Man braucht sich nur die Brille aufzusetzen und schon sieht die Welt anders aus: Über den Gebäuden in der Stadt schweben kleine und grosse Schilder, die uns mit Informationen versorgen. So erfahren wir bereits am Bahnhof, dass sich die Strasse aufwärts ein Restaurant befindet, in dem ein guter Freund vorzüglich gespeist hat. Ebenso sehen wir, dass 300 Meter östlich ein Hotel unserer bevorzugten Preisklasse noch freie Zimmer hat.

Visieren wir dieses Hotel an, legt sich – wie von Geisterhand – ein grüner Pfeil auf die Strasse, der uns fortan sicher den Weg dahin weist. Machen wir uns sodann auf und blicken unterwegs einer entgegenkommenden Passantin in die Augen, so werden über ihrem Kopf Name, Beruf und weitere Informationen eingeblendet, die sie über soziale Netzwerke veröffentlicht hat.

Die Welt wird dank neuartigen Datenbrillen zu einem Ort, an dem sich die Informationen des Internets wie eine Folie über die reale Umgebung legen. Augmented Reality, erweiterte Realität, nennt man die dahinterstehende Technologie. Auf diese Weise wird es möglich, zu sehen wie Arnold Schwarzenegger als Cyborg Terminator, in dessen Sichtfeld ständig computergenerierte Daten eingeblendet werden.

Was sich noch nach Science-Fiction anhört, könnte bald schon Realität sein. Google arbeitet laut US-Medienberichten derzeit an einer Augmented-Reality-Brille. Informationen über die Umgebung sollen über ein spezielles Display in das Sichtfeld des Nutzers eingeblendet werden. Zur Orientierung im Raum soll ein GPS-Empfänger und eine im Bügel integrierte Kamera genutzt werden. Laut der «New York Times» soll die Brille bereits dieses Jahr auf den Markt kommen und zwischen 250 und 600 Dollar kosten. Die Zeitung beruft sich dabei auf Angaben von ungenannten Google-Mitarbeitern. Offiziell hat der Internet-Konzern entsprechende Berichte weder bestätigt noch dementiert.

«Heute sehen wir meistens im Internet nach, wenn wir etwas wissen wollen. In Zukunft können dank Augmented-Reality-Anwendungen immer mehr Informationen direkt über den Dingen des Alltags abgerufen werden», ist Dieter Schmalstieg, Professor für Computergrafik an der Universität Graz, überzeugt. Dafür braucht man nicht unbedingt eine Datenbrille – ein Smartphone verfügt jetzt schon über diese Funktion. Fürs iPhone und Android-Handys gibt es verschiedene Augmented-Reality-Apps, die beispielsweise Einträge der Online-Enzyklopädie Wikipedia über die Sehenswürdigkeiten der Umgebung auf dem Display einblendet.

Mit einer Datenbrille könnten solche Anwendungen aber eine völlig neue Bedeutung erlangen. «Eine Brille bietet Möglichkeiten, über die ein Smartphone nicht verfügt», sagt Dieter Schmalstieg. Die Nachteile des Smartphones für Augmented-Reality-Anwendungen sind offenkundig. Das Display ist nicht nur sehr klein, man muss es auch ständig vor seinem Sichtfeld halten. Doch wer will schon fortwährend durch den Bildschirm seines Handys in die Welt schauen? Ein Blick durch eine Brille hingegen ermöglicht eine unvermittelte Sicht auf die Umgebung.

Verschiedentlich wurde schon mit Datenbrillen experimentiert – durchgesetzt hat sich jedoch noch keine. Zu klobig waren die Gestelle, zu wenig ausgeklügelt die Technik, zu wenig praktisch die dafür verfügbaren Anwendungen. Google könnte das nun ändern. «Die Technik hat sich weiterentwickelt und die Leute haben sich an E-Brillen im Kino gewöhnt», meint Luc Van Gool, Professor für Bildverarbeitung an der ETH. «Vor allem aber verfügt Google mit seinen Applikationen für Smartphones bereits über zahlreiche Anwendungen, die für eine entsprechend Brille adaptiert werden könnten.»

Damit die Überlagerung der Umgebung mit Daten aus dem Internet «natürlich» wirkt, muss Google aber einige technische Hürden überwinden. Grundsätzlich gibt es für die Anreicherung der realen Welt mit zusätzlichen Daten zwei Möglichkeiten. Mit einem Lichtstrahl können Daten direkt auf die Netzhaut projiziert werden. Die Leuchtkraft ist dabei so gering gewählt, dass die Umgebung weiterhin wahrnehmbar bleibt. Eine zweite Variante – jene, die Google wählen dürfte – besteht darin, dass ein transparentes Display in die Brille eingebaut wird, auf dem die zusätzlichen Informationen eingeblendet werden. «Bei einem transparenten Display bekommt man es zwangsläufig mit Lichtproblemen zu tun. Sobald die Umgebung heller ist als das Display, sieht man die Zusatzinformationen nicht mehr», erklärt Rafael Radkowski, Augmented-Reality-Spezialist an der Universität Paderborn.

Ein anderes Problem stellt der Tragekomfort dar. Zwar braucht die für Augmented Reality benötigte Technik wie Kamera und Computerchip immer weniger Platz, dennoch lässt sie sich noch nicht in einem handelsüblichen Brillengestell unterbringen. Ulrich Bockholt, Abteilungsleiter «Virtuelle und Erweiterte Realität» am Fraunhofer-Institut, glaubt deshalb, «dass Augmented-Reality-Brillen vorerst nur in Einzelfällen Absatz finden werden».

Bereits jetzt kommen solche Brillen für Spezialfälle zum Einsatz. Monteure nutzen sie für Montage und Wartung industrieller Apparaturen – die einzelnen Arbeitsschritte werden direkt ins Sichtfeld eingeblendet, das konsultieren eines Plans fällt weg. Ein weiteres Anwendungsfeld ist die Medizin. Die europäische Raumfahrtagentur (ESA) arbeitetet an einer Augmented-Reality-Anwendung für medizinische Notfälle. Das sich noch in einem Prototyp befindende System erkennt den Körper des Patienten und zeigt auf einem Display in der Brille an, wie bei der geforderten medizinischen Versorgung vorgegangen werden muss.

Je raffinierter die Technik wird, desto mehr dürften solche Brillen auch zu andern Zwecken eingesetzt werden. Dass künftig Augmented-Reality-Brillen den Weg auch in den Alltag finden, damit rechnet auch Ulrich Bockholt. «Wahrscheinlich ist, dass einzelne Anwendungen, wie eine Routennavigation für Fussgänger, auf diese Weise genutzt werden», so der Experte.

Doch irgendwann wird man sich wohl gar keine Brille mehr aufsetzen müssen, um in die schöne erweiterte Realität einzutauchen. Bereits jetzt wird an Kontaktlinsen geforscht, auf deren Oberfläche sich Bilder projizieren lassen.

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