Herr Schröder, die Schweiz scheint das neue Feindbild der SPD zu sein, Parteichef Sigmar Gabriel vermutet auf dem Finanzplatz «organisierte Kriminalität». Ist Ihnen hier noch wohl?
Gerhard Schröder: Mir ist sehr wohl in der Schweiz, das hat sich nicht geändert. Ich verfüge weder über die Kavallerie noch über andere sprachmächtige Dinge. Mein Rat ist, alles am Boden zu lassen. Es braucht Gelassenheit.

Durch Gelassenheit zeichnet sich Ihre SPD derzeit aber nicht gerade aus.
Es ist ja nicht so, dass es die SPD allein wäre. Auch der Schweizer Bankenverband hat sich ganz rührig geäussert. Deeskalation auf beiden Seiten scheint mir deshalb das Gebot der Stunde zu sein.

Wie stark hat der Schweizer Finanzplatz durch die Angriffe in Deutschland gelitten?
Das müssen Sie selber beurteilen. Aber natürlich ist klar, dass das eine oder andere Geschäftsmodell überprüft gehört. Leute, die in Deutschland Steuern hinterziehen, sollten hier keine guten Gastgeber finden. Das mindestens muss man lernen. Manchmal brauchen die Dinge eben etwas Zeit. Denken Sie nur an das Abkommen über den Flughafen Zürich …

... das in Ihrer Kanzlerschaft ausgehandelt wurde ...
Das Schweizer Parlament hat das Abkommen damals nicht ratifiziert, doch heute sind wir ja hoffentlich dabei, das auf beiden Seiten abzuschliessen. Vielleicht ist das ein hilfreiches Modell für die laufenden Steuerverhandlungen.

Wie würden Sie den Ruf der Schweiz in Deutschland beurteilen?
Der ist nach wie vor gut. Die Schweiz ist erstens bekannt, politisch seriös geführt zu werden. Zweitens hat das Land eine ähnliche Wirtschaftsstruktur wie Deutschland: einen sehr exportstarken Mittelstand, der sich früh internationalisiert hat. Und drittens kennt man die Schweiz als sehr schönes Land mit aufgeschlossenen, international denkenden Bürgern. Das Image der Schweizer in Deutschland wird nicht einseitig durch die Banker dominiert.

Fehlt Deutschland nicht das Verständnis dafür, dass der Finanzplatz eine Schlüsselbranche für die Schweiz ist?
Was für die Schweiz wichtig ist, muss sie für sich selber bestimmen. Was aber das Image betrifft, ist für mich klar: Wenn die Schweiz morgen einen Antrag um Aufnahme in die EU stellt, wird der übermorgen akzeptiert.

Nur sind wir sehr weit davon entfernt, einen solchen Antrag zu stellen.
Irgendwann wird man in der Schweiz zur Einsicht kommen: Es macht mehr Sinn, die Gesetze und Richtlinien der EU mitzubestimmen, anstatt sie einfach zu übernehmen. Dass ich zu den Befürwortern einer Schweizer Mitgliedschaft in der EU zähle, muss ich ja nicht verschweigen. Ein EU-Beitritt ist aber eine souveräne Entscheidung der Schweizer Stimmbürger, und ich habe grossen Respekt vor ihrer politischen Vernunft. Sie werden das eines Tages schon richtig entscheiden.

Ist das Steuerabkommen mit der Schweiz «tot», wie mehrere SPD-Politiker sagten?
Wenn eine so kluge und zurückhaltende Ministerpräsidentin wie Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen sagt, es müsse Änderungen geben, wird das jetzige Abkommen keine Mehrheit im Bundesrat finden. Also wird es neue Gespräche geben müssen. Diese werden sich darum drehen, wie Informationen weitergegeben werden über jene Personen, die nun Gelder von der Schweiz in Drittländer abziehen.

Sie sprechen die «Abschleicher» an.
Es geht auch um die Frage, weshalb die Schweiz Unterschiede macht in der Behandlung von amerikanischen und deutschen Kunden. Das erschliesst sich mir nur, wenn ich über unterschiedliche Macht nachdenke. Doch Macht sollte in diesen Dingen eigentlich kein relevantes Kriterium sein.

Finden Sie es in Ordnung, dass Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen gestohlene Bank-CDs ankaufen?
Nach deutschem Recht ist das legal. Ich bin ja selber Jurist, und meine juristischen Bedenken sind sehr begrenzt in Bezug auf Personen, die das Geld in die Schweiz geschafft haben. Jene Leute, die CD-Käufe aus formaljuristischen Gründen kritisieren, sollten auch mal darüber nachdenken, wie ein Staat aufrechterhalten wird. Nämlich nicht dadurch, dass nur jene Normalverdiener Steuern bezahlen, denen das Geld direkt vom Lohn abgezogen wird.

