Herr Poletti, Christoph Mörgeli und die «Weltwoche» behaupten, Sie hätten den in der «Rundschau» anonym aufgetretenen Arzt, der Mörgeli vorwirft, Doktortitel für fragwürdige Dissertationen vergeben zu haben, identifiziert. Hat die «Rundschau» den Quellenschutz vernachlässigt?
Mario Poletti: Ich sage in aller Deutlichkeit, dass Herr Mörgeli und die «Weltwoche» zu 100 Prozent danebenliegen und - meines Erachtens - höchst fahrlässig eine Person als Informant outen, mit der die «Rundschau» für die Recherchen nie gesprochen hat, was er in der «Weltwoche» auch klipp und klar sagt. Über derartige Methoden bin ich einigermassen schockiert. Ich sage offen, dass ich die «Weltwoche» gerne lese, weil sie immer wieder starke Recherchen publiziert. In diesem Fall hat sich «Weltwoche»-Autor Alex Baur jedoch komplett verrannt.

Die «Weltwoche» schreibt, der anonyme Arzt, der in der «Rundschau» aussagte, er habe für seinen Doktortitel «wissenschaftlich rein gar nichts leisten» müssen, sei tatsächlich Zahnarzt und habe den Doktortitel nie erhalten.
Hätte die «Weltwoche» uns vor der Publikation gefragt, ob wir bestätigen können, dass dieser Zahnarzt unsere Quelle sei, hätten wir sie vor dieser Fehlleistung bewahren können.

Hat die «Weltwoche» bei Ihnen nicht nachgefragt, ob Sie den richtigen Arzt identifiziert hat?
Leider nein. Zwar hat sich Alex Baur bei mir gemeldet, aber es ging vor allem darum, ob für das Schattenbild der tatsächliche Informant gefilmt wurde. Ich habe ihm bestätigt, dass selbstverständlich der tatsächliche Informant zu sehen ist. Aber selbstverständlich haben wir dafür gesorgt, dass er nicht erkannt werden kann.

Mit einer Perücke? Einer Brille, die er normalerweise nicht trägt?
Vielleicht haben wir ihm auch nur eine andere Frisur gemacht. Ich kann dazu nur sagen, dass wir als TV-Profis selbstverständlich nicht eine anonyme Quelle in ihrem markanten Profil abfilmen. Und dass wir in solchen Fällen die Stimme von Informanten von einem Schauspieler nachsprechen lassen. Das gehört zu den Grundregeln des Fernsehhandwerks.

Das heisst, es ist schlicht unmöglich, die Quelle aufgrund des Schattenbilds oder der Stimme erkannt zu haben, wie Mörgeli und die «Weltwoche» behaupten?
Zumindest ist es abenteuerlich, unsere Quelle so enttarnen zu wollen. Ironie des Schicksals ist, dass der Zahnarzt, den die «Weltwoche» fälschlicherweise geoutet hat, unserer gezeigten, veränderten Silhouette offenbar sehr ähnlich sieht. Ich bedaure sehr, dass die «Weltwoche» in diesem Fall journalistisch derart unsauber gearbeitet hat und eine unbeteiligte Person in den Fall verwickelt.

Die «Weltwoche» hält gemäss Autor Alex Baur an ihrer Darstellung fest, die Quelle enttarnt zu haben.
Dann tut sie das wider besseren Wissens. Stellen Sie sich vor, wir würden als öffentlich-rechtlicher Sender in diesem Fall die Unwahrheit sagen. Das würde nicht nur meinen Kopf als Redaktionsleiter kosten, sondern zu Recht auch weitere Konsequenzen nach sich ziehen. Es ist ja auch kein Zufall, dass sich Herr Mörgeli an der Pressekonferenz sehr zurückhaltend zur angeblich enttarnten Quelle geäussert hat.

