Er ist als Tennis-Mozart beschrieben worden. Als Genie, als Maestro, als Artist. Als Zauberer, als König, als Kaiser, als Imperator, als Herrscher der Centre Courts. Und als die Superlative gerade ausgingen für Roger Federer, hat der zu früh verstorbene US-Schriftsteller David Foster Wallace sogar noch von einer «religiösen Erfahrung» gesprochen, von jenen ganz besonderen «Federer-Momenten», die sich irgendwie ausserhalb irdischer Massstäbe und Dimensionen abspielen würden.

An diesem Montag wird der Mann, dem jahrelang rund um die Welt die Lobeshymnen gesungen und die Lorbeerkränze geflochten wurden, nun 30 Jahre alt. Und für jemanden, der mit seinen Gaben, Talenten und Kräften scheinbar nicht immer ganz von diesem Planeten schien, ist dieser Roger Federer doch erstaunlich bodenständig und erdverbunden geblieben. Es gibt Leute, die Federer mehr Arroganz, mehr Extravaganz, mehr Exzentrik gewünscht hätten, als wilder Rock-’n’-Roll-Star des Tennis, doch mir war der ziemlich normale, unprätentiöse und freundliche Zeitgenosse stets lieber. Einer, der allürenfrei durch die schillernde Scheinwelt des Wanderzirkus ging und kein Blendwerk lieferte.

Natürlich hat Federer sich in den grandiosen Jahren seiner Karriere verändert. Aber nicht in dem Sinne, dass er opportunistisch geworden ist und seinen Charakter verbogen hat. Als Chef des Unternehmens Federer blieb sich Federer treu, auch wenn er zuweilen harte, brutale und einsame Entscheidungen zu treffen hatte. Er trennte sich von Bekannten und Freunden, knüpfte neue Allianzen, heuerte und feuerte Berater – doch er gehorchte einer inneren Logik in diesem unbarmherzigen Geschäft. Der Hellsichtigkeit, wie und mit wem er sportliche Erfolge durchsetzen musste, verdankte er vor allem die lange, überlange Glanzzeit als Numero uno im Tennis. Sentimentalitäten könne man sich «nicht leisten» in dieser Profibranche, sagte mir Federer schon vor ein paar Jahren, aber nicht sentimental zu sein, dafür habe er «einige Zeit» gebraucht.

Um seinen 30. Geburtstag macht Federer kein grosses Tamtam. Vor einem Vierteljahr sprach ich ihn auf das Jubiläum an, und Federer tat fast so, als habe er es ganz aus dem Blickfeld verloren: «Kein grosses Ding» sei das, sagte er, er sei zwar froh, «nicht mehr zwanzig zu sein», aber er fühle sich gleichzeitig auch nicht «wie ein Dreissiger.» Andererseits: Seine grössten Rivalen Novak Djokovic und Rafael Nadal, die nicht zuletzt so gut wurden, weil Federer so gut war als Frontfigur, sind fünf und sechs Jahre jünger und werden keinesfalls müde in ihrer Titeljagd. Wo Federers Weg jenseits der Dreissig hinführt, der sportliche Weg? Ich gebe zu, dass ich da keine schlaue Antwort liefern kann. Von denen, die alles schon zu wissen glauben und alles analysieren können, gibt es ja schon genug.

Seiner Sportart Tennis hat Federer in den schönsten Jahren seiner Karriere weit über deren Grenzen hinaus Schlagzeilen und Beachtung verschafft. Der Tennisspieler Federer wurde mehrfach Weltsportler des Jahres, er wurde zum globalen Gesicht und zur globalen Marke. Die Initialen RF auf einem T-Shirt oder einer Baseballkappe stehen heute wie selbstverständlich für den Mann mit dem kantigen, einprägsamen, unverwechselbaren Gesicht, der trotz aller Popularität nicht davor zurückscheut, einfach so durch die Wolkenkratzerschluchten in Manhattan oder über die Champs Élysées in Paris zu laufen. Federers Naturell ist es nicht, sich im goldenen Käfig gefangen halten zu lassen. Und das übrigens auch nicht, nachdem er Ehemann und Vater der hübschen Zwillingstöchter Myla und Charlene geworden ist. «Warum sollte ich mich verstecken», returnierte Federer eine Frage von mir, unlängst in Madrid, als ich ihn gerade mit Frau und Familie durch die City spazieren sah.

Hat dieser Mann überhaupt noch Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen an sein Leben, die noch nicht erfüllt worden sind? Hat er Angst vor einem Morgen, an dem er nicht mehr in eine prallvolle Arena mit 25000 Menschen spazieren wird, so wie demnächst wieder bei den US Open? «Mein Leben ist wie ein Traum», hat Federer mir in diesem Frühling gesagt, er sei «glücklich und dankbar, wie sich alles entwickelt hat.» Und dann hat er hellsichtig hinterher gesagt, er wisse ganz genau, «dass ich nichts mehr so gut machen werde wie Tennisspielen, wie denn auch.»

Was aber soll man ihm, von aussen betrachtet, wünschen für die letzten Jahre seiner Karriere? Vielleicht, hin und wieder als Freigeist durch den Wanderzirkus schweben zu können, sich den eigenen, klammheimlichen Wunsch zu erfüllen, «auch mal bei exotischen Turnieren anzutreten, wo ich noch nie war.» Vielleicht noch öfters Klartext zu reden, so wie kürzlich in Wimbledon, als er sich über die «dummen Fragen» aus Teilen der Reportermeute beschwerte, Fragen, die sich mal wieder um das Ende der Epoche Federer drehten. Vielleicht ein bisschen mehr Liebe zum oft verschmähten Davis Cup und zu einem letzten, leidenschaftlichen Titelanlauf für die Schweiz?

Ich sah Federer schon als Junior bei den Nachwuchsturnieren der Grand Slams spielen. Ich erlebte ihn als jähzornigen Jungprofi, der sich mit Schiedsrichtern anlegte und Schläger zertrümmerte. Ich hatte wie viele in der Branche meine Zweifel, ob er jemals sein Können auch auf den grossartigsten Bühnen der Tenniswelt ausspielen würde. Ich war erstaunt, welche Potenziale er dann freisetzte, welche Höhen er erreichte, welche Konstanz er zeigte, welche Abwehrkräfte er selbst gegen die stärksten Herausforderer entwickelte. Die Arbeit mit ihm wurde schnell zum Vergnügen, blieb auch immer ein Vergnügen, zumal ich nie in den billigen Klagechor derjenigen einstimmte, die ihn gern als Biedermann und Langweiler charakterisierten.

Wo heutzutage schon zweitklassige Fussballer ihre Bekanntheit mit Bedeutung verwechseln und, wenn sie denn zum Rest der Menschheit sprechen, eher Banalitäten von sich geben, hatte Federer immer etwas zu sagen. Selbst noch im abertausendsten Interview steckte immer ein Erkenntnisgewinn. Nicht nur das werde ich vermissen, wenn Federer eines Tages nicht mehr die weltumspannenden Reisen durch den Tenniscircuit unternimmt. Vorerst aber: Happy Birthday, Roger.

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