Sie haben zwei Mandate in der Schweiz, beim Medienunternehmen Ringier und der in Zug ansässigen Pipeline-Firma Nord Stream. Was tun Sie genau?
Ich berate in internationalen Fragen Michael Ringier. Er ist ein Verleger, der noch weiss, dass Zeitungen und Bücher zu verlegen etwas anderes ist, als irgendwelche Produkte zu vertreiben. Diese Tätigkeit macht absolut Spass. Für mein energiepolitisches Engagement bei Nord Stream wurde ich von den Eigentümern angefragt, nicht nur von russischer Seite, sondern auch von den anderen Eigentümern – Unternehmen aus Deutschland, Holland und Frankreich. Das ist ein europäisches Projekt. Ich bin persönlich immer noch gegen Kernenergie. Und da Kohle als Energieträger enorme Probleme im Klimabereich schafft, ist Gas eine Brückentechnologie, die uns noch lange beschäftigen wird.

Auch die Euro-Krise wird uns noch lange beschäftigen. Oder glauben Sie, dass der Euro nach dem Urteil des deutschen Verfassungsgerichtes gerettet ist?
Der Euro war nach meiner Meinung gar nie in der Gefahr, auseinanderzubrechen. Wir haben auch kein wirkliches Währungsproblem: Der Aussenwert des Euro gegenüber dem Dollar ist stark. Wir haben aber ein politisches Problem. Es hat sich gezeigt, dass wir in Europa auf Dauer keine gemeinsame Währungspolitik betreiben können, ohne nicht auch die Finanz-, Wirtschafts- und die Sozialpolitik zu koordinieren.

Wie beurteilen Sie das Urteil aus Karlsruhe?
Gott sei Dank hat das deutsche Verfassungsgericht gesagt, die vorgeschlagenen Rettungsmassnahmen seien verfassungsrechtlich in Ordnung. Weniger gefallen hat mir die Skepsis, die das Gericht gegenüber der Aktion der Europäischen Zentralbank (EZB) anklingen liess, die unbegrenzte Käufe von Staatsanleihen ermöglicht. Herr Draghi hat damit meines Erachtens nämlich eine gute Entscheidung getroffen. Die EZB ist derzeit die einzige Institution, die der Politik die nötige Zeit verschaffen kann, um die politische Union zu erreichen. Und diese ist eine Bedingung für die dauerhafte Stabilität der Währung.

Was braucht es, damit eine politische Union zustande kommt?
Es braucht eine europäische Regierung, die von einem europäischen Parlament kontrolliert wird, und in der Mitte muss eine Vergemeinschaftung der Finanzpolitik stehen. Das bedeutet Souveränitätstransfers von den Nationalstaaten auf die europäische Ebene. Das wird eine spannende Diskussion geben.

Müssen die Bürger Europas für eine politische Union weniger nationale Mitbestimmungsrechte in Kauf nehmen?
In der Tat. Die Bürger müssen im Gegenzug aber viel mehr Transparenz auf europäischer Ebene als bisher erhalten. Ärgerlich ist, dass die Mächtigen in Europa heute immer noch versuchen, am Volk vorbei zu entscheiden. Das darf nicht so bleiben. Wir brauchen europäische Parteilisten und Spitzenkandidaten für das europäische Parlament und die Regierung. Europawahlen sollten in Form von paneuropäischen Listen stattfinden, damit eine Identifikation mit den Gewählten möglich wird. Das ist bisher nicht der Fall.

Kürzlich haben Sie in einem Interview gesagt, es sei ein Fehler gewesen, die Briten in die EU zu holen. Warum denn?
Das Problem ist: Die Briten wollen ja gar nicht richtig Mitglied der EU sein. Beispielsweise wollen sie den Euro nicht. Aber die Briten wollen bei allem mitentscheiden. Das kann nicht gehen. Die Engländer würden sagen: «You cannot have your cake and eat it too.»

Was ist die Konsequenz?
Es wird ein Europa der zwei Geschwindigkeiten geben. Ein Europa der Euro-Länder, die sich stärker integrieren und mehr Souveränitätstransfers erlauben müssen, aber auch offen sind für neue Mitglieder – und ein Europa der übrigen Länder, die den Euro nicht wollen. Diese können einen äusseren Ring bilden, zu dem nicht nur die Briten gehören, sondern die Tschechen und andere ebenso. Aber diese Länder müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie nicht über Dinge entscheiden können, die den Währungsraum betreffen.

Vielleicht stünde die EU heute besser da, wenn man mehr auf die Briten gehört hätte – gerade wenn es um den Euro geht.
Da bin ich nicht so sicher. Hätten wir in Deutschland damals auf die Briten gehört, stünden wir nun ökonomisch nicht so gut da. Denn die angelsächsischen Zeitungen empfahlen uns, nur auf Finanzdienstleistungen zu setzen und die Industrie verkommen zu lassen. Das haben weder die Schweiz noch Deutschland getan, und das war gut.