Es würde der Klarheit dienen, wenn der anonyme Arzt offen zu seinen Vorwürfen stehen würde. Ist das denkbar?
Dazu kann ich nur so viel sagen: Wenn man jetzt sieht, mit welchen Methoden Herr Mörgeli mit Schützenhilfe der «Weltwoche» versucht, die Quelle allein auf vagen Verdacht hin an die Öffentlichkeit zu zerren, um den Informanten zu diskreditieren, hatte er wohl das richtige Gefühl gehabt, als er auf Anonymität bestanden hat. Zudem spricht es für seine Glaubwürdigkeit, dass er sich mit seiner Aussage, die Dissertation nicht selber verfasst, sondern gegen Bezahlung in Auftrag gegeben zu haben, auch selber belastet, was ein weiteres Argument ist, anonym bleiben zu wollen.

Wie gross ist bei rund 60 von Mörgeli betreuten Doktoranden das Risiko, dass der Informant doch noch enttarnt wird?
Ich hoffe, dass Herr Mörgeli und die «Weltwoche» aufhören, nach dem Zufallsprinzip Leute zu verdächtigen, um damit vom Thema abzulenken, um das es eigentlich geht: Dissertationen für buchstabengenaue Abschriften ohne oder nur mit wenig wissenschaftlicher Aufarbeitung vergeben zu haben.

Mörgeli hat diese Woche in einer Medienkonferenz der «Rundschau» in der Recherche zu den Scheindissertationen 66 sachlich-inhaltliche Fehler vorgeworfen. Herr Poletti, wie viele Fehler räumen Sie ein?
Drei kleine Fehler, zu denen wir stehen und die wir bedauern. An der Aussage unserer Recherche hat sich deswegen aber nichts geändert.

Was sind das für Fehler?
Wir haben Archivmaterial aus der Sendung «Schweiz Aktuell» mit einem falschen Datum versehen und 2013 statt 2012 geschrieben. Weiter haben wir eine Textpassage im Zusammenhang mit einer Stellungnahme des Zürcher Regierungsrats unpräzise wiedergegeben. Nicht die Zürcher Regierung hat die betreffenden Dissertationen als zu wenig wissenschaftlich bezeichnet, sondern Flurin Condrau, der Leiter des Medizinhistorischen Instituts. Auch entstand der Eindruck, nur die von Christoph Mörgeli betreuten Doktoranden seien aus dem Forschungsverzeichnis der Universität Zürich gestrichen worden, obwohl dies offenbar alle Doktorarbeiten des Medizinhistorischen Instituts betrifft. Weiter haben wir laut Mörgeli grammatikalisch falsch von «durchgewunken» statt «durchgewinkt» gesprochen. Alles in allem ärgerliche Versehen, die bei einer Recherche dieser Dimension aber passieren können und - wie gesagt - absolut nichts an der in unserer Recherche vorgebrachten Kritik an Herrn Mörgeli ändern.

Mörgeli habe Doktortitel für buchstabengenaues Abschreiben vergeben, lautet der Hauptvorwurf der «Rundschau». Mörgeli sagt, Transkriptionen seien eine respektable wissenschaftliche Leistung und die Ansprüche an medizinische Dissertationen weniger hoch als in anderen Fächern.
Eine Transkription ist je nach Schriftbild eine anspruchsvolle Fleissarbeit, letztlich aber eben eine buchstabengetreue Abschrift bestehender Texte. Das gilt nach gängigen Kriterien nicht als wissenschaftliche Arbeit. Dafür müssen Abschriften interpretiert, eingeordnet und mit Querverweisen auf andere literarische Quellen versehen werden, was in den von uns recherchierten Doktorarbeiten nicht oder nur teilweise der Fall war.

