Solange Teilzeit für Männer ein ‹Karrierekiller› und für Frauen die Norm ist, bleiben wir gesellschaftlich stehen», schreibt Kolumnistin Michèle Roten in ihrem neuen Buch «Wie Mutter sein», das am 5. September erscheint (siehe Kasten) und bringt sich in die Debatte um Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Noch immer sind es vor allem die Frauen (rund 80 Prozent), die Teilzeit arbeiten – und nur gerade 14 Prozent der Männer, obwohl die Hälfte von ihnen in Umfragen angibt, dass sie sich Teilzeitarbeit vorstellen können. «Die wenigsten von ihnen wollen Vollzeit-Mutter sein, und die meisten Männer möchten mehr Familienarbeit leisten.»

Karrierefördernd ist das nicht. Führungspositionen bei Teilzeitarbeitenden gibt es kaum. Teilzeitarbeit ist noch immer ein Stigma. «Die Arbeitsrealität ist oft so, dass Mütter ausgeschlossen werden, wenn es um höhere Positionen geht», sagt SP-Politikerin Jacqueline Fehr.

Da nützt auch die Forderung nach einer Frauenquote wenig. «Deshalb müsste eine Mütterquote her», sagt Michèle Roten. Damit legt sie den Finger auf einen entscheidenden Punkt. Es reicht nicht, Führungspositionen mit Frauen zu besetzen statt mit einem Mann. «Solange es kinderlose Frauen sind, die sich voll auf die Karriere konzentrieren können – also Frauen, die die gleiche Ausgangslage haben wie Männer, die eine Ehefrau haben, bleibt alles beim Alten», sagt Roten. «Erst eine Mutter in dieser Position hätte den Blick dafür, was in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie getan werden müsste, und würde am System selbst arbeiten.»

Es gehe tatsächlich immer weniger um eine Geschlechterfrage, stellt auch Jacqueline Fehr fest, «sondern um Mütter/Väter contra Kinderlose». Der heutige Arbeitsmarkt orientiert sich vor allem an Letzteren, die die Verfügbarkeit fast rund um die Uhr leisten können. Mütter haben noch andere Lebensinhalte als nur den Beruf. «Gerade dadurch bringen sie eine andere Qualität der Persönlichkeit mit», ist Fehr überzeugt. Dann könnte die Erziehungsarbeit kein Nach-, sondern sogar ein Vorteil sein.

Die Frage stellt sich, welche Auswirkungen eine Mütterquote auf unsere Gesellschaft hätte. «Eine positive in jeder Hinsicht», ist für Fehr klar. Unternehmen könnten nur profitieren. «Mütter denken längerfristig über Massnahmen und Folgen. Unsere jüngste Unternehmensgeschichte zeigt, dass Personal mit Tunnelblick, die auf kurzfristige Erfolge aus sind, nicht die Lösung sein können.» Wer einen Teil seines Alltags mit Kindern verbringt, handelt nachhaltiger.

Genau diese Diskussion um Frauen mit oder ohne Kinder findet Matthias Mölleney sehr heikel. «Das sollte man mit einer Mütterquote nicht zusätzlich schüren», warnt der ehemalige Konzernpersonalchef der Swissair und heutige Inhaber einer Beratungsfirma. «Das wäre kontraproduktiv.» Wenn schon, müsste es eine «Elternquote» sein, die vermehrt Frauen und Männer mit Kindern in Führungspositionen in der Wirtschaft und Politik bringen könnte. Grundsätzlich gegen Quoten ist der CVP-Politiker Martin Candinas. «Da könnten die Jungen oder Pensionierten auch eine fordern», meint der Bündner. Das Bedürfnis müsste von unten kommen. «Ich appelliere an die Selbstverantwortung der Frauen.» Manchmal habe er das Gefühl, gerade, wenn er Frauen für ein Amt suche, dass gar kein Interesse vorhanden sei.

Wer Bedenken hat, dass ein stärkerer Einbezug der Mütter ins Erwerbsleben Einfluss auf die Geburtenraten haben könnte, braucht nur einen Blick nach Schweden zu werfen. Dort hat sich das Modell seit Jahren bewährt. «Nur-Hausfrauen» gibt es dank einem gut ausgebauten Betreuungsnetz kaum mehr, Frauen sind in den Chefetagen allgegenwärtig und die Familienstrukturen intakt geblieben. Jacqueline Fehr: «Eine Mütterquote könnte sogar stimulierend sein, weil andere Frauen sehen, dass man als Mutter nicht mehr eine Aussenseiterrolle einnimmt, sondern bewusst als Mutter in der Arbeitswelt willkommen geheissen wird.»

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