Herr Bundesrat, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei nur 2,5 Prozent. Gab es das schon einmal?
Johann Schneider-Ammann: Das entspricht quasi einer Vollbeschäftigung für die Jungen. Eine historische Zahl, um die wir gewaltig beneidet werden. Wahrscheinlich gab es das noch nie. Nur eine Flugstunde von uns weg beträgt die Jugendarbeitslosigkeit wie etwa in Spanien 40 Prozent. In der EU 20 Prozent. Unser Erfolg basiert auf Firmen, die gut unterwegs sind, und auf dem dualen Bildungssystem, das einen gewaltigen Standortvorteil darstellt. Auch die bundesrätliche Wirtschaftspolitik kann so schlecht nicht sein. Ich freue mich sehr über die Situation.

Mit dem tiefen Euro ist die Situation aber sehr volatil.
Bis jetzt ist sie erstaunlich robust. Die Exportindustrie hatte im ersten Trimester 2011 ein ausserordentlich gutes Auftragswachstum. Das bedeutet zusätzliche Beschäftigung. Die Konjunktur im Fernen Osten funktioniert nach wie vor. Die gute Weltkonjunktur wirkt sich für uns deutlich positiver aus, als sich der starke Franken negativ auswirkt. Die Firmen bauen bis jetzt kaum Arbeitsplätze ab. Sie suchen den Ausweg, indem sie ihre Margen opfern. Verdienen Unternehmen allerdings eine Weile kein Geld, verlieren sie ihre Investitions- und Innovationsfähigkeit. Das ist gefährlich und könnte sich schon bald im Verlust von Konkurrenzfähigkeit und damit in Beschäftigungsproblemen auswirken.

Wirtschaftsvertreter sagen, es seien 75000 Stellen bedroht.
Ich kenne die Ansage. Die Lage ist ernst. Man darf die Situation dennoch nicht dramatisieren. Sie erheischt Respekt und Aufmerksamkeit. Lassen wir uns nicht in Angst versetzen. Die Angst ist und bleibt ein schlechter Ratgeber. Am Industrietag zeigte sich, dass die Unternehmen sagen: jetzt erst recht. Sie lassen sich nicht aus dem Markt drängen. Die Politik hilft Marktzugänge sichern.

Aber es besteht die Gefahr, dass die Unternehmen auslagern.
Das kann eines der Rezepte sein. Nur muss man sich fragen, was das tatsächlich bringen könnte und bringen müsste. Bei Swissmem untersuchten wir, was die Auslagerungen nach Osteuropa in den Krisenjahren 2001 bis 2004 gebracht hatten. Damals lagerten 40 Prozent aus, weitere 40 Prozent hatten Pläne. Die Gesamtschau aller Faktoren öffnete uns die Augen, wie gut der Standort Schweiz ist. Und wie viele Nachteile man sich über die Auslagerung einhandeln kann. Damals waren es die Lohnkostenunterschiede, heute kämpfen wir mit einem Wechselkursproblem. Heute wie damals operieren die Firmen in einem liberalen Arbeitsmarkt. Das ist ein wichtiger Standortfaktor, weil die Firmen «mit dem Markt atmen» können. Der Schweizer Standort ist und bleibt attraktiv. Auch für die Industrie.

Auslagerungsgefahr existiert dennoch.
Ich nehme sie ernst. Der eine oder andere wird gehen. Aber eine Massenflucht wird es nicht geben. Das können wir uns gar nicht leisten. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, um die Rahmenbedingungen zu verbessern, damit dieses Land auch ein Industriestandort bleibt.

Wer kann es sich nicht leisten? Der Bundesrat?
Wir können es uns gesellschaftspolitisch auf keinen Fall leisten, das Land deindustrialisieren zu lassen. Für mich wäre dies eine ganz persönliche Niederlage. Ich habe ein Berufsleben lang dafür gekämpft, dass die Schweiz industriell attraktiv bleibt.

Im Notfall greift die Regierung ein?
Es sind verschiedenste Schritte eingeleitet. Ein Beispiel sind die Freihandelsabkommen mit Schwellenländern wie Indien und China. Unsere Standortförderungsmassnahmen müssen die Schweiz attraktiv bleiben lassen. Ich will die Industrie mit einem BIP-Anteil von Grössenordnung 23 Prozent wie heute hier erhalten.

Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand geht davon aus, dass sich der Euro bei 1.25 bis 1.28 Franken einpendelt. Kann die Industrie damit leben?
Niemand weiss, wo er sich einpendelt. Kann Europa stabilisiert werden, tritt sofort eine Entlastung ein. Unternehmen können mit tieferen Kursen leben, wenn sie genügend Zeit erhalten, sich anzupassen. Ganz schwierig wird es, wenn sich der Euro zu schnell nach unten bewegt.

Wann ist der Euro-Kurs bedrohlich tief? Bei 1.10 Franken?
Ich nenne selbstverständlich keine Zahl. Schon als der Euro sehr schnell von 1.67 auf 1.50 fiel, schlugen wir Alarm.

Haben Sie Notmassnahmen zur Hand?
Direkten Einfluss kann nur die Nationalbank nehmen. Die Rollen sind eindeutig verteilt. Das Wirtschaftsdepartement tut, was es wirtschaftspolitisch tun kann. Die Zusammenarbeit mit dem Finanzdepartement funktioniert ebenfalls. Wir haben eine Arbeitsgruppe am Werk, die seit Monaten an Szenarien und an einem Massnahmenkatalog arbeitet.

Aber Sie haben noch etwas in der Rückhand?
Ich darf nicht den Eindruck erwecken, wir hätten Wunderwaffen im Köcher. Es gibt sie so nicht. Am Industrietag habe ich getroffene und allenfalls zu treffende Massnahmen aufgezählt. Ich habe auch gesagt, was nicht denkbar ist.

Sie glauben, dass der Euro weiter fällt?
Wenn ich das wüsste. Vieles hängt davon ab, ob Europa die Schuldensituation unter Kontrolle bringt. Zum Glück hilft die fernöstliche Nachfrage nach europäischen Produkten. Würde die Konjunktur-Kette zusammenbrechen, würde es viel schwieriger. Dann sähen wir uns mit einer deflationären Situation konfrontiert. Und das bezeichnete ich dann als dramatisch.

Die Nationalbank sitzt auf 200 Milliarden Devisen. Hat sie noch Spielraum?
Das müssen Sie die Nationalbank fragen.

Sie können das auch beurteilen.
Die Nationalbank intervenierte in der ersten Hälfte 2010. Diese Politik war richtig. Die damit eingehandelten Verluste sind bekannt. Damit ist der Spielraum nicht mehr so gross wie zuvor.

Haben Sie Prognosen, wie sich die Wirtschaft bis 2012 entwickelt?
Das Seco hat die Wachstumsprognose für 2011 immer noch auf 2,1 Prozent festgesetzt. Für 2012 geht das Seco von einem auf 1,5 Prozent abgeschwächten Wachstum aus. Aber 1,5 Prozent ist immer noch mehr als null. Wir würden immer noch ein gutes Wachstum haben. Und im Moment haben wir Gott sei Dank keine Inflation. Ich hoffe, dass die Weltkonjunktur anhält.

Die SP wirft Ihnen Untätigkeit vor.
Die SP weiss, dass wir sehr viel mehr tun, als sie uns zugesteht. Wir haben im Frühjahr mehrere Massnahmen für die Exportwirtschaft und den Tourismus ergriffen. Eine Subventionspolitik kann es nicht sein. Jede Intervention hilft dem einen und schadet dem anderen. Vorzeitig darf nicht interveniert werden. Wir sind im Wahljahr.

Sie arbeiten weiter wie bisher?
Ich arbeite mit aller Energie. Was ich tun kann, tue ich. Ich halte meinen Kurs. Die ergriffenen Massnahmen sind anerkannt. Der Bundesrat hat sich diese Woche erneut mit dem Wechselkurs und seinen Konsequenzen auseinandergesetzt und die Einschätzungen des EFD und EVD geteilt.

Also schlafen Sie gut?
Ich schlafe nicht. Ich bin hellwach. Wir alle stehen vor sehr grossen Herausforderungen. Die Frage ist, wie man sie bewältigt. Effekthascherisch? Oder grundsolid und nachhaltig? Mit mir kann man nur über das Zweite reden.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!