Der Sonntag: Was bedeutet der Tod Gaddafis für Libyen?
Calmy-Rey: Er bedeutet hoffentlich das Ende des Blutvergiessens und einen wichtigen Wendepunkt auf dem Weg Libyens in eine bessere Zukunft. Der Nationale Übergangsrat kann nun seine volle Aufmerksamkeit dem demokratischen Umbau des Landes widmen. Ich hoffe sehr, dass Libyen diese Chance ergreift. Es ist eine Chance für die ganze Region, Europa eingeschlossen.

Der Sonntag: Sie haben Muammar al-Gaddafi persönlich getroffen. Welchen Eindruck hatten Sie damals von ihm?
Das war am 13. Juni 2010. Ich war nach Tripolis geflogen, um Max Göldi nach Hause zu holen. Andere europäische Politiker waren ebenfalls angereist und wollten zur Beendung dieser Krise beitragen. Ich muss gestehen, dass ich immer nur an die Rückkehr von Göldi gedacht habe. Das Treffen mit dem Revolutionsführer war dafür eine notwendige Etappe. Gaddafi wollte mich noch zum Abendessen einladen. Ich lehnte ab und sagte, dass ich gemeinsam mit Göldi in die Schweiz zurückkehren wolle. Er könne uns aber Sandwiches für den Rückflug mitgeben. Als er darauf lächelte, war ich mir sicher, dass die Rückkehr von Göldi klappen würde.

Der Sonntag: Sein Tod war öffentlich, soll aber nicht unabhängig untersucht werden. Wäre dies nicht wünschenswert?
Ich hätte einen Gerichtsprozess und eine Verurteilung Gaddafis gewünscht und für richtig befunden, weil er so seiner Bevölkerung und der internationalen Gemeinschaft hätte Rechenschaft ablegen müssen. Dies gesagt, sind die Umstände seines Todes noch unklar. Das UNO-Menschenrechtskommissariat fordert nun eine Untersuchung. Natürlich ist es wichtig, dass das humanitäre Völkerrecht eingehalten wird – gerade auch im Zeitpunkt des Triumphs. Unrecht darf nicht mit Unrecht vergolten werden. Deshalb hat das EDA die Akteure auch regelmässig zur Zurückhaltung und zum Verzicht auf Vergeltung aufgerufen. Wichtig ist aber Folgendes: Gaddafis Terrorregime ist überwunden und Libyen kann seine Zukunft beginnen.

Der Sonntag: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Libyen waren eine Zeit lang sehr schlecht. Am Samstag eröffnet die Schweiz ihre Botschaft in Libyen neu. Wie steht es heute die Beziehungen zwischen Libyen und der Schweiz?
Das Verhältnis zur neuen libyschen Führung ist gut. Die Schweiz hat den Nationale Übergangsrat bereits früh als ihren einzigen Ansprechpartner in Libyen anerkannt. Ich selber habe mich zweimal mit Vertretern des NTC getroffen. Seit Ende September ist auch der neue Botschafter Libyens, Sliman Bouchuiguir, in Bern akkreditiert. Unsere klare Haltung wurde immer geschätzt. Das zeigt sich unter anderem auch darin, dass die Gespräche zwischen dem Nationalen Übergangsrat und den Tuareg-Gemeinschaften in Mali und Niger mit der Unterstützung der Schweiz stattfanden. Ich hoffe, dass die Resultate dieser Gespräche dazu beigetragen haben, den Bürgerkrieg zu verkürzen.

Der Sonntag: Wo gibt es Möglichkeiten zur Zusammenarbeit? Was kann die Schweiz tun, um dem libyschen Volk beim Wiederaufbau des Landes zu helfen?
Sicher wollen wir die 265 Millionen Franken, die sich noch in der Schweiz befinden, möglichst rasch freigeben. Rund 90 % davon gehören libyschen Staatsfirmen. Wir gehen davon aus, dass der UNO-Sicherheitsrat relativ bald über die Freigabe dieser staatlichen Gelder entscheiden wird. Ich kann mir zudem vorstellen, dass sich die Schweiz in drei konkreten Bereichen während der Transitionsphase engagiert: bei der Entwaffnung der Bevölkerung, bei der Reform der Sicherheitskräfte sowie bei der Entminung. Unsere Sicherheitszentren in Genf verfügen über die nötigen Kenntnisse. Die Schweiz ist auch bereit, sich an der Mission der UNO zu beteiligen.

Der Sonntag: Wie kann Libyen nun einen bestmöglichen Start in die nationale Einheit haben?
Durch Aussöhnung, Ausgleich und durch die Schaffung solider demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen. Eine der grossen Herausforderungen für das Land wird es sein, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Gerechtigkeit ist zentral für die nationale Versöhnung und das Fundament für eine gemeinsame, erfolgreiche Zukunft. Die Arbeit müssen aber die Libyerinnen und Libyer letztlich selbst machen. Die libysche Revolution gehört dem libyschen Volk. Wir können sie auf dem Weg zur Demokratie lediglich begleiten, wenn dies gewünscht ist.

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