Szenen wie im Krieg: Flüchtlinge verlassen die Schweiz. Auf Booten rudern sie über den Rhein ins rettende Deutschland. Es handelt sich um verzweifelte Eidgenossen, die in ihrer darniederliegenden Heimat ihren Job verloren haben. Deutschland richtet Flüchtlingslager für die verelendeten Schweizer ein. Ein Hotelier gesteht unter Tränen, auch er habe damals «für die Minder-Initiative» gestimmt.

So schildert einer, der den Kurzfilm schon gesehen hat, den Inhalt des Streifens. Regisseur Michael Steiner («Missen-massaker», «Grounding») erhielt gemäss «Sonntag»-Recherchen vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse ein Budget von rund 300 000 Franken, um den Film zu realisieren. Aus Kostengründen wurde er in Budapest gedreht. «Grounding 2026» lautet der Arbeitstitel des Films, wie «TeleZüri» berichtete. 2026: In diesem Jahr sollen die verheerenden Auswirkungen der «wirtschaftsfeindlichen» Abzocker-Initiative den Standort Schweiz mit voller Wucht treffen. Unternehmen wandern ab, Jobs gehen verloren, es herrscht Massenarbeitslosigkeit.

Michael Steiner wurde im Spätherbst 2012 von Economiesuisse für das Projekt angefragt. «Ich nehme an, weil sie im Verband wussten, dass ich politisch eine liberale Haltung habe», sagt Michael Steiner. Er äussere sich in der Regel nicht zu politischen Geschäften, ergänzt er. Hier aber wollte er sich engagieren: «Ich bin persönlich gegen die Initiative.» Er habe im Film, der gut drei Minuten dauert, die Situation «ganz bewusst übertrieben dargestellt».

Eigentlich hätte das Video morgen Montag mit einem Paukenschlag lanciert werden sollen. Doch daraus wird vorerst nichts. Offiziell, weil Michael Steiner krank war und sich dadurch die Postproduktion etwas verspätete, wie Economiesuisse-Kommunikationschefin Ursula Fraefel sagt. Doch viele im Verband sind froh, nun etwas Zeit zu gewinnen.

Denn der Film ist intern höchst umstritten. Etwa 20 Leute aus dem Verband und seinem Umfeld haben den «Horrorstreifen», wie sich ein Insider ausdrückt, gesichtet. Die einen finden, die polemische Art sei der richtige Weg, um die Leute wachzurütteln und das Ruder herumzureissen – gemäss Umfragen würde die Initiative heute sehr klar mit 65 Prozent ja angenommen. Die anderen aber kritisieren, das Video, das über das Internet verbreitet werden soll, werde kontraproduktiv sein. «Angstmacherei ist genau der falsche Weg», sagt der Insider.

Gefällt der Film denn der Kommunikationschefin Fraefel? Sie will sich dazu nicht zitieren lassen, sondern sagt bloss: «Ich gehe noch immer davon aus, dass wir den Film zeigen werden.» Doch schon in einem Monat, am 3. März, ist die Abstimmung. Und auf einen Termin für die Lancierung will sich Fraefel nicht festlegen.

Erst diese Woche wird BDP-Präsident Martin Landolt den Film zu Gesicht bekommen. Die BDP führt die Nein-Kampagne an. Wie auch immer die Initiativ-Gegner entscheiden: Im Internet-Zeitalter wird kaum zu vermeiden sein, dass der Film irgendwo auftaucht. Steiner sagt, er habe von Economiesuisse keine negativen Reaktionen erhalten. Er habe vor dem Dreh dem Verband drei verschiedene Konzepte vorgeschlagen. Economiesuisse habe sich für die nun realisierte Variante entschieden.

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