Hätten die tieferen wissenschaftlichen Ansprüche an eine medizinische Dissertation im Beitrag nicht klarer herausgearbeitet werden müssen?
In der Anmoderation wurde klar gesagt, dass eine medizinische Dissertation nicht vergleichbar sei mit einer Dissertation in den Geisteswissenschaften und dass dies bekannt sei. Im Beitrag ging es dann um die neue Dimension, dass Christoph Mörgeli und der frühere Institutsleiter Beat Rüttimann an der Universität Zürich Doktortitel für buchstabengetreue Abschriften ohne die erforderliche wissenschaftliche Einordnung vergeben haben. Dass dies auch für medizinische Dissertationen ungenügend ist, haben uns die Universitäten Bern, Basel und Lausanne im Beitrag eine Woche nach dem ersten Beitrag auch in aller Klarheit bestätigt.

Warum hat die «Rundschau» nicht schon im ersten Beitrag die Qualitätsansprüche an medizinische Dissertationen an der Universität Zürich mit den Ansprüchen an anderen Universitäten verglichen?
Weil es nicht möglich ist, in einem TV-Beitrag ein Thema in allen Dimensionen darzustellen und ein klarer Fokus gewählt werden muss. Und dieser Fokus lag im ersten Beitrag auf den fragwürdigen Doktorarbeiten, die Herr Mörgeli betreut hat.

Die Frage steht im Raum, ob dieser Fokus gerechtfertigt war.
Warum sollte dieser Fokus nicht gerechtfertigt sein? Herr Mörgeli hat nach seiner Entlassung als Konservator seine wissenschaftlichen Tätigkeiten hervorgehoben. Er kann für sich in Anspruch nehmen, dass er eine quantitativ beeindruckende Bibliografie vorweisen kann, also fleissig publizierte, muss sich aber nach unseren Recherchen auch der Kritik stellen, dass offenbar nicht alle von ihm abgesegneten Dissertationen den geforderten Qualitätsstandards genügen.

Der Institutsleiter, der die Empfehlungen für die Doktorarbeiten mit unterschrieben hat, wurde im Beitrag nur kurz erwähnt, die Promotionskommission, die diese mangelhaften Dissertationen ebenfalls durchwinkte, kam gar nicht vor. Ist die Universität Zürich nicht zu gut weggekommen, weil die «Rundschau» der Verlockung erlegen ist, einen ebenso prominenten wie umstrittenen Politiker ins Visier zu nehmen?
Nein. Spätestens als Christoph Mörgeli sich für den Prestigejob als Rektor der Universität Zürich beworben hat, hatten wir allen Grund, seine Arbeit als Titularprofessor genauer anzuschauen. Er hat mit dieser Bewerbung unsere journalistische Neugier herausgefordert, so wie das auch bei anderen prominenten Kandidaten der Fall gewesen wäre.

Der Fokus auf Mörgeli hat allerdings den unschönen Nebeneffekt, dass das eigentliche Thema im Getöse unter geht: wie leicht es zumindest an der Universität Zürich gewesen ist, an einen begehrten Doktortitel zu kommen.
Das sehe ich nicht so. Die Universität Zürich wird wohl nicht nur die fraglichen Dissertationen des Medizinhistorischen Instituts prüfen müssen, sondern auch diejenigen anderer medizinischer Fakultäten sowie die entsprechenden Reglemente. Die Recherche, die wir am Beispiel des Medizinhistorischen Instituts gemacht haben, führte dazu, dass die Vergabe von Doktortiteln für Mediziner jetzt grundsätzlich thematisiert wird. Dass diese Debatte wichtig ist, hat in der zweiten Sendung auch Peter Suter von der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften klar betont. Die Diskussion ist jetzt übrigens auch in Deutschland lanciert, seit «Spiegel Online» über den Fall berichtet hat.

