VON PATRIK MÜLLER

Stolz empfing Sport- und Verteidigungsminister Ueli Maurer diese Woche die WM-Cracks im Bundeshaus. Einem Spieler drückte Maurer die Hand besonders fest: dem FC-Basel-Star Benjamin Huggel (32), soeben zum Fussballer des Jahres gewählt. Huggel lächelte und sagte, er sei halt «leider» dienstuntauglich. Huggel, der in seiner Lehre als Landschaftsgärtner oft schwere Lasten schleppen musste, leidet an Rückenproblemen.

Huggel ist in bester Gesellschaft. Unter den Stammspielern von Ottmar Hitzfelds Equipe gibt es nur zwei, die in der Armee waren: Goalgetter Alex Frei (30) und Verteidiger Stéphane Grichting (31). Unter den Ersatzspielern finden sich vier Männer, die schon einmal eine Uniform trugen: die Ersatztorhüter Johnny Leoni (25) und Marco Wölfli (27) sowie Verteidiger Mario Eggimann (29) und der nachnominierte Ludovic Magnin (31).

Nimmt man das ganze 23-köpfige Nationalteam, fällt die Bilanz so aus: 17 machen kein Militär, 6 haben die RS hinter sich. Die Wehrquote beträgt bei der Nati 26 Prozent – das ist deutlich tiefer als im Durchschnitt der Schweizer Männer (66 Prozent).

Wie kann es sein, dass ein Spieler, der auf dem Platz Höchstleistungen erbringt, nicht fürs Militär taugt? Das Verteidigungsdepartement (VBS) darf nicht bekannt geben, welcher Spieler welches Gebrechen geltend machte. Franz Frey, Chef des militärärztlichen Dienstes, sagt aber: «Es muss kein Widerspruch geben zwischen Spitzensport und Untauglichkeit.

Ein Spieler kann Schlafwandler oder Epileptiker sein, das führt zu Untauglichkeit. Oder er kann eine Sehstörung haben und Kontaktlinsen tragen.» Oberfeldarzt Andreas Stettbacher ergänzt: «Spitzensportler haben ein spezielles Persönlichkeitsprofil, das nicht immer mit den psychischen Anforderungen im Militär übereinstimmt.»

Trotzdem bleibt der Verdacht: Bei Sportlern funktioniert der «blaue Weg» einfacher als beim Normalbürger. Bernard Challandes, neuer FC-Sion-Trainer und zuvor beim FCZ und bei der U21-Nationalmannschaft, sagt ohne Umschweife: «Nach meiner Erfahrung ist es für einen jungen Fussballer kein Problem, vom Militär wegzukommen. Wenn einer nicht will, findet er eine Lösung.» Dem widerspricht der Chef des militärärztlichen Dienstes: «Wir haben die Direktive, keine Sonderbehandlungen zu machen – und handeln entsprechend.»

Politiker stört die mangelhafte Wehrbereitschaft der Stars. Der St. Galler CVP-Nationalrat Jakob Büchler, Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK), sagt: «Ich frage mich schon, warum diese Fussballer ihr grosses sportliches Können nicht auch fürs Vaterland einsetzen.» In anderen Sportarten sei dies möglich: «Skifahrer Carlo Janka und Skispringer Simon Ammann haben beide die Spitzensport-RS besucht – und sind danach Weltmeister geworden, haben Olympia-Gold geholt und den Gesamtweltcup gewonnen.»

Auch der Baselbieter SVP-Nationalrat Christian Miesch, ebenfalls SiK-Mitglied, schüttelt den Kopf. «Die Armee würde den Fussballern hervorragende Bedingungen anbieten, sie könnten die Sportler-RS besuchen und so fit bleiben.» Ttsächlich lässt die Spitzensport-RS in Magglingen den Sportlern viele Freiheiten. Es gibt tägliche Trainings und für Wettkämpfe oder Spiele gibts grosszügig Urlaub.

«Wir versuchen, den Sportlern entgegenzukommen», sagt Franz Fischer vom Bundesamt für Sport, der für die Spitzensport-RS verantwortlich ist. Jüngst haben von den Fussballern der St. Galler Fabian Frei und der FCZ-Spieler Raphael Koch diese Rekrutenschule absolviert – jedoch keiner der jüngeren Spieler im Nati-Team, das an die WM fährt.

Immerhin bei einem Jungen gibts Hoffnung: Xherdan Shaqiri, dem 18-jährigen Shootingstar des FC Basel, steht die Aushebung noch bevor. Sein Vater Isen Shaqiri sagt: «Es ist noch offen, ob mein Bub ins Militär geht. Ich würde mich freuen, denn ich habe in Jugoslawien selber auch Dienst gemacht und das war gut.»

Für den Staat sind untaugliche Spieler übrigens ein lukratives Geschäft: Bis sie 30-jährig sind, müssen sie 3 Prozent ihres Einkommens als Ersatzsteuer abliefern. Wer eine Million verdient, zahlt also 30 000 Franken an den Fiskus – Jahr für Jahr.

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