Herr Hermetschwyler …
Patrick Hermetschwyler: Man nennt mich Hemi.

Also, Hemi, sind Sie im April 2004, bei der Hells-Angels-Grossrazzia in Zürich, eigentlich auch verhaftet worden?
Nein. Ich war damals Mitglied des Hells Angels Charter Genf.

Wie stark hat die langjährige Justizermittlung die Hells Angels getroffen?
Getroffen hat es vor allem die Steuerzahler. Der Mega-Leerlauf hat zig Millionen verschlungen. Ich erwarte eigentlich, dass die Politik diesen Skandal aufarbeitet. Der gegen uns erhobene Vorwurf der organisierten Kriminalität war von Anfang an konstruiert und völlig aus der Luft gegriffen. Aber es hat sechs Jahre gedauert, bis sie den Vorwurf fallen liessen.

Eine politische Untersuchung zugunsten der Hells Angels. Daran glauben Sie doch selbst nicht?
Die Schweiz rühmt sich ja immer, ein Rechtsstaat zu sein. Deshalb müssten sie diese Untersuchung in die Wege leiten. Aber als Hells Angel hast du keine Lobby, die das puschen würde.

Gab es Momente, wo die Existenz der Hells wegen der Ermittlungen auf der Kippe stand?
Als Gruppe nie. Aber einige meiner Brüder mussten schwer unten durch. Sie haben ihre Jobs verloren und ganze Familien haben gelitten – vor allem finanziell. Überlebt haben wir durch unseren starken Zusammenhalt. Trotzdem gab es ein, zwei Fälle, die aus dem Klub austraten, um ihre Existenz zu retten.

Die Hells Angels als Opfer. Das passt nicht so recht ins Bild einer Rockergruppe, die sich Höllenengel nennt.
Wir lieben die Freiheit und kosten diese manchmal bis an die Grenzen aus. Schliesslich sind wir kein Kaffeekränzchen, sondern ein Motorrad-Klub, der 1948 von Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Richtig ist auch, dass wir keine Softies sind und die Gesetze nicht so eng sehen. Aber das gibt der Justiz nicht das Recht, uns als Freiwild zu betrachten.

Von der Polizei kann man auch nicht erwarten, dass man euch mit Samthandschuhen anfasst.
Das ist so. Die Polizei und der Staat werden uns nie in Ruhe lassen. Das liegt in der Natur der Sache. Etwas anderes zu glauben wäre ein Trugschluss.

Man wirft euch vor, dass ihr gegen aussen das Bild eines friedlichen Motorrad-Klubs mimt. In Wahrheit schrecke die Gruppe nicht vor Gewalt und Kriminalität zurück. Was sagen Sie dazu?
Wir hatten 20 Jahre Ruhe vor der Polizei. Es gab einzelne Fälle von Mitgliedern, gegen die was am Laufen war. Aber als Gruppe wurden wir nie verurteilt. Auch diesmal nicht, trotz installierter Wanzen in Wohnungen und über 8000 Stunden Telefonabhörungen.

Wie ist es möglich, dass ihr nichts davon gemerkt habt und euch so leicht übertölpeln liessen?
Das beweist ja gerade, dass wir keine organisierte Kriminelle sind, wie man uns vorwarf. Hätten wir mafiose Strukturen, dann wäre der Lauschangriff so nicht möglich gewesen.

Vor zwei Jahren kam es bei der Gründung der «Outlaws» im Aargau zu einer wilden Prügelei, bei der auch Schüsse fielen. So harmlos geht es doch nicht zu und her?
Dazu kann ich nichts sagen. Da läuft noch ein Verfahren.

Es soll darum gegangen sein, dass die Hells Angels keine andere Rockergruppe dulden.
Wir leben hier mit den existierenden Motorradklubs in einem guten Einvernehmen. Deswegen herrscht bei uns, anders als in Deutschland, Ruhe. Das soll auch weiter so bleiben.

Aber nur, wenn die anderen Klubs anerkennen, dass die Hells Angels die oberste Instanz sind. Das haben die Outlaws zu spüren bekommen.
Wie gesagt, no comment.

Ein weiterer Vorwurf ist, dass ihr politisch weit rechts steht.
Das stimmt nicht. Bei uns hat es Leute, die denken eher links, andere eher rechts. Aber Politik und Religion sind bei uns eigentlich kein Thema.

Wirklich nicht? Und wenn ein Islamist auf die Idee kommt, er möchte ein Hells Angel werden?
Wir sind ein weltweiter Motorrad-Klub, in dem verschiedenste Hautfarben und Religionen vertreten sind. Was zählt, ist, ob einer Verstand, Herz und Eier hat und ob er was einstecken kann. Stimmt die Chemie und passt er zu uns, das sind für uns die wichtigen Kriterien.

