Herr Netzer, beneiden Sie Xherdan Shaqiri um das, was in München auf ihn zukommt?
Günter Netzer: Beneiden ist nicht das richtige Wort. Ich bewundere ihn, dass er sich zutraut, einen solchen Schritt zu gehen. Es ist nicht einfach, als derart junger Spieler aus einem Schweizer Klub in eine europäische Spitzenmannschaft zu wechseln. Und er rechnet natürlich damit, nicht nur auf der Bank zu sitzen. Er wird die neue Herausforderung aggressiv angehen. Das hoffe ich jedenfalls.

Also braucht es vor allem Mut?
Ich kann nicht sagen, ich gehe zu einem der besten Vereine Europas und erhalte einen stattlichen Vertrag, ohne den nötigen Mut zu haben. Dann wäre es eine falsche Entscheidung gewesen. Eigentlich muss man davon ausgehen, dass Shaqiri eine grosse Zukunft vor sich hat. Aber die könnte man auch anders gestalten, als mit 20 in die Spitze des Fussballs zu stossen. Das kann man auch in Zwischenschritten machen. Er hat sich nun aber für die grosse Türe entschieden. Das ist mutig.

Er wird sich auf seiner Position gegen die beiden Weltklassespieler Robben und Ribéry beweisen müssen.
Das kann ihm nicht neu sein, das sind Tatsachen. Er wird nicht vom ersten Tag an Stammspieler sein, aber aufgrund seiner Art viel bewegen können. Er ist technisch sehr beschlagen. Es kommt aber darauf an, ob er die nötige Durchsetzungskraft hat – in jeder Beziehung.

Was würden Sie ihm raten?
Er soll sich nicht verbiegen, sondern das tun, womit er schon in der Schweiz erfolgreich war. Wenn er nun plötzlich als der grosse Star auftreten will – das würde nicht gut gehen. Aber das wird er nicht tun. Ich sehe ihn als jungen, ehrgeizigen Mann, der sich aber nicht selber feiert.

Eine Armada von Journalisten lechzt im Haifischbecken München jeden Tag nach News und Skandalen. Da ist die Schweiz im Vergleich geradezu kuschelig.
Da haben Sie recht, aber Bayern München wird ihn schützen und die Auftritte dosieren. Manchester United liess David Beckham in den ersten drei Jahren gar kein Interview geben. Stellen Sie sich das einmal vor! Die grossen Vereine schützen ihre Spieler. Ausserdem hat Shaqiri schon Erfahrung mit Journalisten. Das sollte also kein Problem sein.

Sehen Sie bei ihm etwas, das Sie als junger Spieler auch hatten?
Lassen Sie mich überlegen ... Ich habe es wahnsinnig geliebt, Fussball zu spielen. Wir haben ja damals für unser Hobby sogar noch Geld bekommen. Ich bin auf der Strasse gross geworden als Fussballer ...

... so wie Shaqiri auch, der aus einfachen Verhältnissen stammt.
Das ist sehr hilfreich bei solchen Dingen. Es macht ehrgeizig. Man kann mir aber nicht unterstellen, dass ich der Ehrgeizigste war. Ich habe mich immer als Phlegma gesehen. Beckenbauer ist auch ein Phlegma. Besessenheit hat mir ein Leben lang gefehlt und war mir auch zuwider. Ob Shaqiri besessen ist, weiss ich nicht.

Ottmar Hitzfeld sieht ihn bereits als kommenden Publikumsliebling. Wird der Druck damit nicht noch grösser?
Nein. Ich denke nicht, dass Shaqiri unter Komplexen leidet. Er hat keine Hemmungen, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Er ist ursprünglich, er ist natürlich und er ist authentisch. Das sind gute Voraussetzungen. Er wird seine Chancen wahrnehmen, ohne dass er grössenwahnsinnig wird.

Aber kann das gut gehen, ein junger Mensch, der auf einen Schlag mehrfacher Millionär wird?
Grosse Verträge sind kein Teufelswerk, die mit einem Verfall des Charakters einhergehen. Das muss nicht in Überheblichkeit oder Grössenwahn enden. Früher haben wir jene Spieler, die Gefahr liefen abzuheben, im Training auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Auch heute wird die Mannschaft keinem 20-Jährigen erlauben, zu glauben, er sei schon besser als Ribéry, Gomez oder Schweinsteiger. Ich glaube nicht, dass Shaqiri so denkt.

Der Wechsel hat wegen des anstehenden Champions-League-Achtelfinals Bayern München gegen den FC Basel zusätzliche Brisanz. Wird ihn das motivieren oder hemmen?
Nein, das hemmt überhaupt nicht. Das wird ihn nicht beeindrucken. Er will sogar besonders gut spielen, um den Münchnern zu zeigen, dass sie richtig gehandelt haben. Wäre das anders, dann wäre er der falsche Spieler für den FC Bayern. Dann könnte man das Unterfangen gleich beenden. Auch ich habe am laufenden Band gegen meine Ex-Klubs gespielt. Während der 90 Minuten muss man für seinen Verein alles geben.

