VON NADJA PASTEGA

230010 Personen bezogen in der Schweiz 2009 Sozialhilfe. Davon waren 45,5 Prozent Immigranten. Das heisst: Fast die Hälfte der Sozialhilfebezüger in der Schweiz sind Ausländer. Doch nicht alle Zuwanderergruppen leben in gleichem Mass von der Sozialhilfe. Es gibt Nationalitäten, die deutlich obenaus schwingen. Das zeigt eine neue Erhebung des Bundesamts für Statistik (BfS).

Die brisanten Daten:
Am häufigsten bezogen Serben, Kosovaren und Montenegriner Staatsgelder: 15287 Sozialhilfebezüger stammten 2009 aus diesen Ländern. 15 Prozent aller Sozialhilfebezüger gehören zu dieser Nationalitätengruppe – also jeder Siebte.

Auf Rang zwei folgen die Türken mit 11160 Sozialhilfebezügern. Das sind dreimal mehr als Deutsche, obwohl deutlich mehr Zuwanderer aus dem grossen Kanton in der Schweiz leben.
Die Italiener liegen auf Platz 3 mit 8671 Sozialhilfebezügern. Knapp gefolgt von den Portugiesen.

Erschreckend: Es gibt in der Schweiz sogar Nationalitäten, die eine Sozialhilfequote von über 50 Prozent vorweisen. Das heisst: Mehr als die Hälfte der ständigen Wohnbevölkerung aus diesen Staaten bezieht Sozialhilfe. Zu diesen Ländern gehören Somalia, Jemen und Guinea-Bissau. Hinzu kommen über 50 weitere Staaten, die eine Sozialhilfequote zwischen 10 und 50 Prozent aufweisen, bei den Schweizern beträgt sie 2 Prozent. Europäische Länder fehlen auf dieser Liste weitgehend – mit Ausnahme von Albanien und der Türkei.

Der hohe Anteil von ausländischen Sozialhilfebezügern hänge mit der beruflichen Qualifikation zusammen, sagt Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos): «Immigranten, die Sozialhilfe beziehen, arbeiten im Niedriglohnsektor. Sie haben kaum eine Möglichkeit, sich beruflich zu verbessern.» Eine Rolle spiele auch die Familiengrösse: «Immigranten haben meist mehr Kinder als Schweizer. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, von der Sozialhilfe abhängig zu sein.»

Die hohen Sozialhilfequoten seien «Altlasten einer jahrzehntelangen Einwanderung von niedrig Qualifizierten», sagt George Sheldon, Ökonomieprofessor an der Universität Basel. Sie seien heute auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt. Gut ausgebildete Ausländer würden im globalen Jobmarkt wieder weiterwandern, so Sheldon. Dagegen wiesen Immigranten mit tieferem Bildungsstand «eine grössere Sesshaftigkeit» auf. Das heisst: Sie bleiben in der Schweiz.

Die hohe Sozialhilfequotebei Nicht-EU-Ländern zeige, «dass wir hier ein Integrationsproblem haben», sagt FDP-Integrationsspezialist Philipp Müller. Das Problem sei vor allem der Familien-Nachzug. «Jeder Ausländer mit einer Niederlassungsbewilligung darf seine Familienangehörigen in die Schweiz holen, egal ob sie Deutsch können und integrationsfähig sind.» Bei den jährlich bis zu 45000 Zuwanderern aus Drittstaaten handle es sich bei mehr als der Hälfte um Familien-Nachzug. «Das ist doppelt so viel, als EU-Bürger nachziehen», rechnet Müller vor.

Das erkläre die hohen Sozialhilfe-Quoten bei den Ausländern aus dem Nicht-EU-Raum. Müller will die Zuwanderung aus diesen Ländern massiv herunterfahren: «Wenn uns das nicht gelingt, haben wir ein Akzeptanzproblem mit der gesamten Ausländerpolitik und der Personenfreizügigkeit.»

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