Hoodoo». «Dirty Dynamite» ist rotziger, dreckiger und runder.

Um sich live zu verbessern, hat sich Krokus personell verändert. Mit Mandy Meyer wurde ein dritter Gitarrist ins Boot geholt. «Eine Gitarre klingt wie eine Gitarre, zwei Gitarren klingen wie 1000 Gitarren», sagte einst Keith Richards. Und drei Gitarren? «Ich war zuerst skeptisch, als Fernando die Idee hatte», gesteht von Rohr, «ich hatte Angst vor einer Wall Of Noise.» Das Ergebnis hat ihn aber überzeugt. «Wir können jetzt noch besser variieren und mit der Dynamik spielen», erklärt von Arb, «es macht Spass, drei Gitarren miteinander zu verweben. Wenn wir früher zweistimmige Sachen spielen wollten, fehlte die Rhythmusgitarre.»

Mit Meyer, der 1981 und von 2004 bis 2008 schon bei Krokus spielte, kann die Band die Klangfarben erweitern: Während von Arb die urtypische, urchige Rock-Gitarre à la Chuck Berry oder Angus Young vertritt, ist Meyer eher der lyrische, melancholische Filigran-Techniker. Er übernimmt damit jene Rolle, die in der erfolgreichen Anfangszeit der 1986 verstorbene Tommy Kiefer hatte.

Definitiv nicht mehr dabei ist Freddy Steady. «Im Rock ist der Schlagzeuger zentral», sagt dazu von Arb, «wir brauchen einen Drummer, der uns antreiben kann, einen Karate-Exekutions-Drummer, der uns alten Säcke in den Arsch tritt. Das bringt nur ein Profi.» Freddy, der einen 100-Prozent-Job hat, konnte das nicht bieten.

Mit Dani Loeble (40) von der deutschen Metal-Band Helloween hat sich Krokus einen Weltklasse-Schlagzeuger geangelt, der live für Spektakel sorgen wird. Wenn der viel beschäftigte Loeble verhindert ist, springt Flavio Mezzodi, ein aufstrebender Schweizer Drummer, ein.

«In der aktuellen Ausgabe von Krokus vereinigen wir das Beste aus vier Jahrzehnten zu den besten Krokus aller Zeiten», sagt von Rohr. «Wir wollen das dickste Filet servieren, die ganz grosse Berner Platte mit kräftiger Solothurner Würze. Dabei werden wir zwar älter, aber die Band wird immer jünger,» ergänzt von Arb.

Ist «Dirty Dynamite» also die Quintessenz von 40 Jahren Krokus? Das persönliche Fazit von 50 gelebten Rock-’n’-Roll-Jahren? Setzt die Band zum grossen Finale, zum Schlussfeuerwerk an?

«Nur die Gesundheit kann uns stoppen», sagt von Rohr, doch er ist sich bewusst, dass es die letzte Runde sein könnte. «‹Dirty Dynamite› wäre kein schlechtes Schlusswerk, denn viel besser können wir kaum werden», sagt von Rohr, doch etwas muss noch kommen». Mit der gesteigerten Live-Potenz plant Krokus «das ultimative Live-Album». Dazu werden die Juni-Konzerte an den grossen europäischen Festivals wie «Hellfest» in Frankreich, «Sweden Rock» und «Metalfest Loreley» sowie die Auftritte an drei Schweizer Sommerfestivals aufgenommen. Das Beste kommt auf ein Live-Album mit dem Titel «Long Stick Goes Boom». Nach dem Fazit-Album wäre das Live-Fazit so etwas wie das Fazit des Fazits.

Krokus: Dirty Dynamite, Sony.
Live: 2. Mai, Volkshaus Zürich; 9./11. Mai,
Kofmehl Solothurn.
Weitere Livedaten: www.krokusonline.seven49.net


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