Herr Geissberger, was macht Ihnen im Moment mehr Freude: Ihr Unternehmen Knecht Reisen oder der FC Aarau, wo Sie Vizepräsident sind?
Roger Geissberger: Beides! Beim Unternehmen war das schon immer so, beim FC Aarau nicht unbedingt (lacht). Doch heute haben wir eine harmonische, gute Führung im Verwaltungsrat, mit FCA-Präsident Alfred Schmid bin ich auch privat befreundet. Es stimmt momentan alles, ausser die Baubewilligung zum neuen Stadion.

Der FCA will wieder in die oberste Liga – und wohin will Knecht Reisen?
Da sind wir schon seit Jahren in der obersten Liga als der viertgrösste Reiseveranstalter der Schweiz und unser Ziel ist, der qualitativ beste Fernreisespezialist zu bleiben – auch mit möglichen Zukäufen weiterer Spezialisten. Rund 70 Millionen Franken Umsatz erwirtschaften wir im Massengeschäft mit unseren 27 Reisebüros, 85 Millionen Franken aus der Eigenproduktion von Fernreisen und unseren Spezialistenmarken wie Baumeler, RHZ, Kira oder Agrar Reisen.

Wie haben Sie 2012 abgeschlossen?
Im Detail liegen die Zahlen noch nicht vor. Ich gehe aber davon aus, dass das Jahresergebnis 2012 zu den drei besten unserer Geschichte gehören wird. Wir haben 2,5 Prozent mehr Umsatz gemacht, und das bei acht Prozent tieferen Preisen, was im Quervergleich mit anderen Anbietern ein sehr guter Wert ist.

Wurden Stellen abgebaut oder neu geschaffen?
2012 kamen acht Mitarbeiter hinzu, nun sind wir 221 Personen, das entspricht insgesamt 178 Vollzeitstellen. 128 der 178 Stellen sind im Kanton Aargau, ohne Eurobus gerechnet.

Wie sind die ersten Erfahrungen mit dem neuen Online-Auftritt?
Unser Hauptanliegen ist, das Wissen unserer Mitarbeiter besser zugänglich zu machen. Wer etwa auf «Costa Rica» klickt, erhält direkten Zugang zum verfügbaren Spezialisten, egal, in welcher Filiale dieser arbeitet. Die Online-Buchbarkeit ist im Massenmarkt wichtig, die bieten wir auch an. Doch bei den Fernreisen präsentieren wir vor allem unser Know-how. Unsere Mitarbeiter sind für Fernreisen sehr gut geschult und haben den Wandel vom Reiseverkäufer zum Consultingspezialisten geschafft.

Welche Reisetrends zeichnen sich ab?
Südafrika hatte nach der Fussball-WM einen Einbruch von 20 Prozent, jetzt liegen wir wieder klar im Plus mit 39 Prozent. Auch die USA und Kanada sind gut nachgefragt, Australien liegt auf dem Vorjahr, Mittelamerika liegt zurück.

Und die Preise, sinken die weiter?
2011 waren die Preise der Schweizer Reisebranche zu hoch, weil in den Jahreskatalogen noch mit einem Euro-Kurs von 1.35 gerechnet wurde, dieser aber auf 1.20 runterfiel. Für 2012 konnte man dann zu tieferen Euro-Kursen einkaufen. Deswegen sind die Preise um acht Prozent gefallen. Es lohnt sich inzwischen nicht mehr, in Deutschland zu buchen. Leider haben das noch nicht alle Konsumenten gemerkt.

Spürt man im Unternehmen, dass der Firmen-Doyen Walter Knecht nicht mehr lebt?
Ja, er war für uns wie ein Enzo Ferrari, ein grosser Humanist, eine wichtige Persönlichkeit, für mich wie eine Vaterfigur. Eine hervorragende Zusammenarbeit habe ich auch mit seinem Sohn Thomas Knecht, der nun Verwaltungsratspräsident der Holding ist.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen – mit wöchentlichen Zusammenkünften?
Nein, nein, wir arbeiten sehr autonom. An monatlichen Sitzungen besprechen wir Themen, die Holding-übergreifend sind, etwa IT, Devisen oder Buchhaltungsstandards. Wir verfügen über schnelle Entscheidungswege.

Sie sind seit über drei Jahrzehnten bei Knecht Reisen. Hatten Sie nie Lust auf einen Wechsel?
Das Virus ist noch immer zu 100 Prozent da, in diesem Unternehmen hat es grossartige Menschen und ich kann viele Freiheiten als Unternehmer ausleben. Zudem habe ich 1996 die Chance erhalten, mich mit einem namhaften Aktienpaket im zweistelligen Prozentbereich an den verschiedenen Firmen zu beteiligen. Auch die Geschäftsleitung ist an den Firmen mitbeteiligt. Die Mehrheit hat aber die Knecht Holding.

Sie sind CEO von Knecht Reisen und auch CEO der Unternehmensgruppe, und zudem in den Verwaltungsräten der Firmen. Das klingt nach Arbeit rund um die Uhr.
Das wird sich ändern. Als CEO von Knecht Reisen trete ich Ende Jahr zurück. Vor vier Jahren kam ich zum Schluss, dass mit 50 die operativen Manager in den strategischen Bereich und ins Consulting wechseln sollten. Nun bin ich 51 Jahre alt und habe noch immer eine Dreifachbelastung: VR-Delegierter, CEO der Reisegruppe mit zwölf Marken und CEO von Knecht Reisen.

