Am Freitag, mitten in der Sommersaison, gab Arosa Tourismus bekannt, dass im kommenden Winter alle Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren gratis die Skischule besuchen dürfen, falls sie mindestens zweimal in ausgewählten Hotels und Ferienwohnungen übernachten.

Die Aktion ist symptomatisch für die verzweifelte Lage in den Bergorten. «Das ist keine Krise, die in ein paar Jahren überstanden ist», sagt Ariane Ehrat, Tourismusdirektorin von St. Moritz und dem Oberengadin. «Wie die Uhrenindustrie vor vierzig Jahren steht der Schweizer Tourismus vor einer Zeitenwende.» Denn es sei nicht damit zu rechnen, dass die Wirtschaftskrise in Europa bald überstanden sei.

Zwar ging die Zahl der Hotelübernachtungen im ersten Halbjahr gesamtschweizerisch nur um 3,7 Prozent zurück. Doch das täuscht über die Misere in den Alpen hinweg. In den klassischen Bergferienorten in Graubünden, Wallis und Berner Oberland war der Rückgang deutlich stärker. In Flims/Laax etwa sank die Zahl der Logiernächte um 12Prozent, im Oberengadin um 8 Prozent, in Davos/Klosters um 7 Prozent.

Das sei erst der Anfang, warnt Guglielmo Brentel, Präsident des Branchenverbandes Hotelleriesuisse. In der Hochsaison im Juli und August habe sich die Lage noch verschärft. «Der Rückgang hat eher noch zugenommen. Ich rechne mit weiteren, in einigen Gebieten sogar bis zu zweistelligen Rückgängen.»

Noch schlimmer als bei den Logiernächtezahlen sieht es bei den Umsätzen aus. Auf breiter Front ist ein Preiskampf mit teils deutlichen Preisabschlägen im Gang. «Wir befürchten für das Gesamtjahr Einkommenseinbussen von bis zu 10 bis 15 Prozent», sagt Brentel.

Diese düstere Prognose ist nicht abwegig, wie aktuelle Zahlen aus der Stadt Zürich belegen: Im ersten Halbjahr ist bei 15 von Hotelleriesuisse befragten Hotels der durchschnittliche Ertrag pro Zimmer um 16 Prozent gesunken – und dies, obwohl die Übernachtungszahlen in Zürich stabil sind. Im stark vom Einkaufstourismus abhängigen Bündner Zollfreiort Samnaun sind die Umsätze sogar um 25 Prozent gesunken, wie Niculin Meyer von Scuol Samnaun Tourismus sagt.

Die fehlenden Einkünfte haben für viele Betriebe existenzielle Folgen. Guglielmo Brentel rechnet mit einer Beschleunigung des Hotelsterbens. Schon in den letzten zehn Jahren hatte die Zahl der Hotels jährlich um hundert abgenommen, auf heute gut 5400. «Jetzt geht der Schrumpfungsprozess schneller. Es werden mehr Betriebe verschwinden als in den letzten Jahren.» Gefährdet seien vor allem kleine Hotels, die mehr schlechte als rechte Zimmer anbieten.

Schlimmes befürchtet Brentel auch für die Arbeitnehmer. Bereits letztes Jahr seien in den Hotels und Restaurants 5000 der 160 000 Vollzeitstellen weggefallen. «Ich schätze, dass wir dieses Jahr weitere 5000 Stellen verlieren. Gesamthaft wurden also gegenüber der Zeit vor der Krise rund 10 000 Jobs gestrichen.»

Die Hoteliers leiden nicht nur unter dem starken Franken und den vielen verregneten Wochenenden, sondern auch unter dem Steuerdruck aus dem Ausland. Reiche italienische, deutsche und französische Gäste, die bisher ihre Bankgeschäfte mit den Ferien verbunden haben, bleiben aus. Das spüren laut Brentel vor allem Zürich, Lugano und Genf, aber auch Chur, wo viele Notare arbeiten, die Liegenschaften für deutsche Kunden verschreiben.

Am stärksten betroffen ist jedoch das Engadin mit seiner hohen Abhängigkeit von reichen italienischen Gästen. Seit die italienische Steuerfahndung Ausreisende schärfer kontrolliert, sinkt die Gästezahl. «Die Italiener haben Angst, die Grenze zu überqueren», sagt Guglielmo Brentel. «Sie werden dort richtiggehend schikaniert.» Das bestätigt Tourismusdirektorin Ariane Ehrat. «Wir spüren die eiserne Hand von Mario Monti ganz vehement.» In diesem Sommer besuchen 22 Prozent weniger Italiener das Oberengadin.

Freimütig räumen die Tourismusvertreter ein, dass die Krise aber auch selbst verursacht ist. «Die Qualität stimmt bei weitem nicht überall», sagt Ehrat. Es gebe noch zu viele Gastgeber, die nicht begriffen hätten, dass sie mit austauschbaren Produkten wie einem überteuerten Teller Spaghetti keine Überlebenschance haben.

Viele Hotels hätten zu wenig in die Erneuerung ihres Angebots investiert und die Ausbildung ihres Personals vernachlässigt, sagt Amédée Perrig, langjähriger Kurdirektor von Zermatt und Saas Fee. Unverständlich sei auch, dass viele Hotels ihren Gästen noch immer kein Gratis-WLAN anbieten.

In repräsentativen Gästebefragungen schneiden die Schweizer Hotels zwar gut ab. Es gebe nebst den vielen guten aber «zu viele schlechte Hotels», sagt selbst Hotelleriesuisse-Präsident Guglielmo Brentel. «Ein Drittel der Schweizer Hotels hat einen Nachholbedarf. Es gibt Hotels, die schon längstens zumachen sollten. Wenn Sie den Charme der Siebzigerjahre versprühen, dann nützt auch Freundlichkeit nichts.» Brentel räumt überdies ein, dass es in der Schweiz zu wenige familientaugliche Hotels gibt.

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