Nach dem britischen Abhör-Skandal spricht der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier erstmals über das wahre Ausmass der medialen Angriffe, denen er in England ausgesetzt war. Der Auslöser der Treibjagd war die Fussball-EM 2004 in Portugal. Beim Match England gegen Portugal hatte Meier den Engländern ein Tor aberkannt, sie schieden aus. Er geriet massiv unter Druck und war tagelang auf den Titelseiten der Murdoch-Zeitung «The Sun». Britische Journalisten reisten ihm bis in die Schweiz nach, um sein Privatleben zu durchleuchten. Heute sagt Meier: «Es würde mich nicht überraschen, wenn sie auch mein Telefon abgehört hätten.»

Herr Meier, Sie haben erlebt, wie britische Boulevard-Journalisten vorgehen. Ihre Reaktion auf den Abhör-Skandal in England?
Urs Meier: Die englischen Medien gehen grundsätzlich sehr weit. Das ist für sie völlig normal. Aber jetzt wurde sogar für englische Verhältnisse das Limit überschritten. Es ist eine Sphäre erreicht, die bei den Betroffenen nur noch Angst- und Ohnmachtsgefühle auslöst.

Wie weit sind die britischen Medien in Ihrem Fall gegangen?
Man hat unheimlich tief gegraben. Sie haben alles versucht, um mir irgendetwas anzuhängen. Zum Glück gab es nichts zu finden. Wenn nur irgendetwas gewesen wäre, ein kleiner schwarzer Punkt, dann hätte das eine Tragweite entwickelt, die vieles hätte zerstören können. Und es wäre eine Legitimation gewesen für jemanden, der am Durchdrehen war, nach dem Motto: «Jetzt ist alles klar.» Man gerät in eine Mühle, die unglaublich ist.

Konkret?
Britische Journalisten haben in Portugal recherchiert, ob ich dort eine Ferienwohnung oder ein Haus besitze. Sie wollten mir nachweisen, dass ich mal Geld genommen habe oder korrupt war. Meiner Ex-Frau haben sie 30000 Pfund geboten, weil sie eine Story machen und mich in die Pfanne hauen wollten. Meinem damals 14-jährigen Sohn haben sie auf dem Schulweg abgepasst. Sie wollten wissen, von welcher englischen Mannschaft er Fan sei. Wenn er über seinen Vater rede, würden sie organisieren, dass er zu einem Spiel seiner Lieblingsmannschaft gegen Manchester United eingeladen werde.

Haben Sie Hinweise, dass Ihr Telefon abgehört wurde?
Es würde mich nicht überraschen, wenn sie auch das gemacht hätten. Sie haben ihr volles Geschütz auf mich gerichtet.

Dazu gehörte auch, dass das Murdoch-Blatt «The Sun» Ihre E-Mail-Adresse in der Zeitung publizierte. Darauf haben Sie 16000 Hassbotschaften bekommen.
16000 Mails waren es morgens um 9 Uhr am Tag nach dem Match. Hätten wir mein Mail-Konto nicht vom Netz genommen, wären es weit über eine halbe Million geworden. Ich bekam massenhaft Morddrohungen.

Muss man als Schiedsrichter bei englischen Medien mit allem rechnen?
Ja. Ich war vier Tage lang auf den Titelseiten der «Sun». Die Stimmung war medial so aufgeheizt, dass sogar der damalige Premierminister Tony Blair am Tag nach dem Match öffentlich erklärte, ich hätte falsch entschieden. Britische Journalisten waren so dreist, in das Mannschaftshotel der Schiedsrichter einzudringen. Einer zeigte mir in der Hotellobby eine selbst gebastelte rote Karte: «The ‹Sun› shows the red card to the referee», die «Sun» zeigt dem Schiedsrichter die rote Karte. Zwei Fotografen schossen Bilder. Sie mussten aus dem Hotel gewiesen werden. Man hat das Hotel anschliessend von Polizisten bewachen lassen.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Die Polizei sprach von einer «seriösen Bedrohung». Man könne nicht für meine Sicherheit garantieren. Als ich in die Schweiz zurückflog, wurde ich von zwei zivilen Polizeibeamten aus dem Flugzeug geholt, bevor die anderen aussteigen konnten. Ich wurde die Treppe hinunterbegleitet und in einen abgedunkelten Wagen gebracht. Die Polizei holte mein Gepäck vom Band, dann sind wir in eine Tiefgarage in Baden AG gefahren. Dort wechselten wir den Wagen. Ich musste aus Sicherheitsgründen zehn Tage an einem geheimen Ort abtauchen.

Britische Journalisten haben Sie später an Ihrem Wohnort aufgespürt und auf dem Nachbargrundstück eine englische Flagge deponiert.
Sie wollten eine 60 auf 90 Meter grosse Fahne auf das Dach meines Geschäftshauses legen. Im Zweiten Weltkrieg war das eine Methode, damit die Bomber ihre Ziele fanden. Man hat auch mein Wohnhaus und mein Auto fotografiert. Es war leicht zu identifizieren, wo ich wohne. Man hätte vorbeikommen können, um mit mir abzurechnen. Die Gemeindepräsidentin hat sofort reagiert und zwei bewaffnete Sicherheitsleute aufgeboten, die das Grundstück, mein Geschäft und meine Mitarbeiter rund um die Uhr bewachten und beschützten.

Haben Sie Anzeige gegen britische Medien eingereicht?
Das habe ich geprüft. Ich habe mir in England einen Anwalt genommen und dafür aus der eigenen Kasse etwa 4000 Pfund bezahlt. Die Uefa hat sich nicht beteiligt. Mein Anwalt sagte mir, ich solle eine Klage lieber bleiben lassen. Ich hätte kaum Chancen gegen die britischen Medienkonzerne. Ich habe dann noch geschaut, ob die Uefa zusammen mit mir etwas unternimmt. Sie haben aber ebenfalls gesagt, das habe zu wenig Erfolgsaussichten. Die Uefa hat dann der «Sun» und anderen britischen Medien gedroht, sie würden für wichtige Spiele an der nächsten EM die Akkreditierung verlieren. Passiert ist dann aber doch nichts. Alle hatten Angst vor der englischen Presse.

Was bedeuten die massiven Bedrohungen heute für Ihr Sicherheitsgefühl?
Ich habe fast ein halbes Jahr Angst gehabt. Wenn ich auf dem Flughafen war und hinter mir sprach jemand englisch, bin ich jedes Mal zusammengezuckt. Ich fühle mich auch heute noch nicht ganz wohl, wenn ich in eine Gruppe von Engländern gerate. Ich war seitdem auch nie mehr in England.

Bewusst?
Ich sage einfach, ich gehe dort momentan nicht hin. Es ist einfach ein Unbehagen da. Auch nach all den Jahren.

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