Herr Uster, wie zulässig ist ein Vergleich von den Ereignissen in Oslo mit dem Amoklauf in Zug?
Hanspeter Uster: Jedes dieser Ereignisse ist singulär. Auch für die betroffenen Personen. In Norwegen betrifft es ein ganzes Land. Es war auch nach dem Zuger Attentat ein Schock für die ganze Schweiz. Für mich war es weder in Oslo noch in Zug ein Amoklauf. Diese Ereignisse geschahen nicht im Affekt. Das Attentat in Oslo war genauso minuziös geplant wie jenes von Zug. Oder in Oklahoma und anderswo. Es bleibt beim Versuch, das Nichtfassbare mit einem Vergleich zu fassen. Das ist aber eine normale Reaktion und der Versuch, im Schock doch noch Worte für ein Ereignis zu finden und es einzuordnen.

Sie haben die Anteilnahme in Zug erlebt. Können Sie nachvollziehen, was diese Tragödie für Norwegen heisst?
Ich kann nur ahnen, was es für diese Menschen bedeutet. Es ist so unfassbar, dass man völlig davon gefangen ist. Aus der eigenen Erfahrung weiss ich aber, wie es uns geholfen hat, von einer grossen Anteilnahme getragen zu werden. Man merkt: Ich bin nicht allein. Das ist ganz wichtig.

Wie genau hat Ihnen die Anteilnahme geholfen?
Diese Anteilnahme war echt und tief. Sie war überall zu hören, zu lesen und zu spüren. Das kann für die Betroffenen eine Kraft entfalten. Es hat eine kollektive Dimension bekommen. Man ist wie von einer Wolke umfangen, aber im positiven Sinn.

Die Erinnerungen daran werden bei Ihnen immer da sein.
Es gibt die verschiedensten Phasen –von den posttraumatischen Belastungsstörungen bis hin zur eigentlichen Verarbeitung. Da braucht es immer wieder neue Kraftquellen. Daran muss man selber arbeiten. Wichtig ist, dass das Umfeld stimmt und auch das Verständnis dafür da ist. Da war ich selber gefordert und auf professionelle Hilfe angewiesen.

Für Norwegen ist es ein Trauma. Wie wichtig ist psychologische Hilfe?
Das ist jetzt eine riesige Aufgabe. Im Moment sind ja nur die Todesopfer bekannt. Aber es gibt ganz viele Verletzte. Und es geht um Hunderttausende Menschen, die jemanden kennen, der betroffen ist. Sei es in der Verwandtschaft, unter den Arbeitskollegen oder in einem betroffenen Dorf. In Zug war es so, dass von den damals 110000 Einwohnern im Kanton jede Person über zwei, drei Kontakte jemanden gekannt hat, der direkt vom Attentat betroffen war. Das prägt eine Stadt, ein Land.

Ist es für Sie ein politisches Attentat?
Das Attentat ist ein gezielter Anschlag auf die Institutionen. Das Regierungsviertel ist ein Ausdruck des Staates – notabene eines demokratisch legimitierten Staates und nicht von irgendeiner Diktatur. Und das sozialdemokratische Sommerlager war ein Ausdruck von aktiven und zukünftigen Menschen in der Politik. Das hat man jetzt umgebracht, einfach ausgelöscht. Das hat im symbolischen Sinn eine ungeheure Sprengkraft. Das ist absolut erschreckend. Es geht ins Herz unseres Zusammenlebens.

Was für ein Bild haben Sie vom Täter?
Es wäre unseriös, eine Ferndiagnose zu machen. Aber dieser Mann hatte wohl Ressentiments gegen bestimmte Leute – sei es gegen die staatlichen Institutionen, gegen Linke oder Muslime. Diese Ressentiments können den Hass verstärken.

Wo sehen Sie Verantwortung der Politik für den Nährboden solcher Ressentiments?
Ich habe Norwegen bisher immer als sehr liberal eingeschätzt. Aber auch dort konnte offenbar dieser Nährboden entstehen. Es bedeutet aber nicht, dass das gesellschaftliche Klima schuld an einem Attentat ist. Es ist immer der Einzelne, der es macht.

Aber der Tonfall in der Politik wird auch in der Schweiz immer schärfer.
Politik ist immer eine Auseinandersetzung und ein oft hartes Ringen zwischen unterschiedlichen Positionen. Sonst ist es keine Politik. Die Auseinandersetzung alleine ist nicht das Problem. Wenn es aber Ressentiments gegen bestimmte Ethnien oder Glaubensrichtungen gibt, kann das zu Hass führen. Es geht dann nicht mehr um Argumente und Fakten.

Sie waren Sicherheitsdirektor und mussten sich die Frage stellen, wie solche Attentäter frühzeitig erkannt werden können. Haben Sie eine Antwort?
In Oslo sagten die Sicherheitsbehörden: «Wir hatten ihn nicht auf dem Radar.» Auf einem Radar hat man – je nach Einstellung – entweder mehr oder weniger. Denn diese Frage kommt immer: Hätte man es verhindern können? Die Schwierigkeit ist aber, wie fein ebendieser Radar ist. Aber dann muss man sich der Konsequenzen bewusst sein.

Das heisst?
Sie können nicht alles, was irgendwann passieren kann, präventiv verhindern. Dazu stellen sich Fragen der Rechtsstaatlichkeit, ob es zum Beispiel ohne Anzeichen auf konkrete Taten bereits zu Überwachungen kommen soll. Dazu kommt die Ressourcenfrage – diese Daten könnten ja nicht einfach nur angehäuft, sondern müssen auch ausgewertet werden. Es braucht also personelle und technische Mittel. Das darf man nicht unmittelbar nach einem solchen Ereignis beantworten. Es braucht die Zeit, um sich zu überlegen, was wirklich verhältnismässig ist. Schliesslich werden die Grundrechte eingeschränkt. Wirksam ist auf jeden Fall, die Verfügbarkeit von Waffen und Sprengstoffen sehr restriktiv zu handhaben. Norwegen ist bei den Waffen sehr liberal und Dünger kann zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Was bringt Ihre jetzige Stimmungslage auf den Punkt?
Ich bin wie gelähmt und blockiert. Neben dem Schock und der Anteilnahme. Es ist für mich schwierig, dieses Ereignis fassen zu können.

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