So stellt sich Mark Zuckerberg die Zukunft von Facebook vor: Jedes geknipste Foto, jedes gelesene Buch, jedes Fitnesstraining, jeder Restaurantbesuch – einfach jeder Lebensaspekt wird im sozialen Netzwerk verewigt. Die Menschen stellen ihr komplettes Leben online und lassen ihre Freunde daran teilhaben. Doch nicht nur das: Sie werden in Facebook auch Zeitung lesen, gemeinsam Musik hören, TV-Serien schauen und einkaufen. Das Social Network wird zu einer umfassenden Medien- und Konsumplattform. Der Rest des Internets wird damit quasi überflüssig, weil es gar keinen Grund mehr gibt, Facebook überhaupt noch zu verlassen.

Das ist mehr als bloss Wunschdenken des jungen Multimilliardärs. Diese Woche präsentiert Zuckerberg an der hauseigenen Entwicklerkonferenz in San Francisco die neue Strategie des Unternehmens. «In den letzten fünf Jahren ging es darum, Menschen zu verknüpfen», erklärte der Facebook-Gründer. «Nun geht es vor allem darum, das Nutzererlebnis zu verbessern.»

Das soll durch zwei zentrale Neuerungen geschehen: Einerseits wird die Pinnwand der Nutzer zu einer so genannten Timeline erweitert, in der man Informationen und Fotos ähnlich vielschichtig präsentieren kann wie in einem Blog. Anderseits ist Facebook Partnerschaften mit mehreren Dutzend Unternehmen aus der Musik-, Film- und Medienbranche eingegangen, um aus dem Social Network eine Unterhaltungs- und Informationsplattform zu machen. Mit dabei sind unter anderem der Musik-Dienst Spotify, der Video-Service Hulu sowie die renommierten Zeitungen «The Guardian» und «The Wall Street Journal».

Wer etwa mit der neuen Facebook-Applikation von Spotify einen Song hört, teilt das automatisch seinen Freunden mit, die dann auf den entsprechenden Titel klicken können, um synchron das gleiche Lied mitzuhören. Ebenso kann man zusammen TV-Serien (via App von Hulu) und Filme (via App von Netflix) schauen. Vorerst ist das in der Schweiz allerdings noch nicht möglich, denn die erwähnten Dienste stehen hierzulande nicht zur Verfügung, und ähnliche Services wie etwa Simfy oder Zattoo sind noch nicht über Facebook zugänglich.

Bereits jetzt lassen sich jedoch die englischsprachigen Zeitungen direkt im Social Network lesen. Während auf der Website des «Wall Street Journal» die meisten Artikel nur für bezahlende Kunden abrufbar sind, steht auf Facebook die ganze Ausgabe gratis zur Verfügung – bis jetzt. Denn später will die Zeitung auch auf Facebook Bezahlinhalte anbieten.

Die zweite grosse Neuerung, die Erweiterung der Pinnwand zur Timeline, will Facebook in den nächsten Wochen allen Nutzern zugänglich machen. Der unübersichtliche Informationsstrom auf der Profilseite wird dank einem neuen zweispaltigen Layout und Algorithmen gebändigt. Noch immer sind die Einträge chronologisch geordnet. Scrollt man aber auf der Timeline nach unten, werden zunehmend nur noch die «wichtigen» Ereignisse direkt angezeigt. Weniger bedeutende sind eingeklappt und lassen sich mit einem Mausklick einsehen. Die Gewichtung geschieht automatisch, kann aber auch manuell verfeinert werden.

In San Francisco präsentierte Zuckerberg die Möglichkeiten der Timeline gleich an seinem eigenen Profil und scrollte mit einer einzigen Mausbewegung zurück bis zu einem Babyfoto von sich selbst aus dem Jahre 1984. Das war eindrücklich und die Technologie-Journalisten aus dem Silicon Valley applaudierten spontan.

Weniger begeistert werden die Datenschützer sein. Denn die Intention hinter den Neuerungen ist klar: Die Leute sollen auf Facebook noch mehr Informationen über sich selber preisgeben. Entweder stellen sie diese gleich selber auf die neue schicke Profilseite oder sie nutzen Applikationen wie die erwähnten Medien-Apps, die das automatisch tun. So wird Facebook zum perfekten Werbeumfeld. Denn wer alles über seine Konsumenten weiss, kann diese mit massgeschneiderten Angeboten versorgen.

Vermehrt soll aber auch direkt auf Facebook Geld ausgeben werden. Bereits jetzt lassen sich in so genannten Social Games virtuelle Güter kaufen. Dabei verdient Facebook an jeder Transaktion 30 Prozent. Auf die gleiche Weise sollen künftig auch Zeitungen und Filmdienste Inhalte anbieten. Selbst für Online-Händler könnte die grösste Internet-Community von mittlerweile über 750 Millionen Mitgliedern ein attraktives Umfeld sein – erst recht, wenn die User sich daran gewöhnt haben, dass sie alles im sozialen Netzwerk bekommen und nicht mehr im offenen Web danach suchen müssen.

Ähnlich wie Apple mit iTunes könnte so auch Facebook zu einem umfassenden digitalen Vertriebskanal werden. Nun wird auch ersichtlich, weshalb Google mit aller Kraft versucht, das kürzlich lancierte eigene soziale Netzwerk Google+ konkurrenzfähig zu machen.

2004 hat der Harvard-Student Mark Zuckerberg Facebook gegründet, letztes Jahr zierte er als «Person of the Year» das Cover des «Time Magazine». Doch vielen dürfte das wahre Potenzial des sozialen Netzwerks erst jetzt bewusst geworden sein. Facebook hat nicht nur die Art und Weise verändert, wie wir kommunizieren, sondern könnte auch bald die Art und Weise verändern, wie wir konsumieren. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob die Nutzer sich mit den Neuerungen anfreunden – oder ob die Angst vor der Preisgabe persönlicher Daten doch überwiegt.

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