Wie sieht es mit Frauen aus?
Frauen sind bei uns immer sehr gerne gesehen (lacht). Aber Mitglieder können sie nicht werden.

Warum nicht?
Das war schon immer so. Ich liebe meine Brüder, weil sie Ecken und Kanten haben und Querköpfe sind. Zusammen Entscheidungen zu treffen, ist da nicht immer einfach. Wenn da noch Frauen dazukommen, wird das eine Mission impossible.

Was sagt Ihre Lebenspartnerin und Mutter Ihrer zwei Kinder dazu?
Sie hat gewusst, auf was sie sich einlässt.

Hat sich das Leben verändert, seit Sie Vater sind?
Definitiv. Meine Tochter ist viereinhalb, der Sohn zweieinhalb Jahre alt. Das heisst, ich bin nicht mehr nur für mich verantwortlich, sondern muss schauen, dass was auf den Teller kommt.

Mit was verdienen Sie Ihr Geld?
Ich bin selbstständig im Versand von Motorrad-Zubehör tätig. Viele meiner Brüder sind selbstständig, weil wir uns schwer tun, nach der Pfeife eines Chefs zu tanzen. Zudem erlaubt mir die Arbeit, flexibel zu sein, und so habe ich auch Zeit für die Familie.
Was unternimmt ein Hells Angel in der Freizeit mit seinen Kindern?
Er geht in den Tierpark. Oder kürzlich machten wir als Familie zwei Wochen Ferien am Meer in Italien.

Tönt nach einem Bünzlileben
Das dann doch nicht. Das Familienleben ist immer auch vom Klub mitbestimmt. Ich bin jetzt seit vier Jahren Präsident der Hells Angels Zürich. Da ich im Kanton Luzern wohne, fahre ich mehrmals in der Woche in unser Klublokal nach Zürich. Dazu hat man als Präsident auch sonst noch Verpflichtungen, die einige Zeit in Anspruch nehmen. Das muss die Familie akzeptieren.

Haben Sie keine Angst, dass Ihre Kinder mit einem Hells Angel als Vater diskriminiert werden?
Nach der Razzia im 2004 wurden Kinder meiner Brüder schon gehänselt oder geschnitten. Aber jetzt ist wieder Ruhe. Darum glaube ich nicht, dass meine Kinder da Probleme bekommen.

Was, wenn die Tochter einmal sagt: Papi, mir wäre es lieber, wenn du nicht an den Elternabend kommst?
Dann würde ich das akzeptieren.

Sie haben als Schweizergardist gedient. Vom Schutzengel des Papstes zum Präsidenten der Höllenengel. Daraus könnte man einen Film drehen.
Und darin zeigen, wie ich im Vatikan die Motorrad-Prüfung mache – was tatsächlich der Fall war. Aber ehrlich: Das ist über zwanzig Jahre her. Eine tolle Erfahrung und gute Erinnerung. Aber religiös war ich schon damals nicht sehr und zu beichten gibt es bei mir auch nichts.

Auf Ihrem Körper tragen Sie eine Wilhelm-Tell-Tätowierung. Eine erfundene Sagenfigur, die vor allem durch den deutschen Schriftsteller Friedrich Schiller bekannt wurde.
Sind Sie verrückt, so was in der Innerschweiz zu sagen (Anmerkung der Redaktion: Das Interview fand in Luzern statt.) Der Tell war sozusagen der Ur-Rocker der Schweiz. Der hat existiert mit all seinen Kanten und Ecken. Und wie er, sind auch wir stolz auf unser Land und unsere Geschichte. So gesehen sind wir die Tells von heute, die bis zur letzten Konsequenz für unsere Freiheit einstehen. Deshalb haben wir mit der aktuellen Politik, dem Ausverkauf unserer Heimat, auch unsere Mühe.

Besteht mit dieser Einstellung nicht die Gefahr, dass die Hells Angels aussterben? Oder findet man mit dieser Art Patriotismus noch Neumitglieder?
Auch wir gehen mit der Zeit, nutzen das Internet und befürchten auch sonst nicht auszusterben. Auch Jugendliche lieben die Freiheit. Sie spüren, dass man ihnen immer mehr davon wegnimmt. Und Regeln wie «ein Wort ist ein Wort», «ein Handschlag gilt» und wenig Bock auf Vorschriften sind für Jugendliche immer noch attraktiv. Das alles finden sie bei uns.

