VON HANSPETER KÜNZLER

Am vergangenen Dienstag morgens um halb acht Uhr war es so weit. Prinz William teilte seinem Vater mit, dass er Kate Middleton heiraten wolle. Die Verlobung habe schon im Oktober in einer Safarihütte in Kenia stattgefunden. Auch sei eine Beichte fällig. Zur Markierung des Ereignisses hatte William ohne dass Wissen von Prinz Charles den Saphir-Ring aus dem Safe entführt, den sich seine Mutter, Lady Diana, einst für ihre Verlobung ausgesucht hatte.

Es dürfte so ziemlich der kühnste Streich gewesen sein, den der 28-jährige Prinz je angestellt hat. William ist der geborene Diplomat, ein Mann mit legerem Gemüt, der es versteht, nirgends anzuecken und im geschützten Kreise seiner Polo- und Universitätsfreunde doch zu seinen Freuden zu kommen.

Dass es allerdings fast eine Dekade dauerte, ehe er dem Druck der Nation zum Eheschluss nachgab, ist erstaunlich. Selbst Prinz Charles konnte sich einen Scherz nicht verkneifen: «Sie haben lang genug Zeit gehabt zum Üben», lautete der Kommentar des erfreuten Papas. Zynische Beobachter könnten geradezu auf die Idee verfallen, die Hochzeit des übernächsten Königs von England sei mit Kalkül auf einen Moment verspart worden, wo sie der Nation den grössten Nutzen bringen könnte.

Als Erste zeigten die britischen Porzellanhersteller ihre Freude ob des bevorstehenden Festes. Noch am gleichen Tag präsentierte die Firma Ainsley China ihre Souvenir-Teller und -Humpen. Die Firma Royal Crown Derby wartete mit einem Schwanenpaar genannt William und Kate auf, dessen rankende Hälse ein Herz in die Luft zeichnen. Für den diskreten Eheschluss von Prinz Edward kamen einst 120 Souvenirprodukt-Reihen auf den Markt.

Diesmal wird sich die Ziffer vervielfachen. «Wir erwarten eine ähnliche Hysterie wie bei der Hochzeit von Charles und Di», freute sich die Ladenkette Asda. Der Chef von VisitBritain meinte, mit der Hochzeit eröffne sich für den britischen Tourismus eine tolle Gelegenheit, der Welt einmal mehr die beste Seite des Landes zu präsentieren.

Damit brachte er die heutige Rolle der Monarchie auf den Punkt: Weitab von politischer Bedeutung liegt die Aufgabe der Royals darin, für die restliche Welt die Werte des britischen Charakters zu verkörpern. Anders als Diana, die einer uralten Upper-Class-Familie angehört hatte, ist der Stammbaum von Kate Middleton perfekt dazu angetan, eine Brücke zwischen Aristokratie und bürgerlicher Normalwelt zu suggerieren.

Derweil ihre Eltern dank einem florierenden Geschäft mit Party-Ausrüstungen längst Millionäre sind und Kate in ein exklusives Internat schicken konnten, kratzte ein Vorfahr noch 1820 Kohle aus dem Bergwerk von Hetton-le-Hole bei Sunderland. Das «normale Mädchen» Kate signalisiert ein Aufbrechen der alten snobistischen Sozialhierarchie. Auch als Fete kommt die Hochzeit dem Staat Grossbritannien gelegen.

Niemand, auch die Monarchiegegner nicht, können sich der Aufregung widersetzen, die ein solches Ereignis begleitet. Derweil die Gegner sich mit Gusto in ihre republikanische Tiraden stürzen, organisiert das restliche Land Strassenpartys und feiert die Profitlawine, die durch eben diese Partys, die Souvenirs und die Touristen über das Land hereingebrochen ist.

In einer Zeit, wo das Land einer gewaltigen Sparrunde entgegen zittert, bietet diese Hochzeit eine ideale, glamouröse Ablenkung – selbst für die, die sich darüber aufregen. Tatsächlich ist eine heftige Diskussion darüber entbrannt, wer die Kosten übernehmen soll, Staat oder Königshaus. Immerhin wird geschätzt, dass nur schon die Sicherheitsvorkehrungen um die 80 Millionen Pfund kosten sollen. Angesichts der Gelder, welche das Hochzeitsfest ins Land bringen wird, wirken solche Einwände allerdings fast ein bisschen undankbar. Ausserdem gehört William zu den billigeren Royals.

Als Pilot eines Rettungshelikopters geht er einem respektablen Job nach, sein Wohnhaus, eine Farm auf der walisischen Insel Anglesey, kostet 750 Pfund im Monat – dafür gäbe es in London gerade noch einen bescheidenen Bedsit. Und der Hochzeitskuchen dürfte den Steuerzahler auch nichts kosten: Der Bruder von Kate Middleton führt die Kuchenbäckerei, die zum elterlichen Geschäft gehört.

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