Stefanie Heinzmann schont sich nicht. Schreit, gurrt und schmachtet, gibt alles. «Diggin’ In The Dirt» ist ein Soul-Knaller. Ein Hit, den der TV-Sender Pro7 für den Werbespot «Der Serienmittwoch» entdeckt hat. Vor allem ist es ein Song, der der Walliserin auf den Leib geschrieben ist – musikalisch und inhaltlich.

«Ein Glücksfall. Ich kann mich mit dem Song hundertprozentig identifizieren», sagt Stefanie Heinzmann im Gespräch. Nach der Operation an ihren Stimmbändern im Januar 2010 musste sie hart kämpfen und sich durchbeissen. Doch jetzt ist sie wieder da und klingt wieder wie zuvor.

«Es ist wieder alles wunderbar, meine Stimme ist fit», bestätigt sie. Doch es erfordert Disziplin, um ihre Stimmbänder in Form zu halten. Spezielle Gesangsübungen sind nötig, dazu sind Kohlensäure, Süssgetränke und Zucker tabu. Vor allem der Verzicht auf die Süssigkeiten fallen dem Walliser Schleckmaul schwer. Gestern feierte sie ihren 23. Geburtstag – ohne Geburtstagstorte.

Doch jetzt freut sie sich auf die Veröffentlichung ihres dritten Studioalbums mit dem Titel «Stefanie Heinzmann». «Mein schönstes Geburtstagsgeschenk», sagt sie. Das Album beginnt überzeugend. In der Strophe zum klagenden Blues «Fire» kommt die besondere, leicht angeraute Stimme der Walliserin wunderbar zur Geltung. Doch im Refrain ist der Zauber weg – wie weggeblasen. Dasselbe wiederholt sich in den folgenden Songs: Strophe stark, Refrain schwach. Stefanie singt und interpretiert meisterlich, aber die Songs, vor allem die Refrains sind austauschbar und beliebig.

Wo liegt das Problem? Stefanie Heinzmann ist Sängerin und Interpretin, aber (noch) keine Komponistin und Texterin. Um dieses Manko zu beheben, besuchte sie vor anderthalb Jahren in London eine «Songwriting Session». Danach reiste sie in die USA nach L. A. und Philadelphia, knüpfte Kontakte zu amerikanischen Songschreibern und arbeitete mit der Folk-Rock-Band The Hooters («Johnny B.»).

«Ich bin als Songschreiberin noch nicht so weit», gibt sie auch heute zu. Für das neue Album wurde deshalb ein Heer von amerikanischen Songschreibern rekrutiert. «Wieso soll ich mich abmühen, wenn es so viele gute Komponisten gibt, die es alle besser können als ich», erklärt sie. Aus rund 50 Songs aus der amerikanischen Song-Fabrik wurden die besten 15 ausgesucht. 15 Komponisten für 15 Songs.

«Musikalisch ist es mein breitestes Album», sagt Heinzmann. Stimmt! Man könnte es aber auch heterogen nennen. Die Stärke von Stefanie Heinzmann ist ihre Stimme. Doch bis zur Albummitte (Ausnahme: «Diggin In The Dirt») wird diese Marke zu wenig deutlich. Der Funk-Knaller «Second Time Around» wirkt deshalb geradezu erlösend. Hier zeigt sie, was sie kann. Rhythmisch stark, ekstatisch. Eine Wucht, auch wegen der Dap-Kings, jener Bläsersection, die schon den Sound von Amy Winehouse mitprägte. Aber auch das Sixties-Soulstück «Ain’t No Way», das treibende «Show Me The Way» sowie der Coversong, «This Old Heart Of Mine», sind gelungen. Klug, dass sich Heinzmann am souligen Original der Isley Brothers von 1966 orientiert und nicht an der platten Version von Rod Stewart (1989). Grosse Klasse ist «Numb The Pleasure». Der Song bestätigt es: Am besten ist Stefanie im Funk. Also dort, wo sie sogar die Vergleiche mit Joss Stone nicht zu scheuen braucht.

Das Fazit über Stefanie Heinzmanns drittes Album ist also durchzogen. Die Abstecher in poppigere Gefilde sind nicht gelungen. Eine Regel besagt: Im Pop haben der Song, die Melodie, der Refrain, die Hookline Vorrang, die Interpretation ist zwar auch wichtig, aber zweitrangig. In Soul und Funk ist es genau umgekehrt: Eine tolle Stimme kann selbst aus durchschnittlichen Songs eine musikalische Perle machen. Stefanie Heinzmann ist zurück, aber noch nicht konsequent zurück bei ihren Stärken.

Stefanie Heinzmann. Universal. Erscheint am 16. März.

Exklusiv: 23. 3., 19.30 Uhr, Talk und Gratis- Konzert im Restaurant Einstein, Aarau.

Clubtour: 11. 4. Kaufleuten, Zürich; 12. 4. Z7, Pratteln; 19. 4. Bierhübeli, Bern; 20. 4. Scala, Wetzikon; 21. 4. Salzhaus, Brugg; 25. 4. Schüür, Luzern; 27. 4. Kammgarn, Schaffhausen.


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