In Biografien stecken gelegentlich märchenhafte Momente. Die Vita der Basler Autorin Zoë Jenny (37) hat einen solchen Moment – und er hat einen Namen: «Das Blütenstaubzimmer». 14 Jahre sind es her, seit ihr Roman den Literaturbetrieb mit Donnergrollen überrollt hat. Mit ihrem Debüt traf die damals 23-jährige Zoë Jenny offenbar den Nerv der Zeit.

«Das Blütenstaubzimmer» ist eine Geschichte der Superlative. Das Buch verkaufte sich hunderttausendfach und wurde in 28 Sprachen übersetzt. Es folgen Lesetourneen durch Japan, Russland, die USA und China. Die attraktive Jungautorin wurde von der «New York Times» interviewt, posierte für «Vogue» – Zoë Jenny lebte aus dem Koffer und liess sich jeweils nur kurz nieder, um ein Buch zu schreiben. Der Betrieb hatte die Senkrechtstarterin im Griff.

Heute ist alles ziemlich anders. Heute ist Naomi die Chefin, zumindest temporär. Zoë Jennys 15 Monate alte Tochter bestimmt den Lebens- und Arbeitsrhythmus der Autorin. Überhaupt ist vieles anders und wesentlich ruhiger geworden im Leben der einst durch den Globus jettenden Bestsellerautorin. Nach New York und Berlin lebt Zoë Jenny nun schon sieben Jahren in London, mit Mann und Kind und einer Wohnung im noblen Quartier Hampstead Heath, umgeben von Wäldern, Wiesen und Teichen. Ein Idyll, indeed! Geniessen kann sie ihr Zuhause zurzeit allerdings nur beschränkt. Aus beruflichen Gründen – Zoë Jennys Mann ist Tierarzt – weilt die Familie mehrheitlich auf Bali. Auch kein schlechter Ort, um in Ruhe leben zu können.

In ihrem Leben als Literatin hat Zoë Jenny auch erfahren müssen, wie nahe Hymne und Häme sind. Denn nach dem «Blütenstaubzimmer» kam der Hammer. Ihr zweiter Roman, «Der Ruf des Muschelhorns» (2000), und vor allem das dritte Buch, «Ein schnelles Leben» (2002), wurden von der Kritik arg zerzaust. Der einstige Shootingstar wurde plötzlich zur talentlosen Autorin degradiert, und die erst noch als «scheues Reh» mit «grossen Kinderaugen» verklärte Autorin wurde zur «Zicke» mit «Starallüren». Als Zoë Jenny vor vier Jahren schliesslich ihren dritten Roman, «Das Porträt», veröffentlichte, blieb es auffallend still um die Autorin, für die erst noch Kritikerscharen auf Trommel gewirbelt hatten.

Das verletzt, oder? Wir sitzen im Wohnzimmer der Wohnung ihres Vaters und Verlegers Matthias Jenny. Naomi auf dem Schoss der Mutter, die dem rankenden und brabbelnden Kind Gemüsestückchen und Fisch füttert. Verletzt? Zoë Jenny schaut auf und ihr Blick verrät: vergangene Zeiten! Vor fünf Jahren noch hatte sie in einem Interview ziemlich empfindlich auf den medialen Abrieb reagiert, jetzt blickt sie gelassen zurück.

«Erfolg ist schwierig, ja, aber keinen Erfolg zu haben, auch.» Und: «Vieles, was über mich geschrieben worden ist, kann ich schlicht nicht ernst nehmen.» Und: «Ich habe dabei Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte.» Rettung, sofern dies überhaupt nötig war, fand Zoë Jenny in dem, was sie immer tat: «Ich habe einfach immer weiter geschrieben. Und wenn nicht alle applaudieren, ist das auch okay.»

Dennoch: Der Erfolg hat doch auch seine Schattenseiten? Zoë Jenny schaut auf und antwortet: «Die schlimmste Seite des Erfolges? Wenn man vor 400 Menschen liest, anschliessend ins Hotelzimmer zurückkehrt und sich dort plötzlich extrem einsam fühlt.»

Was Zoë Jenny bereits 2005, kurz nach ihrer Ankunft in London, angekündigt hatte, ist Wirklichkeit geworden. Sie hat die Sprache gewechselt. Nach Solothurn reist sie mit ihrem ersten englischen Roman «The Sky is Changing» (Legend Press, 2010). Darin erzählt sie fiktional aufbereitet eine Geschichte, die sie in Variationen selbst erlebt hat: Wie es sich anfühlt für ein Paar, das ein Kind will und keins bekommt.

Weshalb der Sprachwechsel? Aus Marketinggründen? Nein, immerhin könnte sie damit eine stattliche Zahl bisheriger Leser vergraulen. «Meine Muttersprache ist der Dialekt», sagt Jenny, «zur deutschen Hochsprache hatte ich daher immer ein zwiespältiges Verhältnis. Beim Schreiben dieses Buches habe ich gemerkt: Im Englischen fühle ich mich wohler.» Was kommt? Ein Theaterstück ist geschrieben, ein Buch in Arbeit. Anderes hätten wir auch nicht erwartet. «Schreiben», sagt Jenny, «ist mehr als ein Beruf. Es ist eine Leidenschaft.»

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