Das Konzept ist eine Kopie: Inspiriert von der erstmals 2008 ausgestrahlten ZDF-Reihe «Die Deutschen» gab die damalige SF-Direktorin Ingrid Deltenre dem damaligen SF-Chefredaktor Ueli Haldimann den Auftrag, eine TV-Serie über Schweizer Geschichte zu konzipieren. Haldimann plante zehn Folgen: 1000 Jahre Schweizer Geschichte bis ins Jahr 1900. Gesendet werden sollte die Reihe übers Jahr verteilt jeweils am Sonntagabend, Web-Auftritt inklusive.

Auch Frauenfiguren waren – «selbstverständlich», wie ein involvierter Redaktor rückblickend sagt – im Ursprungskonzept vorgesehen. Auf einer internen Liste mit den Protagonisten für die TV-Serie, das zeigen Recherchen, figurierten Namen wie jener von Sophie Taeuber-Arp, die heute als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts die 50-Franken-Note ziert. Auch die schweizerisch-österreichische Malerin Angelika Kauffmann, die im 18. Jahrhundert für Furore sorgte und 1768 zu den Gründungsmitgliedern der bedeutenden britischen Kunstinstitution Royal Academy of Arts gehörte, war eingeplant.

Gegen den Widerstand der Verantwortlichen im Westschweizer Fernsehen, die Schweizer Geschichte für die Primetime als untauglich erachteten, drückten Deltenre und Haldimann das TV-Projekt durch. Die Serie sollte nicht zuletzt auch dem geschichtsblinden Schweizer Filmschaffen die Augen öffnen, das letztmals 1980 mit dem Oscar-gekrönten Flüchtlingsdrama «Das Boot ist voll» Schweizer Geschichte filmisch umsetzte.

Als Zugeständnis an die Romands wurde 2010 die Pilotfolge der History-Serie über Sonderbundskrieg-General und Rotes-Kreuz-Mitgründer Guillaume-Henri Dufour abgedreht. Finanziert aus einer der zahlreichen Sonderkassen des SRG-Verwaltungsratspräsidenten Armin Walpen. Als Ende 2009 zuerst Deltenre sowie Walpen und ein Jahr später auch der inzwischen zum Übergangsdirektor beförderte Haldimann SRG und SRF verliessen, lag das Projekt vorerst auf Eis.

Das änderte sich mit der Wahl von Roger de Weck zum SRG-Generaldirektor. Begeistert vom Pilotfilm nahm er nach seinem Amtsantritt im Januar 2011 den Faden wieder auf – und machte aus der SRF-Idee «sein SRG-Prestigeprojekt», wie interne Beobachter schildern.

Mit einschneidenden Folgen für die Frauen: Sie werden aus der 5,2 Millionen Franken teuren Doku-Fiction-Produktion weggespart. «Die Reduktion von zehn auf vier Folgen erfolgte aus Kostengründen, den Entscheid fällte die Geschäftsleitung unter Roger de Weck», bestätigt SRG-Sprecher Iso Rechsteiner.

Den pikanten Sparentscheid verwedelt die SRG-Führung mit der inhaltlichen Begründung, das neue Konzept fokussiere auf «Wendepunkte der Schweizer Geschichte im 14., 15. und 19. Jahrhundert» – was zugleich auch als Entschuldigung für die fehlenden Frauen dienen soll, da «in dieser Phase keine Frau belegbaren Einfluss auf die Schweizer Geschichte genommen hat».

Dieser Darstellung widerspricht allerdings SRG-Projektleiter und RTR-Direktor Mariano Tschuor gleich selber: In Interviews gab Tschuor diese Woche an, dass Frauenrechtlerin Meta von Salis aus der Serie gestrichen wurde – sie lebte im 19. Jahrhundert. Bei SRF spricht man im mittleren Kader von einem «Frauenmassaker ohne Not»: Selbst in der gekürzten Version der Serie hätte die Folge über den Schweizer Schutzpatron Niklaus von Flüe anhand von dessen Frau Dorothea erzählt werden können, die als verlassene Ehefrau mit zehn Kindern prototypisch für ein Frauenschicksal im 15. Jahrhundert hätte stehen können.

Die umstrittene, inzwischen heftig diskutierte Streichung der Frauen aus der Schweizer Geschichte, gegen die letzte Woche in der «Schweiz am Sonntag» ehemalige Nationalratspräsidentinnen wie Judith Stamm (CVP) und Pascale Bruderer (SP) ebenso protestierten wie die amtierende Präsidentin Maya Graf (Grüne), wirft ein Schlaglicht auf das Gremium, das diesen Entscheid verantwortet: die SRG-Geschäftsleitung um Generaldirektor Roger de Weck, der sich auch diese Woche nicht zur Kritik äussern wollte. «Dass eine öffentlich-rechtliche, gebührenfinanzierte Institution wie die SRG im Jahr 2013 nur von Männern geführt wird, ist der eigentliche Skandal», sagt SP-Ständerätin Anita Fetz, die in einem Gastkommentar die TV-Serie als «verstaubtes Quoten-Kostümfest der SRG» bezeichnet. «Das Männergremium schreibt im 21. Jahrhundert fort, was als Begründung für die fehlenden Frauen in früheren Jahrhunderten herhalten muss: dass Frauen nichts zu sagen hatten. Das ist bei der SRG offensichtlich bis heute so», sagt Fetz.

«Für die SRG scheint die Ausgewogenheit in Bezug auf die Landesregionen wichtiger zu sein als diejenige in Bezug auf das Geschlecht», kritisiert auch Peter Gautschi, der als Geschichtsexperte in der Arbeitsgruppe für den Lehrplan 21 dafür sorgt, dass Frauen im Geschichtsunterricht künftig eine Rolle spielen. Gautschi: «Es ist für mich unverständlich, dass die SRG keine Frauen berücksichtigt hat.»

Die Kritik an «Die Schweizer» geht inzwischen aber längst über die Frauendebatte hinaus. Die mangelnde Berücksichtigung historischer Frauenfiguren im vierteiligen TV-Epos stört zwar auch Susanna Burghartz, Geschichtsprofessorin an der Universität Basel: «Die Identifikationsfiguren für Zuschauerinnen fehlen.» Weil Männer in der Geschichte oft greifbarer seien Frauen, gäben sie auf den ersten Blick auch die einfacheren Geschichten her. «Die SRG macht es sich damit aber zu einfach. Man hätte wenigstens versuchen sollen, dieses Muster zu durchbrechen», sagt Burghartz, die von einer «verpassten Chance» spricht.

Dass sich die SRG damit begnüge, Geschichte nach dem altbekannten Muster zu vermitteln – über Heldengeschichten und elitezentrierte Darstellungen von Entscheidungsträgern – stösst bei der Historikerin jedoch auch auf grundsätzliche Kritik: «So sieht keine Geschichtsvermittlung aus, die viele Menschen anspricht und integriert. Dabei ist genau die Integration eine wichtige Funktion von Geschichte.» Mutiger wäre es gewesen, so Burghartz, etwa den Beitrag der Frauen zur Reformation, zur Industrialisierung oder zur Entwicklung der modernen Demokratie aufzugreifen.

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