Vor einem Jahr wurde die Zürcherin Nora Illi, Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats, zum Symbol der Burka-Debatte. Heute fürchtet sie, die einst in der Punk-Szene aktiv war, wegen ihres Schleiers deportiert zu werden.
Name: Nora Illi. Alter: 27. Geboren in: Uster, Kanton Zürich, 32000 Einwohner. Beruf: Polygrafin. Zivilstand: verheiratet, vier Kinder. Status: schweizweit bekannt als die Frau mit dem Schleier, von der man nur die ungeschminkten Augen kennt.

«Mein Schleier gibt mir ein Gefühl von Freiheit», sagte Nora Illi vor einem Jahr in der SF-Talksendung «Club». Frauenrechtlerinnen waren geschockt: Wie kann eine junge Schweizerin 40 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts eine derartige Rolle rückwärts machen? Über Nacht wurde Nora Illi zum Symbol der Islam-Debatte. Viel gescholten, gehasst, aber auch bewundert. Die Antifeministen, die sich gestern in Winterthur trafen, hätten ihre Freude an der Frau, die überzeugt ist, ihre Freiheit dort gefunden zu haben, wo sie für die meisten Frauen aufhört.

Eine Wohnung in Kairo, draussen Sommerhitze, drinnen kühlt die Klimaanlage. Familie Illi macht Ferien in Ägypten. Nora Illi kann ungestört telefonieren – ihr Mann hütet die vier Kinder. «Hier fühlen wir uns wohl», sagt Nora Illi.

Und hier, in der arabischen Welt, beginnt die Geschichte der Konvertitin Nora Illi – mit dem Gebetsruf eines Muezzin. Er bekehrt die damals 17-Jährige, die mit ihrem Vater in Dubai Ferien macht. Heute sagt sie: «Ich spare mein Aussehen für meinen Mann auf.»

Das war nicht immer so. Als Jugendliche ist Nora in der Punk-Szene aktiv, rebelliert gegen die Normen einer Gesellschaft, in der das Äussere einen hohen Stellenwert hat. Ihr Vater ist Psychotherapeut aus Deutschland, die Mutter Sozialpädagogin. Die Ehe der Eltern ist geschieden. Nora sucht nach Halt in ihrem Leben – und findet ihn im Islam. Sie sagt: «Der Islam ist nicht einfach eine Religion, er ist das ganze Leben.»

Das Mädchen, das sich mit sieben Jahren auf eigenen Wunsch hin katholisch taufen liess, ist fasziniert von dieser Religion. Nora hat das Gymnasium abgebrochen, macht eine Lehre als Polygrafin in einer Druckerei am Zürichsee. «Sie war ein kleiner Revoluzzer», erinnert sich ihr Lehrmeister. «Ging am Wochenende auf Demos und engagierte sich für Palästina.» Er mag Nora, die wenig Wert auf die Meinung anderer legt. Sie ist eine fleissige Lehrtochter.

Bald dominiert der Islam ihr Leben mehr und mehr. Bei einer Solidaritäts-Aktion für Palästina lernt Nora Patric Illi kennen, verliebt sich in ihn. Sie überlegen, zu konvertieren. Eines Abends spricht Nora zu Hause das islamische Glaubensbekenntnis.

«Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt ausser Allah und dass Mohammad sein Prophet ist.» Damit beginnt ihre unglaubliche Verwandlung: Am nächsten Tag trägt die eher fest gebaute junge Frau bei der Arbeit statt Hosen und T-Shirt einen bodenlangen schwarzen Mantel. Ihre rotblonden Haare sind mit einem schwarzen Tuch verdeckt. Nora kommt das gelegen: «Mein Aussehen ist Privatsache.» Sie habe keine Lust, sich mit anderen Frauen in einen Wettbewerb zu stellen.

«Erst dachte ich, das geht vorüber», erinnert sich ihr Lehrmeister. Doch Nora legt den Schleier nicht ab. Im Gegenteil: Während ihrer Ferien in Jordanien heiratet sie Patric Illi – und verhüllt fortan ihr Gesicht mit einem so genannten Niqab. Sie praktiziert mit ihrem Mann, der sich nun Qaasim nennt und einen Bart trägt, einen sehr konservativen Islam – typisch für Konvertiten, sagen Islam-Wissenschafter. Sie würden sich hochstacheln in ihrem Bemühen, den Islam in seiner ursprünglichsten Form zu leben. Man könnte auch sagen: einen Islam wie in der Steinzeit. Der Nachrichtendienst des Bundes beobachtet sie.

Bald wird Nora Illi schwanger. Sie schliesst ihre Lehre mit Bestnoten ab – und geht voll auf in ihrer Rolle als islamische Frau, die für die Kinder und den Haushalt zuständig ist. Ein bisschen Bürgertum, ein bisschen Provokation in einer Gesellschaft, in welcher der Islam für viele ein rotes Tuch ist.

Ihrem Mann und Allah ist Nora Illi völlig ergeben. Sie tritt offen für die Mehrehe ein: «Die Aufgabe einer Frau ist es, ihren Mann zufriedenzustellen», sagt sie. Wenn im Koran stehe, dass ein Mann mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet sein kann, dann ist das so. «Es liegt in der Natur des Mannes, dass er sich irgendwann nach einer anderen Frau sehnt», sagt Illi. Sie findet: «Viele Frauen sind zu egoistisch. Ich habe keinen Besitzanspruch auf meinen Mann.»

Nora Illi bekommt drei weitere Kinder, eine Tochter, dann Zwillinge. Am Telefon begrüssen sich die Eheleute nun mit «Salam Aleikum», Friede sei mit dir. Sie engagieren sich im Islamischen Zentralrat der Schweiz, sie als Frauenbeauftragte, er als Pressesprecher. Der Verein gilt als Sammelbecken für Radikale. Doch ihr Timing ist perfekt, der Auftritt professionell: Während der Islam-Debatte ein Jahr später spielt Nora Illi die Rolle ihres Lebens. Sie wird zum Symbol für eine neue Art von Muslimin: jung, redegewandt, mit Schweizer Pass und freiwillig verschleiert.

Im fernen Kairo lernt Nora Illi nun Arabisch. Ihre beiden älteren Töchter tragen ein Kopftuch, wollen aussehen wie die Mutter. «Wir leben mit unseren Kindern den Islam», sagt Nora Illi. Und doch sollen sie später selbst entscheiden, ob sie sich verschleiern. Sie will den Niqab nicht mehr ablegen. Aber sie macht sich Gedanken – und provoziert auch damit: «Was, wenn die Islamophobie weiter zunimmt? Wenn ich mit dem Tode bedroht werde, wie bei der Deportation der Juden? Was mache ich, wenn ich deportiert werde wegen des Niqab?»

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