Die «Rundschau» recherchierte seit Oktober 2012 an diesem Fall. Mörgeli wirft Ihnen vor, er sei in eine Blackbox gelockt worden und erst eineinhalb Tage vor der Sendung «rudimentär» über die Vorwürfe gegen ihn informiert worden. Warum so spät?
Es ging um einen konkreten, einfachen Vorwurf: nämlich, dass ein Teil der von ihm begutachteten Dissertationen den wissenschaftlichen Standards nicht genügen. Christoph Mörgeli wurde eineinhalb Tage vor der Sendung mit diesem konkreten Vorwurf konfrontiert, was angemessen und absolut im Rahmen ähnlich gelagerter Fälle ist. Zudem muss man festhalten, dass Mörgeli ein gewiefter und versierter Medienprofi ist, bei dem man immer damit rechnen muss, dass er vor der Publikation selber in die Offensive geht.

Aber nochmals: Wäre es nicht fairer gewesen, Christoph Mörgeli früher mit den Vorwürfen zu konfrontieren?
Tatsache ist: Christoph Mörgeli wurde von der «Rundschau» bereits im September 2012 mit dem Vorwurf konfrontiert, bei ihm sei es möglich, mit einer Transkription ohne viel Aufwand zu einem Doktortitel zu gelangen. Mörgeli hat das vor der Kamera bestritten. Die «Rundschau» hat das Interview damals nicht ausgestrahlt, weil sie die Recherche noch vertiefen wollte.

Ist es üblich, dass ein Gast auf dem «heissen Stuhl» der «Rundschau» einen Beitrag nicht vorvisionieren kann, sondern erst zeitgleich mit allen übrigen Zuschauern zu sehen bekommt?
Das ist gängige Praxis. Zu den journalistischen Grundregeln gehört, dass kritisierte Personen die Hauptvorwürfe gegen sie kennen und dass sie Gelegenheit haben, sich mit ihren besten Argumenten dagegen zu verteidigen. Und Herr Mörgeli hatte die Möglichkeit, zehn Minuten lang in einem ungeschnittenen Live-Interview im Studio Stellung zu nehmen. Fraglich ist, ob er diese Möglichkeit optimal genutzt hat.

Mörgeli sagt, Sie hätten ihm nicht bekannt geben wollen, wer die Expertin ist, die ihn im Beitrag kritisiert. Erst als er Sie auf die publizistischen Leitlinien von SRF aufmerksam machte, hätten Sie nachgegeben. Stimmt das?
Die Presse- und Redaktionsfreiheit besteht auch darin, dass man jemanden zwar mit den Vorwürfen konfrontiert, aber nicht sagen muss, wer sie vorbringt. Sonst besteht das Risiko, dass auf die Person, die Kritik äussert, Druck ausgeübt wird und sie deshalb ihre Aussagen zurückzieht. Auch besteht die Gefahr, dass jemand sagt, wenn diese Person auftritt, komme er nicht in die Sendung. Wir haben Herrn Mörgeli den Namen der Expertin dann trotzdem genannt, weil wir ein Interesse hatten, dass er im Studio zu den Vorwürfen Stellung nimmt.

Weil die «Rundschau» Mörgeli vorführen wollten, wie «Zeit» kritisierte?
Dieser Vorwurf ist absurd. Nichts ist für einen Kritisierten wertvoller als die Bühne eines ungeschnittenen Live-Interviews, in dem er die Möglichkeit hat, sich zu verteidigen. Die «Zeit» ging ja noch weiter und warf uns vor, wir hätten Herrn Mörgeli vor sich selber schützen sollen. Tatsache ist: Christoph Mörgeli ist einer der mediengewandtesten, rhetorisch beschlagensten und kampferprobtesten Politiker in unserem Land, der virtuos mit Worten umgehen kann. Mörgeli ist ein Medienprofi und sicher kein Medienopfer.

Was sagen Sie zu Mörgelis Vorwurf, Michelle Bergadaa, die im Beitrag befragte Expertin der Universität Genf, sei Plagiats-Spezialistin und könne die Wissenschaftlichkeit von Dissertationen gar nicht beurteilen?
Bergadaa ist eine international renommierte Professorin und forscht im Auftrag der Universität Genf, wie Plagiate und falsche Doktortitel verhindert werden können. Selbstverständlich kann sie die Wissenschaftlichkeit von Dissertationen beurteilen, das gehört zu ihrem Fachgebiet.

