Es ist eine spektakuläre Wende in einem der Aufsehen erregendsten Justizverfahren der Schweiz. Die Bundesanwaltschaft verschickt morgen Vormittag eine Medienmitteilung, in der die Gründe für den Verzicht auf einen Weiterzug dargelegt werden. Laut Informationen des «Sonntags» steht im Vordergrund, der arg gescholtenen obersten Anklagebehörde des Landes damit einen Neuanfang zu ermöglichen. Die zuständigen Staatsanwälte des Bundes gelangten intern zum Schluss, dass eine weitere Verlängerung des bald acht Jahre andauernden Verfahrens nicht angebracht sei und von der Öffentlichkeit nicht verstanden würde.

Der Zürcher Privatbankier Oskar Holenweger war am 11. Dezember 2003 verhaftet worden. Der Anfangsverdacht der Drogengeldwäscherei gegen den Gründer der Tempus-Bank hatte sich jedoch schnell zerschlagen. Das Bundesstrafgericht hatte Holenweger am 21. April auf der ganzen Linie freigesprochen. Er war der Geldwäscherei, Urkundenfälschung, ungetreuen Geschäftsbesorgung und Bestechung beschuldigt worden. Der Einsatz von V-Mann Ramos, der zwei Bundesanwälten das Amt kostete, wurde vom Gericht jedoch als "rechtswidrig" bezeichnet. Auch die Abhörung des Telefons von Holenweger und der Einsatz eines verdeckten Ermittlers seien unrechtmässig gewesen. Das Gericht sprach Holenweger 35 000 Franken Genugtuung und 395 000 Franken als Ersatz für seine Kosten zu.

Nach dem Freispruch hatte die Bundesanwaltschaft einen Weiterzug ursprünglich nicht ausgeschlossen. "Ich halte fest, dass Bellinzona nicht der Vatikan ist", sagte damals der zuständige Ankläger Lienhard Ochsner. Er spielte darauf an, das Gericht sei nicht unfehlbar. Mit der schriftlichen Urteilsbegründung ist bei der Bundesanwaltschaft nun aber die Erkenntnis gereift, dem neu gewählten obersten Ankläger nach den wiederholten Pleiten seiner Vorgänger einen Neuanfang zu ermöglichen. Michael Lauber war am 28. September zum Nachfolger des nicht wiedergewählten Erwin Beyeler ernannt worden.

Vertrauen in die Bundesanwaltschaft zurückzugewinnen werde einer seiner Schwerpunkte sein, hatte Lauber Anfang Oktober in einem Interview mit dem "Sonntag" gesagt: "Für Vertrauen ist eine klare Kommunikation nötig. Dazu braucht es Gespräche. Entscheide werden dann gefällt, wenn die Lage analysiert ist. Es darf keine Hüftschüsse geben."

Im Nachgang zur Affäre Holenweger, die letztlich auch zur Abwahl des damaligen Bundesrats und EJPD-Vorstehers Christoph Blocher führte, wurde zuletzt der Ruf nach einer Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) laut. Die Bundesanwaltschaft war neben dem Fall Holenweger wegen den Verfahren gegen die Hells Angels und angebliche Tamil Tigers massiv in die Kritik geraten.

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