VON SANDRO BROTZ

Herr Tognoni, reicht die Ethik-Kommission der Fifa aus, um die Korruption unter Sportfunktionären nachhaltig zu bekämpfen?
Wenn allein schon die staatliche Korruptionsbekämpfung weltweit nur mühsam Erfolge aufweisen kann, wie soll denn eine interne Kommission Erfolge haben? Korruptionsbekämpfung ist eine Sache für Profis, nicht für Feierabendfunktionäre aus aller Welt, die gegen ihre eigenen Kollegen ermitteln sollen. Eine Ethik-Kommission kann Leitfäden für korrektes Verhalten erarbeiten, aber nicht die Geschwüre der Korruption kurieren. Der aktuelle Ansatz ist zu naiv.

Was könnten denn externe Experten oder eine Anti-Korruptionsbehörde bewirken?
Solange Sportverbände ihre Missstände durch eigene Leute ahnden wollen, fehlt der klare Beweis, dass man es mit deren Bekämpfung wirklich ernst meint. Diese Geschichte kennt man doch bereits ausreichend aus dem Doping. Soll etwa die Ethiker-Truppe der Fifa in Nigeria eine Hausdurchsuchung durchführen, um kompromittierende Dokumente zu finden? Nur Experten, die mit dem Thema Korruption vertraut sind, wären eine glaubwürdige Massnahme. Korruptionsbekämpfung ist nicht ein Hobby für Funktionäre, sondern harte, schwierige und bisweilen gefährliche Arbeit.

Claudio Sulser ist Jurist und war Fussballer. Ist er der richtige Mann,um den Vorwürfen nachzugehen?
Nichts gegen Claudio Sulser, er wurde völlig unvorbereitet mit spektakulären Fällen konfrontiert. Das ist für ihn ein unangenehmer Kaltstart. Er kann in fünf Jahren der richtige Mann werden, aber zurzeit ist er es nicht. Er kennt die Vorgänge im Weltfussball leider zu wenig – wie soll er sie auch kennen? Die Fifa müsste einen wie Claudio Sulser vollamtlich engagieren und ihm alle Kompetenzen geben, um polizeiliche Hilfe anzufordern und mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Zwischen einigen Gerichtsterminen als Anwalt Beschuldigte nach Zürich zitieren und ein wenig ausfragen, ist doch keine Problemlösung. Korruption besteht nicht nur aus der Annahme von Bargeld, sondern da gibt es zahllose Tarnvarianten, die man nicht mit einer Befragung im Fifa-Haus am Zoo aufdecken kann.

Wer würde sich aus Ihrer Sicht besser eignen? Franz Beckenbauer?
Franz Beckenbauer wäre vom Prestige her eine gute Wahl, aber das geht nicht, weil er selbst im Exekutivkomitee sitzt und deshalb unter Beobachtung steht. Aber es müsste ein Mann mit ähnlichem persönlichem Prestige sein, der durch schlechte Urteile etwas zu verlieren hat. Einer auch, der Erfahrung als Kriminalist hat. Er muss einige Sprachen können, wetterfest und belastbar sein. Es gibt internationale Unternehmen, die sich weltweit im Auftrag von Regierungen mit Korruptionsbekämpfung beschäftigen. Der James Bond der Fifa müsste vollamtlich mit solchen Unternehmen zusammenarbeiten. Und bald würde man merken, dass einer bei weitem nicht ausreicht. Zudem muss man zwischen Ermittlern und Richtern, die ein Urteil fällen, trennen. Claudio Sulser und seine Kollegen machen zurzeit beides. Das ist nicht gut.

Geht es um Einzelfälle oder muss ein eigentlicher Sumpf trockengelegt werden?
Es handelt sich sicher um mehr als Einzelfälle. Die Frage ist, wie tief die Fifa graben will. Es gibt Verbände und Ligen, die torkeln von einer Affäre in die andere. Und wenn eine Regierung die Nase voll hat und die Verbandsführung zum Teufel schicken will, greift die Fifa ein und sagt, das sei eine unerlaubte politische Einmischung. Da sollte Sepp Blatter umdenken, um der Fifa Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Ein korrupter Verband ist nicht grundsätzlich von der Fifa zu schützen, nur weil eine Regierung etwas gegen ihn unternimmt.

Es macht den Anschein, als sei Korruption im Sport mindestens so schlimm wie Doping.
Was schlimmer ist, das ist Geschmacksache. Beides ist schlimm, bei Doping sind es Athleten, bei der Korruption eher Funktionäre im weissen Kragen, welche die Taten begehen. Sehr schlimm sind diese Sachen aber vor allem dann, wenn man sie nicht ernsthaft bekämpft. Ich fürchte, der Sport kommt um eine globale Einsatztruppe, die mit Regierungen und Polizei zusammenarbeitet, nicht herum. Leider.

Ist der Ruf der Fifa nachhaltig beschädigt?
Der Ruf ist beschädigt, für wie lange hängt von den Massnahmen ab. Die Welt vergisst schnell. Die jetzigen Fälle sind bedenklich, aber keine Sensation. Katastrophal wird die Lage erst, wenn solche Fälle wiederholt aufgedeckt werden. Dann erst hat die Fifa versagt, denn dann muss sie zugeben, dass sie der Entwicklung machtlos gegenübersteht. Aber etwas darf nicht vergessen werden: den Fussballfan interessiert mehr, was Manchester United, Barcelona oder der FC Luzern machen, als was in den obersten Gremien geschieht.

Kann Sepp Blatter das Vertrauen wieder zurückbringen?
In Krisensituationen ist überall der Kapitän gefordert. Von ihm will man wissen, wohin die Reise geht. Was nun geschieht oder eben nicht geschieht, dafür muss der Fifa-Präsident geradestehen. Sepp Blatter ist als Person das Aushängeschild der Fifa. Er hat es selbst in der Hand, den Wind zu seinen Gunsten zu drehen und sich als glaubwürdig zu präsentieren.

Wird er diese Krise überstehen?
Die aktuellen Vorfälle sind ein Problem der Fifa, weniger ein Problem Blatter. Er hat schon für seine Person weit schlimmere Krisen überlebt. Überführt wurde nicht er, sondern zwei Kollegen. Die Frage ist, ob er und die Fifa bereit sind, ernsthafte Konsequenzen zu ziehen. Die Ethik-Kommission als Fortschritt zu feiern, reicht dazu nicht aus.

Auch die Uefa ist betroffen. Was halten Sie von den Gerüchten, dass es bei der Vergabe der Euro 2012 in Polen und der Ukraine zu Absprachen kam?
Bei der Behandlung dieser Gerüchte gibt es Ungereimtheiten. Angebliche Beweise wurden der Uefa offeriert. Dies zu negieren, anstatt zu prüfen, ist keine souveräne Haltung. Wenn die Uefa richtigerweise jeder vermuteten Spielabsprache der Wettmafia nachgeht, sollte sie auch Anschuldigungen, die einen ihrer beiden wichtigsten Wettbewerbe betreffen, sofort seriös abklären. Sonst drängt sich die Frage auf, wer was zu verbergen hat.

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