Es sollte die Geschichte des Jahrzehnts werden. Während Verleger Roger Köppel in den Ferien weilte, gerieten seine Redaktoren ausser Kontrolle – ihr Jagdfieber erinnert an den «Fall Borer» bei Ringier. Inzwischen relativieren die Journalisten ihren zentralen Vorwurf.

Redaktor Andreas Kunz kann den Triumph seines Blatts kaum erwarten. Am Dienstag, zwei Tage vor Erscheinen der «Weltwoche», kündigt er auf Facebook eine «Atombombe» an. Ihr Konstrukteur ist jedoch nicht Kunz, sondern die Bundeshaus-Legende Urs Paul Engeler, soeben zum «Schweizer Journalisten des Jahres» gekürt.

Am Mittwoch um die Mittagszeit zündet der stellvertretende Chefredaktor Philipp Gut die Bombe, indem er eine Vorabmeldung verbreitet. Deren Inhalt ist in der Tat explosiv: «Am 15. August 2011, drei Wochen vor der Festsetzung der Euro-Untergrenze von CHF 1.20, hat Herr Hildebrand (...) für 400 000 Franken gut 504 000 US-Dollar gekauft (Kurs: 0,7929). Am 4. Oktober 2011, (...) hat Herr Hildebrand diese Dollar-Position mit einem Gewinn von 75 000 Franken wieder abgestossen (Kurs: 0,9202).»

Die entscheidende Enthüllung sind indes nicht diese Zahlen, sondern die Aussagen eines Whistleblowers, die «keinen Zweifel» zulassen würden: «Der Auftrag, US-Dollars zu kaufen, kam von Hildebrand persönlich.» Erst diese – wie sich später herausstellt – unbelegte Behauptung, die der bisherigen Darstellung widersprach, dass Hildebrands Frau Kashya die Transaktionen tätigte, macht die Geschichte zum Skandal. Innert Minuten schwappt die Newswelle um die Welt.

Starjournalist Engeler zieht in seiner Titelstory genüsslich Bilanz: «Der viel gerühmte und auffällig geschniegelte Herr Hildebrand selbst entpuppt sich als Gauner, der sich illegal Vorteile erschleicht.» Engeler sieht eine monströse Verfilzung und fällt sein Urteil: Nicht nur Hildebrand müsse zurücktreten, sondern auch der gesamte Bankrat sowie die drei Bundesräte Doris Leuthard, Eveline Widmer-Schlumpf und Johann Schneider-Ammann seien «ab sofort nicht mehr tragbar».

Blattmacher Philipp Gut haut in seinem Kommentar in die gleiche Kerbe, und Verleger Roger Köppel, in Klosters in den Skiferien, schreibt im Editorial, den «Fakten» seines Starschreibers trauend, von einem «Riesenskandal»: «Wie aus sicherer Quelle hervorgeht, ordnete der SNB-Präsident die Devisengeschäfte eigenhändig an. Als ihn sein Bankberater auf die Fragwürdigkeit der Operationen hinwies, soll Hildebrand am Telefon aggressiv geworden sein.»

Doch bereits am Mittwoch, dem Tag der brisanten Vorabmeldung, verheddern sich die «Weltwoche»-Journalisten in Widersprüchen: Philipp Gut lässt sich auf «20 Minuten Online» zitieren, es sei unsicher, ob auch die heikle Transaktion vom 15. August von Hildebrand selbst ausgeführt wurde – was tags darauf im Blatt jedoch schwarz auf weiss behauptet wird. Aus den herumgebotenen «mehreren Quellen» wird im Verlauf des Donnerstags eine einzige Quelle. Weder Hildebrands angeblich eingeschüchterter Bankberater stützt diese Darstellung, noch hat jemand gegen den SNB-Präsidenten Strafanzeige eingereicht, wie die «Weltwoche» titelte.

Entsprechend verunsichert verfolgt die «Weltwoche»-Crew am Donnerstagabend die Medienkonferenz von Philipp Hildebrand. Mit versteinerten Mienen sitzen Engeler, Köppel und Gut nebeneinander im überfüllten Nationalbank-Saal. Hildebrand dementiert klipp und klar die Darstellung, wonach er die umstrittene Dollar-Transaktion veranlasst habe: «Es war meine Frau, die das Geschäft aus ihrer Galerie tätigte. Das ist auch im E-Mail-Verkehr ersichtlich.» .

