VON KURT-EMIL MERKI

Walter Andreas Müller – den alle WAM nennen – hat in den letzten 35 Jahren am Radio alles gemacht, was es am Radio zu machen gab. Er war Moderator von der Morgensendung bis zum «Nachtexpress», vom klassischen Wuko bis zum Wunschkonzert für die Kranken. Er besprach Sendungs-Signete (etwa für die Talkshow «Persönlich»), er war Off-Stimme, Hörspieler und Satiriker («Oder», «Faktenordner», «Zweierleier»). Jetzt ist Schluss. Mit Ausnahme des Montags-Wunschkonzertes gibt er als Moderator alle Sendungen auf.

Das ist bedauerlich. Denn WAM hat nicht einfach Radiosendungen «gemacht» – er hat sie zelebriert. Immer mit Schwung, manchmal gar mit einer Prise Schwung zu viel. Er sagt: «Ich bin jeden Tag gerne ins Studio gefahren.» Er habe das Privileg gehabt, ausschliesslich Sendungen zu moderieren, «die den Zuhörern Freude und mir Spass bereitet haben».

Das Radio-Virus sitzt bei WAM tief. «Bei uns zu Hause in Zürich Wollishofen war es am Samstag um 13 Uhr jeweils mucksmäuschenstill. Keiner wollte auch nur ein Wort von ‹Spalebärg 77a› mit Ruedi Walter und Margrit Rainer verpassen.» Heimlich unter der Bettdecke hörte er sich aus einem Transistorradio «dä Muggetätscher» oder die Krimiserie «Gestatten, mein Name ist Cox» an.

Was nach Familienidylle tönt, hätte leicht ins Gegenteil umschlagen können. Als der Bub viereinhalb war, erlitt die Mutter einen schweren epileptischen Anfall. «Ich erinnere mich haargenau, wie sie da lag, wie Doktor Bitterli sie untersuchte und wie sie auf einer Bahre ins Ambulanzfahrzeug getragen wurde.» Das ist das letzte Bild, das Walter Andreas Müller von seiner Mutter hat. «Im Spital, wo sie an die eiserne Lunge angeschlossen war, durfte ich sie nicht besuchen.» Nach einem Jahr starb die Mutter.

Weil der Vater – Maschinensetzer bei der «NZZ» – das Kind nicht allein aufziehen konnte, wurde es zur Grossmutter gegeben. «Ich war ein Saugof», sagt Müller, «und ich habe die Grossmutter an den Rand der Verzweiflung gebracht.» Dass der Vater fünf Jahre nach dem Tod der Mutter wieder heiratete, wertet WAM als «Glücksfall»: «Meine Stiefmutter hat mich auf den richtigen Weg zurückgebracht. Sie hat mir auch das Herz und den Sinn geöffnet für das Musische.» Wenn WAM von der hochbetagten Frau redet, die ihren Alltag noch immer selbstständig bestreitet und einen Riesenstolz auf den Sohn hat, dann bekommt seine Stimme einen zärtlichen Schimmer.

Die Eltern unterstützten ihren Sohn, als er nach der Ausbildung zum Verlagskaufmann die Schauspielschule in Angriff nahm. «Eigentlich», sagt WAM, «wäre ich am liebsten Opernsänger geworden.» Er traute es sich nicht zu. Als ernsthafter Schauspieler schaffte er es auf verschiedene deutsche Kommunalbühnen. Und in Zürich war er jahrelang im Theater an der Winkelwiese zu sehen, das einen ausgezeichneten Ruf hat.

Dass er vom grossen Publikum gerne auf den Globi und auf den Hans Meier aus «Fascht e Familie» reduziert wird, stört ihn nicht mehr. «Es ist nun mal eine Tatsache, dass Schallplatten und Fernsehsendungen mehr Leute erreichen als Theateraufführungen.» Popularität sei im Übrigen wichtig für einen wie ihn, der neben der Radioarbeit immer wieder auch als freischaffender Komödiant, Parodist und Imitator auftrete.

Wenig glücklich ist Müller darüber, dass er von der SF-Unterhaltungsabteilung «aufs Abstellgleis buxiert wurde». Vom neuen Unterhaltungschef wünscht sich WAM «den Mut, wieder vermehrt eigene Soaps und Sitcoms zu produzieren» – da rede er natürlich «pro domo», sagt er lachend. Mit dem Schweizer Film hat es bislang nie richtig geklappt. «Ich habe offenbar zu wenig in eigener Sache lobbyiert», meint er achselzuckend.

Er bedauert, dass ihm die Bundesräte Merz und Leuenberger demnächst abhandenkommen. Sie verhalfen dem Parodisten zu zwei Paraderollen. Weil der saftlose Didier Burkhalter für ihn «ein schwieriger Fall» sei und Maurer «von Giacobbo besetzt ist», hofft WAM nun auf Schneider-Ammann als Merz-Nachfolger. «Bei ihm habe ich instinktiv ein gutes Gefühl.» Müller wird ihn in «Classe politique» und in den «Zweierleiern» geben.

Walter Andreas Müller tritt auch heute noch häufig als Christoph Blocher auf. «Er ist für mich Gold wert.» Obwohl Müllers Vater ein «freisinniger Arbeiter» war und WAM von der 68er-Bewegung erstaunlicherweise nicht touchiert wurde, orientiert er sich heute «eher in Richtung SP». Er sei «relativ spät» politisiert worden, sagt er und stellt sofort klar, dass er sich nicht vorstellen könne, Mitglied einer Partei zu sein. Anruf also zwecklos!

WAM verschwindet nicht vollständig. Vor allem nicht von der Bühne. Zusammen mit der kongenialen Birgit Steinegger wird er im Herbst 2011 mit einem neuen «Zweierleier»-Programm auf Tournee gehen. Seine zahllosen Fans werdens mit Glücksgefühlen zur Kenntnis nehmen.
6. September, 14.05 Uhr, Radio DRS 1: Hommage an WAM.

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