Es war einer jener Besuche, die zum Alltag von Philipp Müller gehören. Mehrere Abende in der Woche verbringt der FDP-Präsident unterwegs, um den freisinnigen Ortsparteien in der ganzen Schweiz Besuche abzustatten. Am vergangenen Dienstag trat Müller in Dagmersellen LU auf. Es war das gewohnte Programm: Müller sprach über die Wahlen 2015 («aus politischer Sicht ist das übermorgen»), Asyl und Migration («Wir wollen keine Einwanderung in unser Sozialnetz»).

Doch dann, kurz vor 22 Uhr, richtete eine Frau im Publikum eine Frage an den Parteipräsidenten. Was denn sein Rezept sei, um der Wut vieler Bürger über die Abzockerei zu begegnen? Müller antwortete, er habe kein Rezept. Dafür berichtete er von einem Gespräch, dass er kürzlich mit einem Topmanager der Wirtschaft geführt habe.

Müllers anschliessende Aussagen hielt das «Zofinger Tagblatt» (gehört zum «Schweiz am Sonntag»-Verbund) wie folgt fest: «Ich fragte den Manager, ob er wisse, was er mit seinen in den Medien genannten Bezügen von 7,2 Millionen Franken beim Volk anrichte. Er gab mir zur Antwort, es sind nicht 7,2 Millionen, sondern 8,9 Millionen Franken. Diese Arroganz. Ein Arschloch bleibt ein Arschloch.»

Was veranlasste Müller zu diesem Ausbruch? Der FDP-Präsident nahm gestern Abend kurz vor seinem Auftritt in der TV-Sendung «Samschtig-Jass» Stellung. «Ich stehe inhaltlich zu meinen Aussagen, aber die Wortwahl war falsch. Ich bin ein emotionaler Mensch und dann passierte mir das aus der aufgeheizten Situation heraus», sagt Müller. Auf welchen Wirtschaftsführer aber hat er abgezielt? «Ich nennen Ihnen keinen Namen», antwortet der FDP-Chef.

So bleibt offen, welchen Manager er «kürzlich» auf seine «in den Medien genannten Bezüge» von 7,2 Millionen Franken ansprach.

War es Ernst Tanner, der Chef von Lindt & Sprüngli? Einiges deutet darauf hin. Am 16. März berichtete der «Blick» unter dem Titel «Die heimlichen Millionen-Absahner» über Tanners Salär und hielt in dicken Lettern fest: «Letztes Jahr erhielt Tanner 7,2 Millionen.» Rechne man die Aktien und Optionen hinzu, komme man auf fast 9 Millionen Franken.

Oder zielte Müller mit seinem Kraftausdruck auf Michael Mack, den Chef von Syngenta? Auch er verdiente vergangenes Jahr 7,2 Millionen Franken. Im Gegensatz zu Tanner ist der US-Amerikaner Mack aber in der Schweizer Öffentlichkeit ungleich weniger bekannt.
Mehrere Exponenten der FDP wollten sich gestern auf Anfrage nicht zu Müllers Aussagen äussern. Klartext spricht jedoch Christine Egerszegi. «Solche Aussagen kommen vielleicht auf dem Bau gut an, aber in der Öffentlichkeit spricht man einfach nicht so», sagt die Aargauer FDP-Ständerätin. «Es braucht ein Mindestmass an Anstand, egal, was man von jemandem hält.»

Der Luzerner FDP-Nationalrat Peter Schilliger war am Dienstagabend ebenfalls Gast am Parteianlass in Dagmersellen. In Erinnerung sei ihm, dass Müller sein «Unverständnis» über gewisse Manager ausgedrückt habe, die bei der Bevölkerung grossen Zorn auslösten.

Dieser Zorn ist auch bei Philipp Müller fast grenzenlos, wie er gestern sagte. «Die Basis hat die Schnauze voll von den Exzessen in gewissen Konzernen – und ich auch. Es ist einfach ungerecht, dass man die Abzockereien immer mit der FDP in Verbindung bringt. Wir leiden unter einem gewaltigen Imageproblem, obwohl wir mit diesen Herren nichts zu tun haben. So kommen wir zu wenig rasch vorwärts!», ist Müller überzeugt.

Egal, wo er auftrete, treffe er auf ein «aufgeheiztes Klima»: bei Ortsparteien, vor Gewerblern, bei Service Clubs. «Und fast immer fällt das auf uns zurück.» Müller bestreitet, dass ihn das an die Grenzen seiner Kräfte bringe: «Glauben Sie ja nicht, dass ich deswegen frustriert bin. Ich kämpfe weiter mit vollem Einsatz!» Und er gibt noch eins drauf: «Das Beste wäre, wenn nun einer dieser schamlosen Manager meinen Rücktritt fordern würde. Dann wäre den Leuten vielleicht endlich klar, auf welcher Seite meine Partei und ich selber stehe.»

Nervös macht Müller insbesondere die jungsozialistische 1:12-Initiative. «In der jetzigen Stimmungslage hat sie leider reelle Chancen, angenommen zu werden», glaubt der FDP-Chef. Die «Arena» dazu habe er als «zermürbend» erlebt, es scheine, als könne man als Liberaler bei dieser Diskussion nur verlieren.

Als Philipp Müller Anfang 2012 zum FDP-Präsidenten gewählt wurde, war ein Hauptziel, die Partei vom «Bahnhofstrassen-Image» zu befreien. Er kündigte an, die «intellektuelle Flughöhe» senken zu wollen. Wie tief diese bisweilen geht, zeigte der Ausrutscher diese Woche. Seine Worte dürften ihn Rückhalt kosten bei jenen Freisinnigen, die in ihm schon immer einen «Outlaw» (NZZ) sahen.

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