Zuletzt gewann Bayern unter Ottmar Hitzfeld die Champions League. Heute steht Hitzfeld als Schweizer Nationaltrainer in der Kritik. Zu Recht?
Ein Beispiel dazu: Auch Michael Ballack ist einem Irrtum unterlegen. Er sagte: Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Da irrt er sich aber gewaltig. Auch als gestandener Weltklassespieler, der vieles geleistet hat, ist man nach wie vor verpflichtet, erstklassige Leistung zu bringen. Diesem Leistungsprinzip unterliegt auch Ottmar Hitzfeld, selbst als einer der erfolgreichsten und besten Trainer der Welt. Wenn er keinen Erfolg hat, gibt es Kritik. Man kann nicht die Vergangenheit feiern und die Gegenwart ausser Acht lassen.

Ist ein älterer Trainer denn noch nahe genug an den jungen Wilden dran?
Der Altersunterschied ist kein Kriterium. Das ist doch absurd. Die Qualität eines Trainers ist entscheidend. Wenn dieser auf eigene Erfahrungen verweisen kann und damit auch erfolgreich war, dann müsste ein Spieler selber merken, dass er davon nur profitieren kann. Ein Trainer muss auch heute kein Unterhaltungskünstler sein. Die Spieler sollen den Trainer mit Leistung überzeugen.

Ein Trainer mit vielen Qualitäten ist der Schweizer Lucien Favre. Die «Sportbild» fragte diese Woche: «Ist er einer für die Bayern?» Ihre Antwort?
Das ist nicht mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten. Nicht nur das Interesse der Bayern ist wichtig, sondern auch, ob Favre das überhaupt möchte. Von seinen Fähigkeiten her passt es absolut, aber ob München in seine Philosophie hineinpasst, das muss Favre selber beurteilen. Nur weil er in Gladbach hervorragende Arbeit leistet, heisst das nicht, dass er das auch in München schafft. Das sind Weltstars. Mit denen müsste er anders umgehen, als mit seinen jetzigen Spielern. Auch wenn es ein kleines Wunder ist, was Favre derzeit in Gladbach leistet.

In der Schweiz gibt es mehr Schlagzeilen neben als auf dem Rasen. Machen Figuren wie Bulat Tschagajew bei Xamax oder Christian Constantin mit Sion den Fussball kaputt?
Sie schaden vor allem dem Ruf des Schweizer Fussballs. Jeder war über die gute Arbeit erstaunt, die in der Schweiz geleistet wird. Reihenweise gehen die guten Spieler ins Ausland. Ob nach Deutschland oder nach Italien. Der Schweizer Fussball hat einen Aha-Effekt ausgelöst. Auch dank der grossartigen Erfolge der Jugendmannschaften.

Doch jetzt ist Xamax in den Konkurs gegangen und Sion wurde mit einem Abzug von 36 Punkten bestraft.
Es ist ein Trauerspiel, was mit Xamax und Sion geschehen ist. Insbesondere auch, wie sich Constantin verhalten hat. Das kann man nicht nachvollziehen und nicht verstehen.

Er ist es nicht würdig, Präsident zu sein?
Constantin war schon immer so. Wenn man einen solchen Charakter hat, sind solche Dinge halt möglich. Das ist keineswegs gut. Er macht alles für diesen Klub und hat das auch verinnerlicht, aber er schiesst übers Ziel hinaus. Er hält sich für allmächtig und das ist nicht angebracht.

Ihre Meinung zu Bulat Tschagajew, der hinter Gittern sitzt?
Ich habe kürzlich Gilbert Facchinetti (Ex-Präsident Xamax, Anm. d. Red.) getroffen und gesehen, wie er gelitten hat. Er hat mir so leidgetan. Das war richtig traurig, ihn so zu sehen. Bei GC war doch auch so eine Sache mit einem windigen Investor. Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, wie man auf solche Menschen reinfallen kann. Das ist mir unbegreiflich.

Sie wären davor gefeit?
Das will ich nicht sagen, aber man hat doch ein Gefühl und eine Menschenkenntnis. Wenn jemand zu Xamax kommt – das ist ja kein Weltklub – und das Blaue vom Himmel verspricht, dazu mit zig Millionen winkt, wäre ich doch von der ersten Sekunde an vorsichtig. Das kann doch nicht seriös sein. Es ist mir unverständlich, dass man sich so leichtfertig in die Hände dieses Mannes begeben hat.

