Der Chef Entwicklung ist einer der wichtigsten Experten im IT-Projekt Insieme. Er spielt eine zentrale Rolle, um das Chaos rund um die Computer-Vernetzung der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) zu beheben. Doch der Top-Experte musste seinen Sessel räumen, weil er illegal ohne die sogenannte WTO-Ausschreibung angestellt wurde.

Die Eidgenössische Steuerverwaltung bestätigt den Sachverhalt. «Es ist richtig, dass diese Stelle den WTO-Schwellenwert überstiegen hat und öffentlich hätte ausgeschrieben werden müssen», sagt ESTV-Kommunikationschef Beat Furrer. «Der Entwicklungsleiter hat Insieme per Ende Mai 2012 verlassen. Er war die erste Schlüsselperson, die das Projekt einzig aus dem Grund verlassen musste, weil sein Mandat nicht WTO-konform verlängert werden konnte.»

Und das ist noch nicht alles. Morgen Montag sowie Ende Juli laufen weitere Verträge mit externen Spezialisten für das Projekt Insieme aus. Gemäss Recherchen ist ein halbes Dutzend Mitarbeiter betroffen. Die meisten von ihnen sollen ebenfalls gesetzeswidrig ohne WTO-Ausschreibung angestellt worden sein.

Auch diesen Sachverhalt bestätigt die Steuerverwaltung weitgehend. «Ende Juni 2012 läuft ein Vertrag aus, Ende Juli 2012 ein paar weitere. Die genaue Zahl können wir noch nicht beziffern, weil die WTO-Konformität nicht bei allen geklärt ist», sagt Sprecher Furrer. Laut einem Insider können diese Schlüsselpersonen zeitlich gar nicht mehr nach WTO-Richtlinien einen neuen legalen Vertrag erhalten – es sei denn, man findet irgendeinen Kniff, um die Ausschreibung zu umgehen.

Letzte Woche hat «Der Sonntag» bereits aufgedeckt, dass der Gesamtprojektleiter von Insieme illegal eingestellt worden war. Laut der Steuerverwaltung läuft dessen Vertrag Ende Jahr ebenfalls aus. Wie man den auf Befehl des freigestellten Direktors Urs Ursprung gesetzeswidrig angestellten Gesamtprojektleiter halten kann, klärt die Steuerverwaltung zurzeit ab.

Der oberste Chef Urs Ursprung hat unterdessen von sich aus gekündigt und ist nicht mehr im Amt. Gegen den freigestellten Chef Leistungsbezug und Informatik läuft ein Strafverfahren der Bundesanwaltschaft. Der Verdacht: Korruption. Der Chef Entwicklung musste seinen Sessel räumen und mehrere Top-Experten stehen bis Ende Juli ohne Vertrag da.

Es wohl kaum übertrieben, von einem Desaster in der Eidgenössischen Steuerverwaltung zu sprechen. Was Insieme betrifft, so ist intern ein offenes Geheimnis: Das 150 Millionen teure Vorhaben ist am Ende und nicht mehr zu retten.

Zu dieser Erkenntnis gelangte die Eidgenössische Steuerverwaltung bereits vor einem Jahr. Wegen der anhaltenden Probleme wurden ein Abbruch und Neustart erwogen. Zur Diskussion stand ein Technologiewechsel zu einer sogenannten Standardlösung anstelle der Individuallösung – was laut Experten die einzige gangbare Lösung gewesen wäre, um das Projekt noch zu retten.

Doch am 21. Juni 2011 entschied man, weiterzufahren wie bisher. Recherchen ergeben, dass vor allem Direktor Ursprung die treibende Kraft hinter diesem Entscheid war. Es heisst, sein Ego habe es nicht zugelassen, den Computer-Flop einzugestehen und mit dem Makel zu leben, das 150 Millionen teure Projekt in den Sand gesetzt zu haben.

Jetzt, wo Ursprung weg ist, wäre der Weg offen für einen Neustart. Doch es ist niemand da, der den Mut und die Kompetenz hat, die Notbremse zu ziehen. Immer noch klammert man sich an das Prinzip Hoffnung.

Laut ESTV-Sprecher Furrer läuft Insieme immer noch planmässig weiter und an den Problemen werde intensiv gearbeitet. Furrer: «Ein Vizedirektor und ein Mitglied der Geschäftsleitung sind daran, den Beschaffungsprozess für die ganze ESTV neu aufzubauen und die Abläufe, Kompetenzen und Regeln klar festzuhalten. Das wird auch für die personelle Situation bei Insieme Klarheit schaffen.»

Zugegeben wird allerdings, dass es «möglicherweise beim Projekt zu zeitlichen Verzögerungen kommt, weil die nötigen Personalressourcen «nicht rechtzeitig und vollständig ersetzt werden können». Ein Computer-Experte des Bundes zu diesem Vorgehen: «Das ist, wie wenn man einen tot geweihten Patienten noch eine Weile künstlich am Leben erhält.»

Die Frage bleibt: Wie lange zögert Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf noch, um unter dem Projekt Insieme ein Schlussstrich zu ziehen und einen Neuanfang zu befehlen?

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!