Abgesehen von seinem Schweizer Bankkonto hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney kaum Berührungspunkte zur Schweiz – glaubte man bislang. Das stimmt nicht ganz. Denn Romney war einst drei Monate lang mit einem aus der Region Zürich stammenden Mormonen als Missionar unterwegs. Ronald Eckart erinnert sich: «Mitt verstand es ausgezeichnet, den Leuten unser Evangelium auf eine überzeugende Art verständlich zu machen», erzählt der 64-jährige Architekt und ehemalige Kaderangestellte einer Schweizer Grossbank gegenüber dem «Sonntag». Aufsässig sei er aber niemals gewesen – aber eloquent und humorvoll.

Die gemeinsame Zeit als Missionare verbrachten Eckart und Romney 1968 in Nogent-sur-Marne und Paris. Sie gingen von Tür zu Tür, um die Bewohner zu bekehren. Eine Eigenschaft des heutigen US-Spitzenpolitikers stach besonders heraus: «Ob eine Person zur Taufe bereit war, erkannte Mitt schnell. Er spürte so etwas.» Um zum mormonischen Glauben zu konvertieren, ist die Taufe Voraussetzung.

Romney, heute noch bekennender Mormone, betrieb das Missionieren in Frankreich sehr erfolgreich. «Das gesetzte Ziel der Missionsleitung von 100 Taufen übertraf er. Unter seiner Führung liessen sich gar über 200 Menschen taufen», erinnert sich Eckart. Die Leiter der Mission und seine Mitarbeiter hätten ihn denn auch als ehrgeizige Person erlebt. Dem Aufenthalt hat der ehemalige Gouverneur von Massachusetts seine ausgezeichneten Französischkenntnisse zu verdanken.

Während ihrer zweijährigen Missionarszeit führen junge Mormonen ein asketisches Leben. Bücher – ausser ihren Heiligen Schriften –, Zeitungen, Fernsehen und Musik sind strikte untersagt. Im Falle von Mitt Romney wusste dieser auch einmal aus der Reihe zu tanzen. «Nämlich, als er trotz Verbot ein Kino besuchte», erzählt Eckart mit einem Schmunzeln. «Und er konnte zwischendurch auch einmal geniessen. Dann gingen wir in den damals exklusiven Renault-Pub in Paris ein Eis essen oder Ball spielen im Park.»

In der Schweiz leben etwa zwischen 4000 und 5000 aktive Mormonen, die in Gemeinden und Pfählern (Bistümer) organisiert sind. Im bernischen Zollikofen steht der erste in Europa errichtete Tempel. Darin finden Taufen und Eheschliessungen statt. Aussenstehenden und «nicht sittsamen» Mormonen bleibt er aber verschlossen. Die Glaubensgemeinschaft sagt von sich, als Einzige im Besitz des Evangeliums zu sein. Auch ist Jesus ihr zufolge nicht gestorben wie bei den grossen christlichen Kirchen.

Für die Mormonen in der Schweiz ist Mitt Romney ein Hoffnungsträger. Nur schon seine Zugehörigkeit könnte zur «Imageverbesserung» beitragen, wie Ronald Eckart sagt. Diese ist laut dem Luzerner Religionswissenschafter Martin Baumann zwar möglich. «Weitergehende Effekte wie einen deutlichen Mitgliederzuwachs sehe ich nicht.» Die Gemeinden seien während der Kandidatur vielleicht kurz ins Rampenlicht des Medieninteresses gerückt worden. Für Eckart bleiben die Begegnungen mit Mitt Romney auch so unvergesslich. «Ich vermute aber, dass er sich nicht mehr an mich erinnern kann», sagt er.

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