VON MICHAEL WALTHER

Der Zug rast mit 200 km/h auf der Neubaustrecke Richtung Olten. Zum x-ten Mal nimmt der Sitznachbar sein Handy vom Ohr, starrt verärgert auf das Display und seufzt. Die Verbindung ist weg. Im Abteil nebenan spielt sich dieselbe Szene ab.

Ein Ärgernis,das sich in den letzten Monaten häufte, berichten Pendler. Der FDP-Nationalrat Ruedi Noser beispielsweise ist oft zwischen Bern und Zürich unterwegs. Er hat aufgehört, im Zug zu telefonieren. Er sagt: «Es geht schlicht und einfach nicht.»

Das typische Gespräch im Zug ist: «Hallo, hörst du mich noch?» Noser ist nicht der Einzige, der solche Erfahrungen gemacht hat. Auch Reto Brennwald, Moderator der Fernsehsendung «Arena» auf SF, sagt: «Es ist schwierig, ein längeres Gespräch zu führen, weil man damit rechnen muss, mehrmals unterbrochen zu werden.»

Der FDP-Nationalrat und ehemalige SF-Chefredaktor Filippo Leutenegger sagt: «Es ist unglaublich – diese permanenten Unterbrüche sind ein Ärgernis. Wenn wir schon so hohe Gebühren bezahlen, erwarte ich auch, dass es funktioniert.»

Das Problemist den Netzanbietern Swisscom, Orange und Sunrise bekannt. Von einer Häufung bei den Verbindungsproblemen will aber niemand sprechen. Die Swisscom habe in den letzten Jahren viel zur Verbesserung des Mobilfunkempfangs entlang der Bahnlinien getan, sagt Pressesprecherin Myriam Ziesack. In Stosszeiten könne es bei vollen Zügen aber tatsächlich zu Kapazitätsengpässen kommen.

An seine Grenzen kommt das Netz, weil in den Zügen immer mehr Leute telefonieren. Im fahrenden Zug werden die Verbindungen von einer Funkzelle zur nächsten weitergegeben. Ist eine solche bereits ausgelastet, brechen Verbindungen ab. Der Datenverkehr von Smartphones, iPads und Notebooks konkurrenziert die Sprachtelefonie zwar nicht, Engpässe gibt es aber auch dort. Laut eigenen Angaben verdoppelt sich auf dem Netz von Swisscom das übertragene Datenvolumen alle sieben Monate, ein Ende dieses Trends sei nicht in Sicht.

Eine technische Hürdesind Eisenbahnwagen für Handysignale schon wegen der Bauweise. Die Funkwellen werden wie in einem Faradaykäfig vom Wagengehäuse abgeschirmt. Dazu tragen auch die Fensterscheiben bei, die zur Wärmeisolation mit Metall beschichtet sind.

Telefonieren und Surfen sind in vielen Bahnwagen deshalb nur dank Verstärkern – so genannten Repeatern – möglich, die das Signal in das Innere des Wagens übermitteln. «Ohne Repeater ist der Empfang vergleichbar mit jenem in einem Luftschutzkeller. Die Dämmung im Zug ist massiv», erklärt Myriam Ziesack von Swisscom. Bis 2015 wollen Swisscom, Sunrise und Orange gemäss der «SonntagsZeitung» zusammen mit den SBB alle Züge mit solchen Verstärkern und Antennen im Zuginnern ausrüsten. «Das wird eine grosse Verbesserung bringen», sagt Ziesack.

Die Aufrüstung der Züge mit Antennen verursacht aber auch Missmut. Als im Juli bekannt wurde, dass die neuen Doppelstockzüge der SBB mit drahtlosen Internetzugängen ausgerüstet werden sollen, protestierten Mobilfunkgegner bei den SBB. «Für Reisende mit Sensibilität gegenüber Funkstrahlung sind die SBB bereits zur ‹No-go-Area› geworden», stand in einem Brief der Vereinigung Funkstrahlung.ch an SBB-Chef Andreas Meyer. Auf Antennen in den Zügen solle man doch bitte verzichten.

Gegenüber dem «Sonntag» verdeutlicht der unterzeichnende Initiant Hansueli Stettler, was er will: «An allen Zügen ein Wagen in nature, ganz ohne Antennen.» Unterbrüche gäbe es dann keine mehr. Es würde komplette Funkstille herrschen.

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