Auch wenn sie kein Deutsch kann, wie Mörgeli sagt?
Sie versteht Deutsch, kann sich mündlich aber besser in ihrer Muttersprache Französisch ausdrücken.
Entscheidend ist: Als Expertin erkennt Professorin Bergadaa an Aufbau, Literaturverzeichnis, Querverweisen und dem Anteil von Einleitung und Schlussfolgerung in einer Arbeit, ob Dissertationen wissenschaftlichen Kritierien genügen. Wir haben übrigens ganz bewusst eine Expertin befragt, die den ganzen politischen Knatsch um Christoph Mörgeli nicht mitbekommen hat. Unser Journalist wies Bergadaa erst nach seiner Befragung darauf hin, dass es sich bei den vorgelegten Dissertationen um Arbeiten handelt, die Professor Mörgeli betreut hat. Darauf hat sie gefragt: Wer ist das?

Es schien im Beitrag allerdings auch so, als sei sie mit einigem Nachhelfen dazu gebracht worden, sich über die Qualität der Dissertationen schockiert zu zeigen.
Sie war offensichtlich aufgrund der mangelnden Qualität der Dissertationen sprachlos und wurde deshalb vom Journalisten gefragt, ob sie schockiert sei. Das hat sie bejaht, worauf sie ergänzte, sie erwarte, dass die Universität Zürich die Fälle untersucht. Alles andere sind haltlose Unterstellungen.

Ein weiterer Vorwurf Mörgelis lautet, die «Rundschau» habe Doktorandinnen, die sich positiv über ihn geäussert hätten, zwar kontaktiert, aber im Beitrag nicht gezeigt. Wie kontern Sie?
Wir haben tatsächlich mit vielen Doktoranden und Doktorandinnen gesprochen. Aber der Vorwurf gegen ihn lautete ja nicht, er habe diese Doktoranden schlecht betreut, sondern, dass er für buchstabengetreu abgeschriebene Arbeiten ohne entsprechende wissenschaftliche Einordnung Doktortitel abgesegnet hat. Darauf fokussierte unser Beitrag, in dem dieser Vorwurf auch belegt wurde.

Kommen wir zur zweiten Kronzeugin, einer bulgarisch-türkischen Zahnärztin, die bestreitet, Aussagen gemacht zu haben, wie sie die «Rundschau» darstellte. Haben Mörgeli und die «Weltwoche» sie korrekt identifiziert?
Diese Doktorandin ist keine anonymisierte Kronzeugin von uns. Wir haben im Verlauf der Recherche festgestellt, dass ihre Dissertation ebenfalls fragwürdig ist und haben sie dazu befragt.

Die Identifikation dieser Doktorandin war simpel, weil laut Mörgeli nur eine Doktorandin einen bulgarischen Hintergrund hatte. Hat hier der Quellenschutz der «Rundschau» versagt?
Wie gesagt, sie ist keine Kronzeugin. Aber selbstverständlich haben wir ihren Namen nicht genannt, weil er keine Rolle spielt. Grundsätzlich soll eine Anonymisierung gewährleisten, dass jemand für die breite Allgemeinheit nicht erkennbar ist. Dass Herr Mörgeli sie identifizieren konnte, ist keine Überraschung. Es ist allerdings höchst befremdlich, dass er ihren Namen an der Pressekonferenz namentlich genannt hat. Ich frage mich, ob sie und ihr Anwalt das erwartet haben und erfreut sind darüber.

