Herr Sawiris, Sie müssen sich gegen zunehmende Zweifel am Erfolg von Andermatt wehren. Nervt Sie das?
Samih Sawiris: Ja. Ich bin enttäuscht. Für mich ist es traurig zu sehen, dass einzelne Schweizer Medien sich einen Sport daraus machen, Zweifel zu streuen, und so potenziellen Schweizer Käufern den Appetit auf Andermatt nehmen. Das ist schade, weil Andermatt damit im Endeffekt mehr und mehr in ausländische Hände gerät.

Probleme gibt es aber schon. Der Verkauf der Wohnungen in Andermatt verläuft schleppend.
Unsinn. Alleine im ersten Halbjahr haben wir für 53 Millionen Franken Wohnungen verkauft – Wohnungen, die erst in drei Jahren bezogen werden können. Wie kann man da sagen, der Verkauf verlaufe schleppend?

Werden Sie das Verkaufsziel für dieses Jahr von 120 Millionen schaffen?
Daran zweifle ich keinen Augenblick.

Ist es mit dem starken Franken nicht schwieriger geworden, ausländische Käufer zu finden?
Nein. Ich glaube sogar, dass uns der Franken hilft. Die Ausländer, die jetzt mit Euro oder Dollar kommen, profitieren von den rekordtiefen Zinssätzen auf Schweizer Hypotheken. Wenn sie diese abzahlen, ist der Franken wahrscheinlich wieder schwächer geworden. Es ist also im Gegenteil eher ein gutes Geschäft, jetzt in der Schweiz zu kaufen.

Hilft es Ihnen, dass reiche Europäer vor den zunehmend hohen Steuern in die Schweiz fliehen?
Bis heute hat kein einziger Kunde ein Haus gekauft, um Steuern zu sparen. Ich möchte nicht auf diese Tour Kunden suchen. Ich will beweisen, dass meine Käufer Andermatt gewählt haben, weil sie Andermatt schön finden.

Stimmt es, dass Sie ursprünglich in der Schweiz studieren wollten, dies aber nicht durften und deshalb nach Deutschland auswichen?
Ich muss Sie leider korrigieren: Ich war selber daran schuld. Ich scheute das Risiko, durch die wirklich sehr schwierige Aufnahmeprüfung an der ETH zu fallen. Das hätte an meinem Ego als Klassenprimus gekratzt. Zudem zog ich es vor, an den Strand zu gehen, mich mit Girls zu treffen und Party zu machen.

Gibt Ihnen Andermatt die späte Befriedigung, es der Schweiz zu zeigen?
Absolut. Für mein Ego ist der Erfolg von Andermatt wichtig. Wissen Sie: Ich könnte unsere Wohnungen schnell verkaufen, wenn ich in Moskau, Kiew oder Kairo auf Verkaufstour ginge. Aber das will ich nicht. Mir ging es noch nie ums schnelle Geld. Mein Ego sagt mir: Du bist persönlich nur dann erfolgreich, wenn die Schweizer diese neue Destination Andermatt gutheissen.

Momentan sieht es anders aus: Der Anteil der inländischen Käufer ist gesunken, auf noch 44 Prozent.
Das finde ich schade. In der Schweiz gibt es viele Vorbehalte gegenüber Andermatt. Die Schweizer sind zu langsam und zu risikoscheu. Ich erlebe es zum Beispiel ständig, dass mir Schweizer Männer erzählen, wie sie während ihrer Militärdienstzeit in Andermatt im Schnee frieren mussten. Erst wenn ich diese Hürde überwunden habe, ist es für mich ein Bombenerfolg.

Wer vor drei Jahren bei Ihrer Firma Orascom als Aktionär einstieg, hat 80Prozent verloren. Haben sich die Anleger von Ihnen blenden lassen?
Wieso? Der Umsatz ist ja nicht zurückgegangen, weil wir schlecht gearbeitet hätten, sondern wegen der Entwicklung in Ägypten, die dazu führte, dass viele Touristen und damit unsere Einnahmen ausblieben. Ich bin weder für die Weltwirtschaftskrise noch für die Revolution in Ägypten verantwortlich. Schämen würde ich mich nur dann, wenn ich falsche Entscheide getroffen hätte. Aber unsere Resultate sind nicht so schlecht. Aus dem ersten Quartal sind wir ohne Beule gekommen.

Wie bitte? Der Umsatz brach im ersten Quartal förmlich ein, der Reingewinn sank gegen null.
Es mag komisch tönen: Dahinter steckt auch eine erfreuliche Botschaft. Wenn wir es trotz einem totalen Stillstand in unserem wichtigsten Markt schaffen, keinen Verlust zu haben, heisst das, dass diese Firma nicht so schnell Verluste macht.

Werden Sie dieses Jahr einen Reingewinn schreiben?
Davon gehe ich heute aus.

Was würde mit Orascom passieren, wenn Ägypten als Feriendestination für längere Zeit komplett ausfällt?
Wir können noch ein ganzes Jahr verkraften. Das heisst, 2011 und 2012 dürfen miserabel sein, bevor ich anfange zu zittern. Dauert die Krise länger, müssen wir natürlich frisches Geld reinpumpen. Ich persönlich würde dann zusätzliches Geld einschiessen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass das nötig ist. Wir haben jetzt schon Anzeichen, dass sich das Geschäft in Ägypten erholt. Die Belegung unserer Hotels und Resorts war eine gewisse Zeit bei praktisch null Prozent, jetzt sind wir wieder bei 60 Prozent. Die Liegenschaftsverkäufe ziehen ebenfalls an.

Bei Orascom sind Sie Verwaltungsratspräsident und Konzernchef in einem. Geben Sie eines der beiden Ämter ab?
Das ist eine gute Überlegung. Ich werde mir ernsthafte Gedanken darüber machen.

Nach der anfänglichen Euphorie stockt der Demokratieprozess in Ägypten. Droht der Rückfall in eine Diktatur?
Natürlich. Was haben Sie erwartet? Nur schon die Macht der Gewohnheit spricht dafür. Es ist unrealistisch, dass nach 6000 Jahren Diktatur innerhalb von sechs Monaten die Demokratie gewinnt. Selbst im Volk gibt es Leute, die einen Diktator haben wollen.

Wünschen Sie sich für Ägypten die Demokratie nach westlichem Muster?
Natürlich. Ich glaube aber, dass wir erst mal ein paar Jahre ein autoritäres Übergangsregime haben werden. Wir müssen nun sicherstellen, dass die neuen Führerfiguren das Volk fürchten und nicht umgekehrt. Dazu braucht es ein richtiges Parlament, seriösere Parteien und die Trennung von Armee und Politik.

Eigentlich war die Mubarak-Diktatur besser für Sie. Erst seit dem Umbruch in Ägypten sind Sie in der Defensive.
Das stimmt überhaupt nicht. Die Mubarak-Diktatur hat uns nicht geholfen, sondern uns eher abgeschreckt. Ich hatte Angst, dass sie sich auch gegen uns richten könnte. Das können Sie allein daran sehen, dass ich den Sitz von Orascom in die Schweiz verlegt habe.

Ihr Bruder Naguib hat die liberale Partei der Freien Ägypter gegründet. Sind Sie auch beteiligt?
Ja, ich bin Mitglied, weil die Partei die freie Marktwirtschaft und eine demokratische, säkulare Gesellschaft fördern will. Aber Politiker werde ich sicher nicht.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!