Bei GC war es Volker Eckel, der den Verein zum Gespött machte. Haben Sie als ehemaliger Hopper mitgelitten?
Natürlich! Ich habe ja auch schon überlegt, wie man GC helfen kann. Aber man kann im Augenblick nichts tun. Ich meine es nicht negativ, aber der Schweizer Fussball bewegt sich nun mal nicht im Rahmen der Bundesliga. Da sind die Möglichkeiten derart viel grösser. In der Schweiz ist es nicht möglich, in diesem Masse Sponsoren zu finden und Zuschauer in die Stadien zu holen. Die Schweiz ist eine andere Welt.

Sie waren als Manager beim HSV sehr erfolgreich. Ein Schweizer Klub wie GC wäre für Sie nie eine Option gewesen?
(Lacht.) Nein. Nach dem HSV habe ich immer gesagt: Der Fussball hat all meine Energien abgesaugt. Man wird mich nie mehr aktiv oder passiv irgendwo bei einem Verein sehen. Das hatte 1986 seine Gültigkeit, als ich beim HSV ausgestiegen bin und gilt bis heute. Ich habe für mich frühzeitig erkannt, dass es nicht meine Sache sein wird, bis ans Lebensende als Manager oder Präsident tätig zu sein. Das war für mich nicht der richtige Weg. Mit dieser Entscheidung bin ich bis heute überglücklich.

Wie müssen wir uns Ihren Alltag im Sportrechte-Business vorstellen? Hängen Sie permanent am Telefon und versuchen, weltweit Spiele an Land zu holen?
Hören Sie mal, ich bin Rentner! Um Gottes willen! Nein! Ich hatte mein ganzes Leben Spass an meinen Berufen. Ich hätte nie etwas tun können, das mir keine Freude bereitet. Da habe ich viele Dinge liegen gelassen, versäumt und auch das grosse Geld nicht mitgenommen. Dafür habe ich immer Spass, weil ich zu 100 Prozent dahinterstehen kann.

Warum arbeiten und leben Sie eigentlich in der Schweiz?
Ich habe schon nach meinem Jahr bei den Grasshoppers gewusst, dass ich wieder zurückkommen werde. Zürich hat mich so fasziniert, dass dies für mich eine beschlossene Sache war. Es ist der ideale Platz zum Leben. Die Schweizer haben eine wunderbare Art, halbwegs prominenten Menschen eine gewisse Anonymität zu geben. Das gibt es sonst nur in Amerika. Natürlich freue ich mich über den Bekanntheitsgrad, aber ich will doch kein öffentliches Leben führen.

Wer ist denn neben Ihnen und Gerhard Delling, die den begehrten Grimme-Preis erhalten haben, der drittbeste Fussballkommentator im deutschsprachigen Raum?
Damit tu ich mich jetzt ganz schwer.

Schafft es Bernard Thurnheer aufs Podium?
Beni hat seinen Anteil an meiner Fernsehentwicklung. Es war für mich ein riesiger Spass, mit ihm zu arbeiten. Und es war herausfordernd. Gott sei Dank kam er aus dem Genre der Unterhaltung. Da war er zu mir als trockenem, klar denkendem Menschen ein gutes Pendant. Es war eine sehr gelungene Sache.

Ihre Einschätzung, was die deutsche Nationalmannschaft an der EM in Polen und der Ukraine in ihrer extrem schwierigen Gruppe erreichen kann?
Die Deutschen fühlen sich nicht besonders wohl mit dieser ausdrücklichen Favoritenrolle. Das müssen Sie jetzt aber annehmen. Das haben sie sich erworben und erspielt. Man hat in der Qualifikation gesehen, wie sich die Mannschaft ständig weiterentwickelt hat. Ich habe das in Südafrika, wo sie den ersten Schritt gemacht haben, hautnah verfolgt. Es muss mir keiner sagen, er hätte damit gerechnet, dass es in diese Richtung gehen würde. Das war sehr beeindruckend. Seither müssen sich die Deutschen gefallen lassen, dass sie zu den Favoriten zählen.

Wird es zum EM-Titel reichen?
Spanien ist sicher der grösste Konkurrent. Aber schauen Sie sich das Niveau dieses Turniers an: Es ist auch ohne Argentinien und Brasilien wie eine Weltmeisterschaft. Daran hat sich nichts geändert und da kann alles passieren. Jetzt müssen die Deutschen beweisen, dass sie fähig sind, auch einen Titel zu holen. Das ist eine Forderung an die Mannschaft, mit der sie umgehen muss, weil es schon lange keinen Titel mehr gab. Das wird sich noch verstärken, je näher die Europameisterschaft kommt.

Wie gross ist die Gefahr, dass sich die Szene aus dem Jahr 2003 wiederholt, als der damalige Teamchef Rudi Völler nach einer enttäuschenden Leistung seines Teams die Nerven verlor und Ihre Analyse als «Scheissdreck» bezeichnete?
(Lacht.) Das würde ich ganz ausschliessen. In jeder Beziehung.

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