Bei der Doktorarbeit dieser Zahnärztin, sagt Mörgeli, habe es sich keineswegs um eine reine Übersetzung von Quellentexten gehandelt, sondern vielmehr um eine «gelungene Abhandlung über die Zahnarztgeschichte in Bulgarien von den Anfängen bis zur Gegenwart».
Schauen wir uns die Dissertation doch einfach genau an. Was wie ein Literaturverzeichnis dargestellt wird, ist eine Auflistung von älteren Aufsätzen, die sie in Bulgarien in Bibliotheken gefunden hat. Das war sicherlich mit einem gewissen Aufwand verbunden, aber noch keine Wissenschaft. Die Aufsätze wurden von der Doktorandin meist mit demselben Titel und derselben Seitenzahl wie in den bulgarischen Zahnarztzeitschriften aneinandergehängt - ohne auch nur eine einzige Fussnote oder einen Querverweis. Schaut man die Dissertation an, scheint es genauso zu sein, wie die Doktorandin im Gespräch mit unserem Journalisten zugegeben hat: dass einfach Originaltexte aus dem Bulgarischen auf Deutsch übersetzt wurden.

Die Doktorandin bestreitet dies und sagt, die «Rundschau» habe sie falsch zitiert. Sie will nie «gestanden» haben, sie habe nur Quellentexte auf Deutsch übersetzt. Weiter will sie nicht gesagt haben, die Quellen seien «frei zugänglich» gewesen, sondern, dass es «schwierig war, die Quellen zu finden».
Wir haben wiedergegeben, was sie gegenüber unserem Journalisten gesagt hat. Wir können unsere Darstellung auch mit einer weiteren Zeugin belegen.

Was für eine weitere Zeugin?
Nach der Ausstrahlung unserer Recherche hat sich bei uns eine pensionierte Primarlehrerin gemeldet und gesagt, sie sei erschüttert, dass die Doktorandin ihren Doktortitel mit dieser Arbeit erhalten habe. Sie kenne diese Doktorandin, weil diese 2011 zu ihr gekommen sei und um Hilfe beim Verfassen ihrer Doktorarbeit gebeten habe. Wir haben ihre Aussagen, die unsere Darstellung der Aussagen dieser Doktorandin bestätigen, inzwischen auch auf Band.

Was beweisen diese Aussagen?
Die Lehrerin sagt aus, die Doktorandin sei mit äusserst schlecht ins Deutsche übersetzten Aufsätzen aus zahnärztlichen Zeitschriften zu ihr gekommen und habe gefragt, ob sie das in gutes Deutsch übersetzen und zu einer Doktorarbeit zusammenfügen könne. Die Lehrerin hat Texte aus dieser Dissertation wiedererkannt und die Doktorandin zweifelsfrei als jene Person identifiziert, mit der wir für unsere Recherche gesprochen haben. Und die Doktorandin hat der angefragten Ghostwriterin gesagt, was sie auch zu unserem Journalisten sagte: ihre Dissertation bestehe aus der Übersetzung und Abschrift bulgarischer Texte.

Warum haben Sie diese Aussagen im zweiten Beitrag zum Thema nicht ausgestrahlt?
Unsere Recherche war so, wie wir sie im ersten Beitrag gesendet haben, absolut wasserdicht. Wir haben nichts nachzubessern. Ausserdem wollten wir diese Doktorandin nicht noch weiter in die Öffentlichkeit thematisieren, weil es nicht um sie geht, sondern um den teilweise fragwürden Qualitätsstandard bei den von Christoph Mörgeli begutachteten Dissertationen. Jetzt hat allerdings diese weitere Zeugenaussage eine neue Brisanz erhalten, weil wir massiv angegriffen werden. Ob wir die Aufnahmen noch ausstrahlen werden, wissen wir nicht. Wir haben das Einverständnis der Zeugin, ihre Aussagen in diesem Interview zu erwähnen und sie steht auch für Nachfragen zur Verfügung.

Hätten Zweifel an den Aussagen dieser Doktorandin nicht verhindert werden können, wenn die «Rundschau» ihr die gemachten Aussagen zur Autorisierung vorgelegt hätte?
Die Doktorandin wusste, wie sie auch über ihren Anwalt bestätigt hat, dass sie mit einem Journalisten spricht und dass er ihre Aussagen verwenden will. Der Journalist war ihr auch namentlich bekannt, so dass sie jederzeit anrufen und ihre Aussagen hätte zurückziehen können. Das hat sie nicht gemacht.

