Zwischen der Nationalbank (SNB) und der Banken-Aufsicht Finma gibt es nicht nur ein Gerangel um Kompetenzen, das Bankenvertreter seit längerem kritisieren. Gestritten wird auch um die Deutungshoheit in einer der entscheidenden Fragen der Volkswirtschaft: Bildet sich hierzulande eine gefährliche Immobilienblase – und vergeben die Banken Kredite zu aggressiv?

Nationalbank-Chef Thomas Jordan warnt in jedem Referat und Interview vor einer Immobilienblase. «Die Hypothekarvolumen wachsen immer noch stärker als das nominelle Bruttoinlandprodukt», sagte er kürzlich in der «Schweiz am Sonntag». «Ein grosses Risiko ist der Anteil der Hypotheken, die an Personen vergeben werden, welche an der Grenze ihrer Möglichkeiten sind, diese Hypothek auch längerfristig finanzieren zu können.» In ihrem neusten Finanzmarktstabilitätsbericht liefert die SNB konkrete Zahlen nach: 15 Prozent der Neukunden würden bereits bei einem Anstieg der Zinsen auf 3 Prozent in Schwierigkeiten geraten. Bei einem Zinssatz von 5 Prozent wären es gar 40 Prozent. In den vergangenen Wochen ist die Nervosität gewachsen. Ein besorgter Banker sagt mit Blick auf den Hypothekenmarkt: «Wir sitzen auf einer 800-Milliarden-Zeitbombe.» So gross ist das Volumen der Hypothekarkredite.

Aus Nationalbankkreisen verlautet, es sei gut möglich, dass die SNB noch im laufenden Jahr einen Antrag auf eine Erhöhung des Kapitalpuffers stellen werde. Dieser verlangt, dass die Banken spätestens per 30. September zusätzliches Eigenkapital in der Höhe von 1 Prozent auf ihren Hypothekarpositionen halten müssen. Die Eigenmittelverordnung lässt aber Spielraum nach oben: Der Bundesrat könnte den Kapitalpuffer auf Antrag der Nationalbank bis auf 2,5 Prozent erhöhen.

Anders beurteilt die zweite wichtige Institution die Lage. Bei der Finma hält man die Warnrufe der SNB für übertrieben, auch wenn das niemand öffentlich sagen will. Kein Geheimnis ist aber, dass die Finma den Kapitalpuffer ablehnt, den die SNB erfolgreich beim Bundesrat durchgesetzt hat: Die Finma teilte gar per Communiqué mit, sie habe «in ihrer Stellungnahme zuhanden der SNB empfohlen, mit der Aktivierung des Kapitalpuffers zum jetzigen Zeitpunkt noch zuzuwarten». Im Vorfeld des Bundesratsentscheids vom 13. Februar soll Finma-Chef Patrick Raaflaub persönlich bei einem Bundesratsmitglied gegen den Kapitalpuffer lobbyiert haben. Die Finma wollte zuerst abwarten, ob die im Juli 2012 eingeführten strengeren Regeln für die Hypothekarkreditvergabe das Wachstum dämpften. Doch für die SNB hat der Kapitalpuffer noch eine andere Funktion: Der Puffer führt zu einem Eigenkapitalaufbau bei den Banken, und wenn die Blase platzt, würden weniger Banken in den Abgrund gerissen als bei der letzten Immobilienkrise in den 1990er-Jahren.

Der Deutungsstreit hinter den Kulissen verunsichert die Banken. Die Nationalbank male Horrorszenarien an die Wand, die Finma wiegle ab, sagt ein Banker und fragt: «Was gilt nun?» Jordans Warnrufe ärgern viele Banker. Insbesondere jene, die sich zurückhalten und auf Geschäfte verzichten. «Die Banken stecken im Dilemma», sagt CVP-Ständerat Pirmin Bischof (SO). «Sie schwimmen im Geld und wissen nicht, wo sie es gewinnbringend anlegen können. Da ist jede Hypothek willkommen. Auf der anderen Seite müssen sie strengere Regeln einhalten.»

Auffällig: In jüngster Zeit vergeben die Grossbanken, die sich lange Zeit zurückhalten, wieder aggressiver Hypotheken. Sie holen auf dem Hypomarkt wieder auf. Ein krasses Beispiel liefert die CS: Sie verlangt für Luxuswohnungen mit Quadratmeterpreisen von über 16 000 Franken in Zürich Witikon nur gerade 10 Prozent Barmittel und 10 Prozent aus der Pensionskasse. Der Kampf um Marktanteile wird definitiv härter.

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