Wie viele Arbeitsstunden sind das?
Rund 70 Stunden pro Woche. Hinzu kommen acht Stunden für den FC Aarau und fünf Stunden für meine eigene RBG Holding AG. Mein Ziel ist, Anfang 2014 etwas zu reduzieren. CEO der Reisegruppe bleibe ich, wie auch Delegierter des Verwaltungsrats in den verschiedenen Firmen. Der Zeitpunkt passt, weil Knecht Reisen und das gesamte Touroperating aufs neue Jahr hin den neuen, eigenen Hauptsitz in Windisch bezieht.

Wer wird Ihr Nachfolger?
Nach einem eineinhalbjährigen Assessment interner und externer Kandidaten werden wir die Nachfolge Ende Februar für 2014 bekannt geben.

Wie man hört, wälzen Sie ein privates Hotelprojekt?
Ich habe seit zehn Jahren mit meiner Frau zusammen eine Holding, die touristische Beteiligungen und Immobilien hält. Im Winter bin ich am liebsten in Bellwald, dort hatten wir die Chance, ein Hotel zu kaufen – mit einem Restaurant, das 14 «Gault Millau»-Punkte hat. Neben diesem Hotel werden wir nächstes Jahr ein 4-Stern-Hotel bauen. Das Hotel haben wir aber verpachtet, ich werde also nicht Hotelier. Ich werde mich weiterhin voll und ganz der Knecht-Reisegruppe widmen, auch in Zukunft.

Eine Job-Alternative wäre, Präsident des FC Aarau zu werden!
Das Präsidium wurde mir nach Ernst Lämmli und nach Michael Hunziker angeboten, aber ich sagte aus zeitlichen Gründen ab. Alfred Schmid macht es sehr gut. Seit der Umstrukturierung des Sportausschusses vor drei Jahren ist unsere Zusammenarbeit im Verwaltungsrat perfekt. Darum ist das Thema Präsident für mich zurzeit vom Tisch. Zumal es mich nachdenklich stimmt, dass im Schweizer Fussball ein Klub aus eigener Kraft praktisch unmöglich eine ausgeglichene Rechnung erreichen kann. Es braucht immer Mäzene, die das Defizit decken.

Sie haben dem Klub 2011 aus dem eigenen Sack 250 000 Franken bezahlt. Auf Dauer wollen Sie aber kein Geldgeber sein?
Wir mussten vor zwei Jahren innerhalb weniger Tage 1,5 Millionen Franken aufbringen, weil der Verein 1902 – nicht die heutige FC Aarau AG – weit vor unserer Zeit vor Bundesgericht 2011 den MTO- Prozess von 2001 verloren hat. Hauptsächlich der Club 100, aber auch Alfred Schmid und ich haben das garantiert, sonst hätten wir keine Lizenz mehr erhalten. Mit unserem Unternehmen sind wir Premium-Sponsor. Mein Beitrag ist auch, dass ich dem Verein gratis Arbeitszeit zur Verfügung stelle, wie auch der Präsident.

Wie kann der FC Aarau in den nächsten fünf bis zehn Jahren sein finanzielles Überleben sicherstellen?
Entscheidend ist das neue Stadion. Als Alfred Schmid und ich 2007 antraten, versprach man uns, dass wir 2011 ein neues Stadion haben würden. Darauf war unser Business Case ausgerichtet. Dem FCA fehlen 300 000 bis 400 000 Franken pro Jahr, und solange wir das neue Stadion nicht haben, bleibt die finanzielle Belastung angespannt.

Was, wenn das Stadion auch in den nächsten Jahren nicht kommt?
Die FCA-Führung will in diesem Jahr eine Bewilligung für das neue Stadion sehen. Ansonsten ist unser Business Case infrage gestellt – und damit auch die Führung als solche. Wird die Bewilligung erteilt, bleiben Alfred Schmid und ich sicher, bis das Stadion realisiert ist.

Ist das eine Rücktrittsdrohung?
Ich drohe nicht. Ich stelle nur fest: Man hat uns 2011 versprochen, dann 2013 und 2014. Nun wird es im besten Fall 2015 oder 2016. Letzte Woche waren wir beim Stadtrat. Nun gibt es wieder vier Einsprachen, zwei davon sind substanziell. Kommt die Bewilligung in diesem Jahr nicht, werden Alfred Schmid und ich unsere Positionen überdenken.

Substanziell ist die Einsprache des VCS?
Vom VCS bin ich am meisten enttäuscht. Die Stadt hatte bei jedem der Bewilligungsverfahren Einsprachen vom VCS. Und jetzt, beim dritten Baugesuch, kommt plötzlich wieder eine Einsprache mit einer haarsträubenden Begründung. Das ist echt mühsam. Gegen diese Verhinderer muss man nun mit aller Härte vorgehen. Hier sind der Bauherr – die Stadt Aarau mit ihren Juristen – und der Generalunternehmer HRS jetzt echt gefordert.

Würde denn wirklich gebaut werden, wenn die Bewilligung da wäre?
Ja, sofort. Die Finanzierung ist sichergestellt, und es gäbe dann auch keinerlei juristische oder politische Hürden mehr. Es hapert im Moment einzig und allein noch bei diesen 2 Einsprachen, ursprünglich waren es einmal 24. Die müssen wir bewältigen. Es geht um die Zukunft des FC Aarau!

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