Christoph Mörgeli sagte an seiner Medienkonferenz, die «Rundschau» habe sich im Fall der bulgarischen Zahnärztin derart verrannt, dass die ganzen Vorwürfe gegen ihn unglaubwürdig würden. Die neue Zeugin gibt dem Fall eine neue Wende - zuungunsten Mörgelis.
Ich überlasse diese Bewertung Ihnen.

Herr Poletti, nicht nur Mörgeli und die «Weltwoche» erheben schwere Vorwürfe gegen die Berichterstattung in diesem Fall, sondern auch andere Medien. Die bereits erwähnte «Zeit» schrieb von einem «journalistischen Tiefpunkt», von einer «Live-Hinrichtung» und von einem Moderator als «Grossinquisitor». Was sagen Sie dazu?
Ich habe «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo geschrieben, dass es das Recht seines Feuilleton-Schreibers sei, faktenfrei über den Wolken zu schweben. Wenn dieser sich aber in einer Recherche oder auch nur der Kritik einer Recherche versucht, gelten andere Regeln. Zumindest das Gesehene sollte dann richtig wiedergegeben werden. Der «Zeit»-Autor hat uns fälschlicherweise vorgeworfen, wir hätten in einer Szene vergessen, den Hinweis einzublenden, dass die Szene nachgestellt sei. Das kann als Unvermögen abgebucht werden. Was nachhaltig nachdenklich stimmt, ist die historisch bedenkliche Kombination der Begriffe «Hinrichtung» und «Grossinquisitor» - Himmler lässt grüssen. Das hat mich als begeisterter «Zeit»-Leser befremdet. Ich weiss nicht, was den Autor geritten hat, diese gehässige Polemik zu schreiben.

Die NZZ kritisierte, als öffentlich-rechtlicher Sender liege diese aggressiv-investigative Art der Berichterstattung nicht drin.
Für die «Rundschau» gelten die genau gleichen journalistischen Regeln wie für alle anderen Medien in diesem Land auch. Die wichtigste Regel ist, dass Kritisierte angehört werden und sich mit ihren besten Argumenten verteidigen können. Das haben wir eingehalten und in der Recherche absolut korrekt gearbeitet. Das Thema, das wir aufgegriffen haben, ist von hoher Relevanz. Ein Doktortitel gibt einem Arzt eine gesellschaftliche Stellung, von der er auch wirtschaftlich profitiert. Deshalb ist es auch legitim zu fragen, was Ärzte für diesen Titel leisten müssen. Mein Velomechaniker war zum Beispiel höchst verwundert darüber, dass hinter einigen Doktortiteln so wenig wissenschaftliche Arbeit steckt.

Sie sind seit Anfang März Redaktionsleiter. Zeigt der Fall Mörgeli, dass Sie für einen aggressiveren Stil der «Rundschau» stehen?
Die «Rundschau» soll hart, aber fair recherchieren, brisante Geschichten anpacken und die Mächtigen hinterfragen. Dafür stehe ich, und das wird von mir auch erwartet.

Wie gelassen sehen Sie der von Mörgeli angekündigten Beschwerde gegen die «Rundschau» entgegen?
Sehr gelassen, wobei ich präzisieren muss, dass es sich um eine Beanstandung handelt und nicht um eine Beschwerde, wie Mörgeli verbreitet. Beim Ombudsmann werden Beanstandungen vorgebracht, wenn der Fall weitergezogen wird an die unabhängige Beschwerdeinstanz (UBI), ist es eine Beschwerde.

Gilt diese Gelassenheit auch für den Fall, dass Christoph Mörgeli die «Rundschau» wegen Rufmords strafrechtlich einklagt?
Auch in diesem Fall bin ich sehr gelassen.

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