Das Bild auf dem Plakat zeigt ein schreiendes Baby. Es blickt verloren in die Weltgeschichte hinaus. Und das Baby ist gekennzeichnet: mit einer gelben Bundes-Seriennummer CH-2013, die an seinem linken Ohr befestigt ist. Ähnlich einer Ohrnummer zur Rinderkennzeichnung. Mit diesem Plakat werben die Gegner des Familien-Artikels für ein Nein an der Urne am 3. März.

Ältere Frauen fühlen sich mit diesem Sujet an Abstimmungskampagnen zum Frauenstimmrecht zurückerinnert, wie sie erzählen. Auch damals sei das – verlassene und hilflose – Kind ins Zentrum gerückt worden.

Tatsächlich lassen sich in der Geschichte des Kampfs um das Frauenstimmrecht Plakate finden, die von ihrer Aussage her stark an das Baby-Plakat von 2013 erinnern, obwohl sie 67 Jahre zuvor gestaltet worden waren. Wie etwa die «Frauenstimmrecht Nein»-Illustration des bekannten Malers und Grafikers Hugo Laubi von 1946. Die Illustration zeigt ein Mädchen, das mit zerstrubbelter Frisur dasteht, sich hilflos in der Nase bohrt, in der linken Hand eine zerknickte Blume hält und sich mit weit geöffneten Augen fragt: «Muetter, wenn chunsch hei?» Laubi illustrierte auch BGB-Plakate, der Vorgängerpartei der SVP, die gegen das Frauenstimmrecht war.

Ebenfalls aus dem Jahr 1946 stammt das Plakat «Frauenstimmrecht Nein» von Donald Brun. Es zeigt einen liegen gelassenen «Nuggi», auf dem sich eine Fliege breitgemacht hat. Brun galt als einer der erfolgreichsten Schweizer Grafiker.

1954 zeichnete ein Unbekannter das Plakat eines Knaben mit zerrissenem Hemd und ausgefransten Hosen. Vor im liegt ein Zeugnis mit schlechten Noten. Er lässt den Kopf hängen: «Syt s’Mammi politisiert, hets fir mi kai Zyt meh.»

Das Kindswohl sei ein zentrales Argument gegen das Frauenstimmrecht gewesen, schreibt Judith Arnold, die Publizistik und Germanistik studiert hat, in einer Plakat-Analyse. Oft sei die Vernachlässigung der Frauenpflichten thematisiert worden.

Die Plakate zielten darauf, dass Kinder misshandelt würden, sagt Monique Ryser, Präsidentin der Business and Professional Women (BPW) Schweiz. «Jede und jeder ist entsetzt und bekommt ein schlechtes Gewissen, vor allem Frauen.» Hier werde auf «Schuldgefühle und Scham» gezielt. «Und Scham ist eine der grössten emotionalen Kräfte.» Am schlimmsten falle der Reflex beim schreienden Baby aus. «Die anderen Plakate sind wenigstens stilisiert.»

Auch Rosemarie Zapfl, Präsidentin des Schweizerischen Frauendachverbandes Alliance F, sieht «Ähnlichkeiten» in den Plakaten. Sie zeigten klar, «dass wir geistig noch immer in einer Situation wie vor 50 Jahren stecken, in einer konservativen Schweiz». Während sich die Welt rundherum verändert habe.

Das sieht man im Nein-Lager anders. Frauenstimmrecht und Familien-Artikel hätten «überhaupt nichts miteinander zu tun», sagt FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger (ZH). Und damit auch die Plakate nicht. «Wir wollen ja, dass die Frauen im Arbeitsprozess bleiben, deshalb brauchen wir externe Kinderbetreuungsmöglichkeiten.» Doch diese sollten nicht Staatsaufgabe werden. Als «sehr emotional» taxiert SVP-Nationalrätin Silvia Flückiger (AG) das Baby-Plakat. «Wenn ich es sehe, tut mir das weh.» Auch sie findet, die Themen und Plakate hätten nichts miteinander zu tun: «Die Gesellschaft hat sich verändert. Es müssen verschiedene Betreuungsmodelle möglich sein.»

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