Muss man immer noch eine Mutprobe bestehen, um aufgenommen zu werden?
Sie meinen jemanden umbringen, wie auch schon behauptet wurde? Spass beiseite. Das war nie der Fall. Wenn ein Bruder jemand mitbringt, der interessiert ist, Mitglied zu werden, muss dieser zuerst eine gewisse Zeit als Hangaround bestehen. Wenn er sich da bewährt, dann wird er Prospect. Das alles kann bis zu fünf Jahre dauern. In dieser Zeit lernt man jemanden kennen und kann einschätzen, ob er aus dem richtigen Holz geschnitzt ist, um ein Hells Angel zu werden. So läuft das.

Die Hells Angels sind auch auf dem Internet präsent. Loggen sich viele Personen auf der Website ein?
Vor allem unsere Feinde von der Staatsmacht und Justiz informieren sich dort über unsere Aktivitäten (lacht). Das Internet ist für uns wichtig. Wir können unsere Standpunkte darlegen, aber vor allem sind wir so immer informiert, was unsere Brüder weltweit machen und wo ein Event angesagt ist.

Es heisst, die Hells Angels spionieren auf dem Internet andere Motorrad-Klubs aus.
Das machen doch alle. Man muss die Mittel nutzen, die man hat. Wir wären ja blöde, wenn wir uns nicht im Netz ein wenig umsehen, was andere so machen.

Sind Sie auch auf Facebook und Twitter dabei?
Nein. Jeden Blödsinn muss man nicht mitmachen. Wen man zu viel auf dem weltweiten Netz herumsurft, verbringt man dort viel zu viel Zeit.

Faktor Macht. Wie ist das, wenn man mit 100 Mann oder mehr auf den Harleys unterwegs ist und den Respekt der Leute spürt?
Das ist ein sensationelles Gefühl und erzeugt seine eigenen Vibrationen. Das kann man nicht beschreiben, man muss es erleben.

Stichwort Highway 66. Waren Sie auch schon auf der berühmtesten Strasse der USA unterwegs?
Natürlich. Ich war mehrmals mit meinen Brüdern auf den Highways unterwegs. Aber damit ist es vorbei.

Wieso das?
Die USA haben uns Hells Angels mit einem Einreiseverbot belegt. Sie betrachten uns als kriminelle Organisation. Die kratzt das nicht, dass genau dies das Bundesstrafgericht in Bellinzona verneint hat. Auch nach Kanada, Australien und Neuseeland können wir aus dem gleichen Grund nicht mehr hinreisen.

Stört Sie das?
Ja schon. Ich habe Ralph «Sonny» Barger, den bekanntesten noch lebenden Hells Angel, auf einer seiner Europareisen als Prospect begleitet. Das war eine ganz spezielle Erfahrung. Wenn er stirbt, können ich und all meine Brüder nicht in die USA reisen und ihm den letzten Respekt zu erweisen. Das passt mir gar nicht.

Ein paar kurze Fragen zum Schluss. Haben Sie Angst vor dem Alter?
Wir leben am Limit. Da besteht die Gefahr, dass man nicht zu alt wird.

Wie denken Sie als Ex-Schweizergardist heute über den Papst?
Der Mann hat den härtesten Knochenjob der Welt. In der Position als Papst muss man härter sein als ein Präsident der Hells Angels.

Wie denken Sie über den Tod?
Mein täglicher Begleiter. Und bei meinem Motorrad-Unfall in England habe ich ihm in die Augen geschaut. Das Genick zweimal gebrochen, den Unterarm wollte man mir amputieren. Dazu kamen ein Schlüsselbein- und ein paar andere Brüche. Seither weiss ich: Ich sterbe als Hells Angel.

Ihr Lebensmotto?
Die Freiheit geniessen, solange man kann.

Patrick Hermetschwyler, genannt «Hemi», ist seit 2008 Präsident der Hells Angels Zürich. Im Militär bekleidete er den Rang eines Offiziers. Der heute 42-jährige Hemi lebt in der Nähe von Luzern mit Lebenspartnerin und den gemeinsamen Kindern. Dort betreibt er einen Handel, der Geschäfte mit Harley-Davidson Accessoires beliefert.

Die Hells Angels wurden 1948 in Kalifornien gegründet. Heute sind sie in 32 Ländern mit sogenannten Chartern (Orts- oder Landklubs) vertreten. Der Zürcher Ableger, dem Hemi vorsteht, wurde 1970 als erster Charter auf dem europäischen Festland gegründet und hat heute rund zwei Dutzend Mitglieder. In der Schweiz gibt es, neben Zürich, weitere sechs Charter. Die Gesamtzahl ihrer Mitglieder wird auf rund 100 geschätzt. Die Hells Angels werden seit ihrer Gründungszeit durch Behörden und Medien immer wieder mit Straftaten in Verbindung gebracht – vor allem im Drogen- und Milieubereich. Sie selber distanzieren sich nach eigenen Angaben von Straftaten und sehen sich als Motorrad-Klub und als Symbol für Freiheit und Rebellion.


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