Das «Weltwoche»-Team dagegen steht ohne handfeste Beweise da. Während der Medienkonferenz rudert Chefredaktor Roger Köppel mit den Armen, weil er Fragen stellen will, von Hildebrand jedoch wiederholt nicht aufgerufen wird (Köppel spricht später nicht zu Unrecht von «sowjetischen Zügen»).

Nach der Medienkonferenz rudern dann Köppels Mitarbeiter zurück. Autor Urs Paul Engeler räumt im Gespräch mit dem «Sonntag» ein, er würde nicht die Hand ins Feuer legen, dass – wie er geschrieben hat – tatsächlich Hildebrand selber die Transaktion getätigt habe. «Ich habe einfach krampfhaft versucht, mit dem Menschen (er meint die Quelle, die Red.), ein Gespräch zu bekommen.» Dazu sei es aber nicht gekommen: «Der Kontakt lief immer über einen Dritten, der dann meine Fragen weiterleitete.» Deshalb habe er vom Mittelsmann, mittlerweile als Anwalt und SVP-Mitglied Hermann Lei identifiziert, «etwas Schriftliches» verlangt, weil er ja «irgendeine Basis» gebraucht habe.

Engeler betont jedoch, er habe auch aus «Plausibilitätsüberlegungen» der Version seiner Quelle geglaubt. Konkret leitete er seine weitreichenden Schlüsse («Gauner»-Vorwurf, Massenrücktritte) aus der «Faktenlage» ab: den noch immer als Fragezeichen im Raum stehenden Aktienkäufen, die am 15. August ebenfalls via Hildebrands Konto getätigt wurden.

Doch folgte da Engeler wirklich seinem Credo, das er im Interview mit dem aktuellen «Schweizer Journalisten» so formuliert: «Man muss die Information einfach journalistisch sauber abklären und darf sich nicht dem Informanten ausliefern.»? Im Interview mit der «Basler Zeitung» hielt Engeler gestern wieder unbeirrt an seiner Darstellung fest: «Inhaltlich nehme ich meinen Artikel nicht zurück.»

Roger Köppel selbst erkennt nach Hildebrands dezidiertem Dementi sofort, dass er sich absichern muss für den Fall, dass der SNB-Chef eben doch nicht selber handelte. Ob Herr oder Frau Hildebrand die Dollar-Transaktion veranlasst habe, sei «nicht zentral», so seine ad hoc entwickelte Verteidigungslinie, die er noch gleichentags als Leitartikel auf der «Weltwoche»-Website publiziert. Er kapriziert sich dabei auch auf die Darstellung, bis zur «Weltwoche»-Enthüllung sei in den Zeitungen die Rede davon gewesen, dass die Transaktionen über das Konto von Hildebrands Frau liefen – was allerdings nicht so dargestellt wurde. Stellvertreter Gut argumentiert ebenfalls, nicht die Details im Artikel seien relevant, sondern der Blick aufs Ganze. Mit dieser Haltung werfen die «Weltwoche»-Chefs jedoch auch alle journalistischen Prinzipien über Bord.

Dies stösst auch bei der «Weltwoche» zugewandten Politikern auf Kritik. «Ich war bisher der Ansicht, dass es Wadenbeisser wie Köppel und die ‹Weltwoche› braucht, um vom Mainstream links liegen gelassene Missstände aufzudecken», sagt zum Beispiel Grünliberalen-Chef Martin Bäumle. «Nach dem Fall Hildebrand muss ich sagen, dass ich zu naiv war. Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun.» Er fordert finanzielle Konsequenzen: «Die ‹Weltwoche› muss monetär haftbar gemacht werden. Es geht nicht an, zu akzeptieren, dass ein Medium unter Missachtung aller journalistischen Regeln gezielt die Institution SNB destabilisiert. Wäre Köppel ein Politiker, wäre diese Geschichte sein Karriereende.»

Dass Chefredaktor Köppel noch im SNB-Saal versuchte, die «Atombombe» zu entschärfen, zeige, dass die in seiner Abwesenheit konstruierte Geschichte in einer Stimmung des «Jagdfiebers» entstanden sei, sagt ein Eingeweihter: So müsse es auf der «SonntagsBlick»-Redaktion gewesen sein, als man glaubte, Thomas Borer stürzen zu können. Doch die Bombe war zu diesem Zeitpunkt längst geplatzt. Am Freitagmorgen twitterte Redaktor Kunz: «Hauptsache, es explodierte».

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