Anna lernt Frühenglisch, unterrichtet wird in Baby-Zeichensprache. Der kleine Luca übt Baby-Yoga, wo die Entfaltung seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten angeregt werden soll. Die Kursangebote für Frühförderung boomen – und lassen die Zahlen der früheren Einschulung ansteigen. Konkret: Immer mehr Eltern stellen Gesuche, damit ihre Kinder vor ihren Altersgenossen zur Schule oder in den Kindergarten gehen können.

Die Zahlen zeigen: Im Kanton Zürich hat sich die Zahl der Kinder, die früher in den Kindergarten eingeschult werden, seit 2005 gar versechsfacht: Laut Angaben der Zürcher Bildungsdirektion von 106 auf 623 Kinder. Auch im Aargau steigen die Zahlen der früheren Einschulung in die Primarschule kontinuierlich. Seit 1998 haben sie sich mehr als verdoppelt. Im Kanton Bern zeigt die Tendenz in die gleiche Richtung. Der Anstieg ist zwar langsamer als in Zürich, doch die Zahl steigt auch hier an.

Warum versuchen immer mehr Eltern, ihre Kinder möglichst bald zur Schule oder in den Kindergarten zu schicken? «Ehrgeizige Eltern erhoffen sich durch eine frühe Förderung eine vorzeitige Einschulung und wollen somit dem Kind einen Vorsprung garantieren», sagt Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg. Die Eltern fürchteten, dass ihr Kind im Wettbewerb nicht bestehen kann, und beginnen deshalb früh mit Bildung und Förderung von allfälligen Talenten.

«Viele Eltern haben Angst, dass sie etwas verpassen, wenn sie ihre Kinder nicht fördern», sagt auch der Psychologe Andrea Lanfranchi, Professor an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Kurz nach der Geburt geht es deshalb los: «Schätzungsweise 20 Prozent der Eltern nehmen bereits Angebote für Kinder unter vier Jahren wahr», sagt Lanfranchi.

Die Experten sehen dahinter aber auch einen gesellschaftlichen Trend: Junge Eltern vergleichen sich schon sehr früh mit anderen und stehen in einem Wettbewerb um das «tollste, cleverste, talentierteste Kind». Dabei wird antrainiertes Wissen schnell mit Potenzial verwechselt. «Viele Eltern haben den Eindruck, dass ihr Kind hochbegabt ist», sagt Lanfranchi. Doch die Quote der überdurchschnittlich begabten Kinder ist seit Jahren gleich.

In der Forschung ist unbestritten, dass die ersten Lebensjahre für den späteren Erfolg in der Schule wichtig sind. «Kleine Kinder sind sehr empfänglich für frühe Förderung und lassen sich gut motivieren», weiss Stamm von der Universität Freiburg. Aber: Keine Studie konnte bisher beweisen, dass früher Lese- oder Matheunterricht aus den Kindern spätere Sprachtalente oder Rechengenies macht.

Viel eher: «Die meisten Kinder verlieren ihren Vorsprung kurze Zeit nach der Einschulung wieder und sind später kaum erfolgreicher», sagt Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft. Die Erziehung und emotionale Betreuung durch das Elternhaus sei viel wichtiger als alles, was jeder Frühförderkurs erreichen könne, so Stamm.

Von Frühförderung profitieren bisher vor allem Kinder der Mittel- bis Oberschicht. Die Gefahr ist, dass durch private Frühförderung die Schere zwischen dem Bildungsstand der Kinder noch mehr auseinandergeht.

Die Bildungsexperten sind sich einig: Die Problematik, dass die einen Kinder zu stark gefördert und damit überfordert werden, nimmt zu. Gleichzeit werden viele Kinder gar nicht gefördert. Das führt dazu, dass gewisse Kinder immer mit aufholen beschäftigt sind, andere immer ihren hohen Anforderungen als besonders begabt genügen müssen. «Frühförderung ist also besonders hilfreich für Kinder, die von Eltern vernachlässigt werden», sagt der Psychologe Andrea Lanfranchi. «Die meisten anderen haben das nicht nötig.»

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