VON PATRIK MÜLLER

Die Verabschiedung von Jürg Schmid bei Schweiz Tourismus (ST) liegt keine vier Wochen zurück: 1000 Gäste applaudierten bei der Feier am 5. Mai in Flims, und für den beliebten Direktor gabs Blumen. «Da wusste ich noch nicht, ob ich die SBB verlassen würde», sagt Jürg Schmid (47). Der «Sonntag» rekonstruiert, was dann innerhalb von neun Tagen geschah:

Montag, 17. Mai: Schmid tritt sein Amt als SBB-Personenverkehrschef an, nach sechswöchiger Einarbeitungszeit. Noch am gleichen Tag (!) teilt er dem ST-Vorstand mit, dass er die SBB verlassen werde. Schmid bestätigt diese Termine.

Mittwoch, 19. Mai: Die Findungskommission von ST trifft sich zu einer ausserordentlichen Sitzung. Der Kommission gehören an: Präsident Jean-François Roth, ehemaliger CVP-Bundesratskandidat, Vizepräsident Peter Vollmer, Ex-SP-Politiker, Eric Scheidegger vom Staatssekretariat für Wirtschaft und Gugliemo L. Brentel, Präsident von Hotelleriesuisse. Die vier sind sich einig: «Jürg Schmid ist der Beste, noch besser als die drei Kandidaturen, die sich im Rekrutierungsprozess herauskristallisiert hatten», sagt Roth.

Dienstag, 25. Mai: Schmid reicht bei den SBB frühmorgens die Kündigung ein. Gleichentags präsentiert die Findungskommission von ST dem 13-köpfigen Vorstand, also dem Wahlgremium, an dessen Sitzung einen einzigen Kandidaten: Jürg Schmid. «Ich weiss nicht einmal, wer die drei Alternativkandidaten waren», sagt ein Vorstandsmitglied. Der Vorstand schreitet sogleich zur Wahl:
Es gibt keine Gegenstimme für Schmid. Darauf wird die verdutzte Bundesrätin Doris Leuthard informiert.

Mittwoch, 26. Mai: Der Bundesrat bestätigt die Wahl. Am Nachmittag wird die Nachricht verbreitet: Jürg Schmid wechselt zu Schweiz Tourismus. Damit wurde der halbjährige Suchprozess, «der sehr sorgfältig und aufwändig war», wie Jean-François Roth sagt, Makulatur. Involviert waren die Headhunter von Schilling & Partner. Was sie gekostet haben, will Roth nicht sagen. Die SBB suchten ebenfalls mithilfe von Kopfjägern, die schliesslich Jürg Schmid fanden.

Recherchen zeigen: Insgesamt gaben ST und SBB rund 350 000 Franken für Headhunter aus. «Für Jobs auf diesem Niveau liegt das Honorar eines Headhunters üblicherweise zwischen 30 und 40 Prozent des Jahressalärs», sagt Christian Ulrich, Inhaber der Zürcher ExecutiveSearch-Firma Ulrich Associates. Der Jahreslohn des ST-Direktors beträgt 323 000 Franken, jener des SBB-Personenverkehrschefs rund 600 000 Franken. Hinzu kommen weitere Suchkosten. So führ-ten die SBB und ST für ihre Chef-Positionen aufwändige Assessments durch und spielten Fallstudien durch.

Dass die beiden Bundesbetriebe unnütze Suchkosten hatten, löst bei Jürg Schmid kein schlechtes Gewissen aus. «Es ist besser, wenn ich schnell kündige, als wenn ich geblieben und dann nach einem oder zwei Jahren gegangen wäre», sagt er. Zudem habe ST wegen der Vakanz vier Monate lang das Direktorensalär gespart.

Die SBB gleisen die Suche jetzt völlig neu auf. «Wir greifen nicht auf Kandidaten des abgeschlossenen Verfahrens zurück – sie wären ja zweite Wahl», sagt ein Bahnsprecher. Offen ist, ob die Headhunter wegen Schmids Kündigung in der Probezeit nun ohne Zusatzhonorar neue Kandidaten präsentieren müssen.

Bei Schweiz Tourismus sind alle happy. Wer sich umhört, findet nicht den leisesten Zweifel an der «einzigartigen Befähigung von Jürg Schmid für diesen Job», wie es Urs W. Studer, Vorstandsmitglied und Luzerner Stadtpräsident, formuliert.

Zumindest einer dürfte bei Schweiz Tourismus aber enttäuscht sein: Jürg Schmids Stellvertreter Urs Eberhard. Er war nach «Sonntag»-Informationen der Favorit für Schmids Nachfolge; bei seinen beiden Gegenkandidaten handelte es sich um Quereinsteiger. Nun bleibt Eberhard Vizedirektor unter Schmid. Dieser hat deswegen keine Bedenken: «Urs Eberhard hat sich herzlich und aufrichtig über meine Rückkehr gefreut», sagt er.

Jürg Schmid muss auch wieder eng mit SBB-Chef Andreas Meyer zusammenarbeiten. Die SBB sind ein wichtiger Partner von ST. Auch da sieht Schmid kein Problem. Doch gemäss SBB-Insidern ist Meyer «sauer» über den Express-Abgang von Schmid in der Probezeit. «Auf diesem Kaderniveau ist das unanständig», sagt ein SBB-Topmanager. «Schmid hätte sich vorgängig besser informieren müssen – etwa bei seinem Vorgänger als SBB-Personenverkehrschef, Paul Blumenthal, der seit Jahren im Vorstand von Schweiz Tourismus sitzt.»

Immerhin: Bei Schweiz Tourismus will sich Schmid jetzt langfristig engagieren. Er sagt: «Würde ich in einem oder in zwei Jahren schon wieder etwas Neues machen, wäre meine Glaubwürdigkeit gefährdet.»

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