Urs Kaltenbach* ist Privatbanker in den Diensten der UBS. Er betreut ausschliesslich reiche Kunden in der Ostschweiz. Für ihn war der letzte Dienstag ein Freudentag. UBS-Konzernchef Sergio Ermotti gab bekannt, dass sich die UBS vom Hochrisikoinvestmentbanking verabschiede und wieder voll und sich ganz auf das Geschäft mit vermögenden Kunden konzentriere.

«Das ist das Beste, was uns passieren konnte», jubelt der Banker. Immer wieder drängten die Schweizer Banker wie Kaltenbach darauf, dass sich die Bank von dem angelsächsisch geprägten Investmentbanking verabschiede. Jetzt endlich ist es Realität. Dass dabei 10 000 Stellen abgebaut würden, sei eben Kollateralschaden, sagt Kaltenbach.

Und endlich sollen auch Boni wieder sprudeln, so wie in den Jahren, bevor die UBS in die Finanzkrise schlitterte. In den letzten fünf Jahren mussten auch die rund 16 000 Beschäftigten des Bereichs Wealth Management und des Schweizer Kerngeschäfts untendurch. Wegen der massiven Verluste im Investmentbanking wurde das Vertrauen erschüttert, die Kunden zogen Milliardenvermögen ab und die Privatbanker in der Schweiz erlitten herbe Lohneinbussen. Damit soll jetzt Schluss sein.

Denn wie «Der Sonntag» erfahren hat, arbeitet die Bank derzeit ein neues Bonusprogramm aus, das speziell auf die obersten Kader der Bank zugeschnitten ist. Es wäre bereits das sechste Programm, das für die UBS-Beschäftigten ausgearbeitet wurde. Eine UBS-Pressesprecherin wollte dazu keine Stellung nehmen. Spätestens im neuen Geschäftsbericht wird die UBS über das neue Programm orientieren müssen.

Die neu aufgestellte UBS dürfte aber auch in den bestehenden Programmen höhere Bonusausschüttungen gewähren. So versprach Bankchef Ermotti am Dienstag bis 2015 eine Eigenkapitalrendite von mehr als 15 Prozent. In den letzten Quartalen erzielte die Bank Quoten von deutlich unter 10 Prozent. Die Höhe der Ausschüttungen richtet sich vor allem an Eigenkapitalrendite. Das ist etwa bei Cash Balance Plan der Fall, der für die Konzernleitungsmitglieder reserviert ist.

Der Abbau verschafft der Bank Luft und erlaube es ihr, «das volle Potenzial zu entfesseln», wie Ermotti sagte. Die UBS werde Erträge von höherer Qualität liefern, die weniger stark schwanken als in der Vergangenheit, als die Quartalszahlen jeweils von den Investmentbankern in die eine oder andere Richtung getrieben wurden. Letztlich profitiere davon – nebst Aktionariat und Kundschaft – auch das Personal, machte Ermotti klar. Kurzfristig setzt der Abbau in der Investmentbank vor allem Kapital frei, denn mit den volatilen Geschäften sinken auch die Anforderungen ans Eigenkapital. Kapital, das auch ausgeschüttet werden soll. Ermotti stellt den Aktionären eine so genannte Pay-out-Ratio von 50 Prozent in Aussicht.

Boni erhalten nun auch jene, die aufräumen müssen, was sie oder ihre Kollegen in den Vorjahren angestellt haben: Die Investmentbanker, die das Geschäft herunterfahren, von dem sich die Bank trennen will. Rund dreihundert Leute arbeiten offenbar direkt in diesem Kernteam. Schaffen sie es, die Assets in der Investmentbank mit Gewinn zu verkaufen, werden sie daran beteiligt. Carsten Kengeter, der abgesetzte Chef der Investmentbank, kümmert sich um diese Abwicklungstruppe. Er soll dafür einen neuen, lukrativen Vertrag bekommen haben. Die UBS will sich dazu nicht äussern.

Im Geschäftsbericht 2011 legt die UBS ein «Special Plan Award Program» offen, das für diese Zwecke eingesetzt werden soll und mit 300 Millionen Franken bestückt ist. Ob das auch mit dem neuen, extremeren Abbaufahrplan ausreicht, der Anfang Woche angekündigt wurde, ist unklar. Auf Anfrage wollte die UBS nicht sagen, ob der Plan aufgestockt werden muss.

Für das laufende Jahr ist der Topf für die Boni noch nicht gefüllt worden. In den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres wurden mit rund 1,5 Millarden Franken sogar etwas weniger Geld für neue Gratifikationen zurückgestellt als im Vorjahr. Damals lagen die Rückstellungen nach drei Quartalen bei fast 2 Milliarden. Doch das bedeute gar nichts, betont die UBS-Pressestelle, wird doch erst im vierten Quartal entschieden, wie viel Geld ans Personal ausgeschüttet werden soll. Da wird jeweils noch einmal grosszügig auf- oder abgerundet. Auch kann es gut sein, dass die Gesamtsumme aller Boni weiterhin abnimmt, wird im Investmentbanking doch stark abgebaut. Und dort wurden in der Vergangenheit besonders fette «variable Komponenten» ausbezahlt.

Mit dem radikalen Abbau in der Investmentbank um 70 Prozent kehrt die UBS nun zu ihren Wurzeln zurück, die – anders etwa als bei der Credit Suisse – nicht im Investmentbanking, sondern in der Vermögensverwaltung liegen. Das riskante Geschäft ging vor allem auf die Ära Marcel Ospel zurück. Ende der Neunzigerjahre erwarb der damalige Bankverein erst die englische Investmentbank SG Warburg und zwei Jahre später die amerikanische Dillon Read. Gemeinsam wurden diese anschliessend unter dem Logo mit den drei Schlüsseln als SBC Warburg Dillon Read geführt und 1998 bei der Fusion mit der Bankgesellschaft in die neue UBS eingebracht.

Nüchtern betrachtet war das neu erworbene Geschäft für die UBS ein Flop. Zwar spülte die Investmentbank vor allem zu Beginn regelmässig Milliardengewinne in die Kasse. Unter dem Strich summieren sich in der Ära der fusionierten Bank jedoch Verluste von insgesamt 31 Milliarden Franken auf. Jedes dritte Jahr schloss die Investmentbank mit roten Zahlen ab. Und letztlich brachte sie die UBS mit ihren Spekulationen mit amerikanischen Hypothekenpapieren 2008 in den Kollaps.

Die immer schärferen Eigenkapitalvorschriften des Basler Ausschusses zwangen die UBS zudem, zunehmend mehr Reserven zu halten, um das Investmentbanking noch betreiben zu können. Diese habe ihre Kapitalkosten denn auch schon lange nicht mehr eingespielt, sagt Ermotti. Zumindest formell gelten daher die neuen Basel-III-Vorschriften als Grund für den Ausstieg der UBS aus dem Geschäft.

Nun wird das Erbe des Marcel Ospel liquidiert. Und so wird die UBS, deren Hauptquartier trotz Doppelsitz faktisch schon lange in Zürich liegt, immer mehr zur Nachfolgerin der Zürcher Bankgesellschaft und immer weniger zu einem Überbleibsel des baslerischen Bankvereins. Vielleicht ist es kein Zufall, dass vor wenigen Tagen in Basel die UBS-Schilder vom einst grosszügig angelegten Ausbildungszentrum an der Viaduktstrasse abgeschraubt wurden, das in den Neunzigerjahren vom Bankverein erstellt wurde. Die vielen Büros und Sitzungszimmer wurden schon lange nicht mehr benötigt. Nun zieht dort die Roche ein.

*Name geändert

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