Sie wurden 2005 auch wegen Ihrer Agenda 2010 abgewählt. Nachträglich werden Sie nun selbst in der angelsächsischen Presse dafür gelobt. Verspüren Sie eine gewisse Genugtuung?
Wenn das unverdächtige «Wall Street Journal» vom «man who rescued the German economy» schreibt und mich damit meint, dann finde ich das ein bisschen übertrieben. Aber dass ich mich darüber ärgere, kann ich auch nicht sagen.

Ärgert es Sie, dass die SPD sich heute wirtschaftspolitisch in die gegenteilige Richtung bewegt?
Gegenteilig würde ich nicht sagen, wenn Sie sich etwa die aktuellen Rentenbeschlüsse anschauen. Es gibt sicherlich den einen oder anderen Sozialdemokraten, der das alles ganz falsch findet. Wie sollte das in einer grossen Volkspartei auch anders sein? Ich habe mir abgewöhnt, mich über solche Einzelmeinungen aufzuregen.

Aber die politische Stimmung in Europa ist doch so: Spitzensteuersätze rauf, Sozialausgaben rauf, Rentenalter runter. Zum Beispiel in Frankreich unter dem neuen Präsidenten François Hollande.
Die demografischen Entwicklungen sind von Land zu Land unterschiedlich. Frankreich ist in einer anderen Situation als Italien und Deutschland. Dennoch gilt wohl überall: Wer heute meint, das Rentenalter heruntersetzen zu können, der irrt. Die Demografie kann man nicht politisch austricksen. Das ist ein Satz, den alle lernen werden, die das versuchen. Wir in Deutschland habens auch lernen müssen. Wir werden bei der Rente mit 67 bleiben. Und Hollande hat ja jetzt auch eine «Agenda 2014» vorgelegt.

Pflegt man als ehemaliger Kanzler noch intensive Kontakte mit amtierenden oder ehemaligen Regierungschefs und Staatspräsidenten?
Das ist unterschiedlich. Mit denen, die im Amt sind, eher weniger. Die haben natürlich alle mehr zu tun als ich.

Und wie steht es um Ihre Freundschaft mit Wladimir Putin?
Dieser Kontakt ist immer noch eng. Und alles, was in dem Zusammenhang diskutiert wird, bespreche ich nicht öffentlich, sondern intern.

Auch das harte Urteil gegen Pussy Riot?
Zum Beispiel, ja.

Was erwarten Sie von den US-Wahlen?
Ich hoffe, dass Obama sie gewinnt, und ich gehe auch davon aus. Ich bin sogar bereit, mit Ihnen zu wetten.

Was ist Ihr Einsatz?
Den Einsatz muss der Verlierer bestimmen (lacht). Ich würde sagen: Wir wetten um sechs ordentliche Flaschen Wein. Und wer verliert, der bestimmt die Marke, weil man da seine Grosszügigkeit oder seinen Mangel an Grosszügigkeit erkennen kann.

Wir mögen nicht dagegen wetten. In der Schweiz wie überall in Europa geniesst Obama sehr hohe Sympathiewerte. Warum eigentlich?
Obama steht, wie Clinton, für das Amerika, das wir bewundern: für die Offenheit, die Vielfältigkeit, für die demokratische Substanz. Obama hat das Image Amerikas verbessert. Im Ergebnis sind sicher nicht alle Verheissungen erfüllt worden, aber in Europa und, wie ich meine, auch in Amerika wird man der Meinung sein: Obama soll eine zweite Chance erhalten.

Kanzler der Reformen
Gerhard Schröder (68) wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seinen Vater sah er nie – er fiel im Zweiten Weltkrieg. Er engagierte sich schon in frühen Jahren bei den Jungsozialisten. 1980 wurde er in den Bundestag gewählt, von 1990 bis 1998 war er Ministerpräsident des Landes Niedersachsen. Er machte klassische sozialdemokratische Politik, stand aber auch der Wirtschaft nahe, insbesondere der Autoindustrie. 1998 stieg die SPD mit Kanzlerkandidat Schröder ins Rennen gegen Helmut Kohl – und gewann. Schröder regierte bis 2005 zusammen mit den Grünen. Dann wurde er abgewählt, vor allem wegen unpopulärer Wirtschafts- und Sozialreformen, die heute verantwortlich gemacht werden für die gute wirtschaftliche Lage Deutschlands. Seither hat Schröder diverse Mandate in der Wirtschaft (u. a. Ringier, Nord Stream) und ist gefragter Referent: Diese Woche trat er am Swiss Energy und Climate Summit (Swiss ECS) auf, an dem 1200 Entscheidungsträger teilnahmen.

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