FAHRVERBOT FÜR RENTNER

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Senioren verursachen mehr tödliche Unfälle als jüngere Lenker. Der Bund wird aktiv: Er will die Fahrtauglichkeitskontrollen landesweit verschärfen.

VON NADJA PASTEGA

Junge Raser schocken die Schweiz. Immer wieder fordert die Tempo-Bolzerei Schwerverletzte und Todesopfer. Jetzt zeigt sich: Nicht nur Jung-Raser sind ein Sicherheitsrisiko auf Schweizer Strassen – bei tödlichen Verkehrsunfällen sitzen häufig auch Senioren am Steuer.

Das belegt eine Auswertung des Bundesamts für Statistik (BfS) für den «Sonntag». Die Zahlen sind erschreckend:

2008 verursachten Lenker über 70 Jahre 1475 Verkehrsunfälle. Dabei gab es 373 Schwerverletzte und 860 leicht Verletzte. 72 Menschen starben bei Unfällen mit Fahrzeuglenkern über 70. Das heisst: Senioren bauten jede Woche mehr als einen tödlichen Unfall.

Lenker über 70 sind zwar deutlich weniger oft in Verkehrsunfälle verwickelt als jüngere Lenker – aber sie verursachen mehr tödliche Unfälle als die
21- bis 30-Jährigen.

Jeder fünfte Verkehrstote in der Schweiz starb 2008 bei einem Unfall, der gemäss BfS von einem Senior verursacht wurde.

Beim Bundesamt für Strassen (Astra) spielt man das Problem herunter: Die Unfälle könnten auch mehrere Verursacher haben. Doch die Zahlen des BfS zeigen klar: Bei 20 Prozent der tödlichen Unfälle ist ein fehlbarer Senioren-Lenker involviert.

Noch dramatischer ist das Resultat einer Studie des statistischen Amts des Kantons Zürich. Demnach sind Senioren über 70 eine Hochrisikogruppe, zusammen mit den unter 25-Jährigen: «Sie sind häufiger in Unfälle verwickelt als alle anderen Altersklassen», hält die Studie fest.

350 000 Schweizerinnen und Schweizer über 70 besitzen einen Führerschein. Eine Zahl, die wegen der Überalterung weiter steigen wird. Derzeit gibt es rund 870000 Rentner, die älter sind als 70 – 2050 werden es bereits 1,7 Millionen sein. Die Senioren-Lenker müssen sich alle zwei Jahre einem Ärzte-Check unterziehen. Doch die Untersuchungen fallen von Kanton zu Kanton unterschiedlich streng aus. Und es gibt Senioren, die sich vor dem Ärzte-Attest drücken. Wie der 83-jährige Rentner, der im Mai 2005 in Brugg AG eine 15-jährige Schülerin totfuhr.

Jetzt gibt der Bund Gegensteuer. Das Astra hat einen umfangreichen Massnahmenkatalog für mehr Sicherheit im Strassenverkehr erarbeitet und in die Vernehmlassung geschickt. Inzwischen liegt die definitive Fassung vor, sie soll Ende Jahr dem Bundesrat unterbreitet werden.

Die brisanteste Änderung: Alle Senioren über 70 sollen den Fahrausweis nur noch auf zwei Jahre beschränkt erhalten. Für eine Verlängerung müssen sie zu einem obligatorischen Fahrtauglichkeitstest antraben und bei den Behörden ein Ärzte-Attest einreichen. Die Vereinigung der Strassenverkehrsämter (Asa) unterstützt diese Massnahme: «Es gibt Senioren, die keine medizinischen Kontrolluntersuchungen machen wollen oder sie hinauszögern», sagt Asa-Geschäftsführer Sven Britschgi: «Mit befristeten Fahrausweisen ist das nicht mehr möglich. Sonst ist das Billett weg.»

Die Grossoffensive des Astra setzt auch beim Ärzte-Check an: Künftig soll «ein landesweit gleicher Qualitätsstandard» gelten, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Auch Autoversicherer schalten einen Gang höher. Die Basler Versicherung will einen Seniorenzuschlag prüfen: «Die altersabgestufte Versicherungsprämie könnte bei der Basler Versicherung in Zukunft ein Thema werden», sagt Firmensprecher Amos Winteler. Eine weitere Forderung des Autoversicherers: obligatorische Kontrollfahrten für alle Senioren ab 70.

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