VON SANDRO BROTZ

Herr Bauer, wie wurden Sie zum Fotografen des Dalai-Lama?
Ich habe Seine Heiligkeit 1990 zum ersten Mal fotografiert. Die Menschenrechtsverletzungen in Tibet haben mich immer wieder von neuem motiviert, am Thema dranzubleiben. So ist über die Jahre eine immer grössere Nähe entstanden. Die Tibeter sind mir ans Herz gewachsen.

Was fasziniert Sie vom ersten bis zum heutigen Tag an Seiner Heiligkeit?
Sein Mitgefühl, seine Authentizität und Aufrichtigkeit, seine Disziplin, seine Weisheit und wie er sie im Alltag umsetzt.

Mir fällt immer wieder sein Humor auf. Ist er auch im kleinen Kreis lustig oder ist das teilweise auch Show?
Der Dalai-Lama macht keine Show. Weil er sich jeden Moment auf das Wesentliche besinnt, aus Mitgefühl nur Gutes zu tun, ist er immer echt und wahrhaftig. Und weil er die buddhistische Philosophie in sich verwirklicht hat, kann er in jedem Moment heiter sein. Aus der Fähigkeit heraus, sehr schnell Probleme zu erkennen und sie zu lösen – oder zu akzeptieren, dass es auch mal wirklich keine Lösung gibt.

Werden Sie eigentlich von ihm bezahlt?
Nein. Ich habe mich ihm aufgedrängt – aus der Überzeugung, dass es über eine solch herausragende Persönlichkeit ein kohärentes visuelles Dokument braucht. Ich darf den Titel «offizieller Fotograf» nutzen, um an meiner Dokumentation über ihn zu arbeiten. Ein Grossteil dieses Projektes wurde von der Volkart-Stiftung in Winterthur finanziert, ein weiterer Teil von der Hamasil-Stiftung. Der Rest kommt von mir. In letzter Zeit werden meine Bilder aber immer öfter auch vom Büro des Dalai-Lama genutzt.

Der Dalai-Lama wird vermutlich nicht erleben, dass er in ein freies Tibet zurückkehren kann. Spricht er darüber? Belastet ihn das?
Er ist voller Optimismus, sein Land noch in diesem Leben wieder zu sehen.

Macht es ihn traurig, dass die Schweiz zwar eine wichtige Rolle bei der Aufnahme seiner Landsleute vor 50 Jahren gespielt hat, dass ihn aber der Bundesrat heute nicht offiziell empfängt?
Der Dalai-Lama ist der Schweiz sehr dankbar für die humanitäre Hilfe und Aufnahme, die seine Landsleute erhalten haben. Was ihn manchmal traurig macht, ist das Leiden der Tibeter in Tibet und die dortige Umweltzerstörung.

Beschämt Sie persönlich das jetzige Verhalten der Schweiz?
Ich glaube, dass mit der Beschwichtigungs-Politik beim jetzigen totalitären chinesischen Regime nichts erreicht werden kann. Ausser: nicht ernst genommen zu werden. Es bleibt zu hoffen, dass unsere Diplomatie zum Vorbild einer zukünftigen chinesischen Führung würde. Auf der anderen Seite wäre es ein klares Signal der Schweizer Politik gewesen, sich hinter die Menschenrechte zu stellen. Das ist auch für uns im Westen wichtig, gerade in einer Zeit, in der sehr viele ethische Werte verloren gehen.

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