Es ist eine ernüchternde Bilanz, welche die Art-Organisatoren ziehen müssen: Das Favela-Café auf dem Messeplatz, das an ein brasilianisches Armenviertel erinnern soll, war am Freitagabend Anlass für einen massiven Polizeieinsatz. Eine Gruppe junger Leute hatte sich auf dem Messeplatz versammelt, um gegen die inszenierte Favela zu protestieren. Die Sicherheitskräfte wollten schliesslich die Musikanlage entfernen, um die Party zu beenden. Einige Teilnehmer wehrten sich gemäss Aussagen der Polizei und bewarfen Beamte mit Gegenständen. Die Auseinandersetzung endete mit Tränengas, Gummischrot und schlachtartigen Szenen mitten auf dem Messeplatz.

Ein Organisator, der seinen vollen Namen nicht nennen wollte, hatte einige Stunden zuvor gegenüber anwesenden Journalisten und Besuchern erklärt, sie seien eine Gruppe von Künstlern, welche die Messe und den Künstler Tadashi Kawamata für die Art und Weise, wie sie das Elend einer Favela inszenieren, kritisiere. So könne keine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfinden. Gegen das geordnete Café wollte die Gruppe mit ihrer eigens aufgebauten Favela ein Zeichen setzen.

Was mit einer friedlichen Protestaktion begonnen hatte, endete Stunden später abrupt. Messe und Polizei sahen offenbar keine andere Möglichkeit als gewaltsam gegen die Kritiker vorzugehen. Polizeisprecher Martin Schütz sagt, die Messe hätte um 21 Uhr einen Strafantrag eingereicht, nachdem Verhandlungen nicht zu einer Auflösung des Protestes geführt hätten. Schütz erklärt, ausschlaggebend für den Einsatz sei gewesen, dass das Fest immer grösser und lauter geworden sei und die Gesprächsbereitschaft tiefer.

Der Soziologieprofessor Ueli Mäder kritisiert, dass bei derartigen Aktionen «ordnungspolitisch zu rasch» eingegriffen werde. Oft würden solche Proteste unnötig kriminalisiert. In diesen Situationen müsse mehr Dialog möglich sein und weniger schnell gedroht werden. Insgesamt sei das ganze Projekt eine «verpasste Chance», sagt Mäder gestern Samstag gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

Die Verantwortlichen der Kunstmesse taten sich auch zuvor eher schwer mit Kritik. Die Basler Künstlerin Cecilia Heijmerink hängte am Mittwoch Flyer auf, mit denen sie auf den «Missbrauch des Elendes» aufmerksam machen wollte. Die Flyer seien sofort entfernt worden und sie sei vom Architekten Christophe Scheidegger beschimpft worden, sagte Heijmerink. Die Art und der Architekt sahen sich trotz mehrfacher Anfragen seit Donnerstag ausserstande, zum Vorfall Stellung zu nehmen.

Soziologe Mäder bedauert, dass das Vorgehen der Messe mit Kritikern Vorurteile auf beiden Seiten bestätige. «Natürlich besteht bei einer solchen Installation die Gefahr eines Missbrauchs», sagt Mäder. «Trotzdem hätte das Café auch die Chance für eine Diskussion bieten können.» Die Veranstalter müssten aber mit Reaktionen rechnen und sich im Vorfeld überlegen, wie sie damit umgehen wollen.

Die Messe bedauert, dass die Situation so eskaliert ist. Pressesprecher Christian Jecker sagt, auf Wunsch des Architekten habe man die Gruppe vorerst gewähren lassen. Die Verantwortlichen hätten mit den Protestierenden mehrfach verhandelt. Nachdem diese aber mehrere Vereinbarungen nicht eingehalten hätten und auch nicht abgezogen seien, habe die Messe Anzeige erstattet.

Für Jecker ist die Favela-Aktion insgesamt nicht misslungen. Das Café habe Diskussionen angeregt und als Kontrast zum Messebau gewirkt. «Natürlich ist die Favela ein Werk, worüber das Publikum kritisch diskutieren kann», sagt Jecker. Die Party habe aber am Schluss nichts mehr mit einer kritischen Auseinandersetzung zu tun gehabt. Jecker räumt ein: «Wenn wir gewusst hätten, wie die Reaktionen ausfallen, hätten wir die Favela vielleicht nicht aufgebaut.»

Die Eskalation solle aber nicht dazu führen, dass in den kommenden Jahren keine provokativen Installationen mehr auf dem Messeplatz zu sehen seien. Ob die Art generell anders mit Reaktionen auf die Favela hätte umgehen müssen, mag Jecker nicht beantworten.

Das Favela-Café, das heute Sonntag zum letzten Mal während der Art geöffnet ist, zeigte: Zwar möchte die Kunstmesse Reaktionen provozieren, wenn sie dann aber kommen, tun sich Künstler und Art-Verantwortliche schwer damit. Die Bretterverschläge, unter denen die Kunstschickeria in den letzten Tagen Schatten und Drinks fand, werden nach ihrem Kunst-Einstaz in den Hafen gezügelt, wo sie ebenfalls als Bar genutzt werden. «Favela-Chic» für Zwischennutzer. Diese scheinen sich wenig an der «Inszenierung des Elendes» zu stören. Zumindest, solange es ihnen dient.

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