Am frühen Donnerstagnachmittag legten Laurent Jospin, Chef des Solarunternehmens Servipier AG, und der Architekt Arnold Dürig von der Interbau GmbH ihre geheimen Pläne erstmals auf den Tisch des Bundesamtes für Strassen (Astra). Ihr Vorhaben ist ambitiös: Sie wollen gemeinsam mit dem Ingenieur Fabrice Borer von der Revaz SA rund 750 der total 2200 Schweizer Autobahn-Kilometer mit Solarpanels überdachen – und damit in zehn bis zwanzig Jahren eine Solaranlage bauen, die etwa gleich viel Energie produziert wie das AKW Gösgen.

Das Projekt ist durchdacht, sechs Monate lang haben die drei Fachpersonen daran gearbeitet, die Pläne liegen vor (siehe Abbildung). «Der Entscheid zum Atom-Ausstieg hat eine grosse, positive Dynamik ausgelöst», sagt Jospin. «Dank dem mutigen und visionären Entscheid von Doris Leuthard sind in der Wirtschaft, bei den Unternehmen viele neue Projekte entstanden.» Kein Wunder, gehörte Energieministerin Leuthard zum kleinen Kreis, der früh über die Pläne von Jospin, Dürig und Borer informiert wurde. Ebenso wie Christophe Darbellay, der seine CVP kurzerhand als Atom-Ausstiegs-Partei umpositioniert hatte.

Das CVP-Führungsduo ist vom Autobahnprojekt begeistert. «Die Idee ist brillant, sie funktioniert, sie erlaubt es, eine neue Energiezukunft für die Schweiz zu planen – und sie kostet den Bund nichts. Er muss nur das Terrain zur Verfügung stellen», sagt Darbellay. Auch Leuthard äussert sich gegenüber dem «Sonntag» wohlwollend: «Solarzellen bei Autobahnen stören nicht so wie anderswo. Es ist eine spannende Idee, die wir im Astra anschauen. Der so produzierte Strom kann unmittelbar für die Beleuchtung der Strassen oder die Belüftung von Tunnels gebraucht werden.» Ein Problem sieht sie jedoch: «Zurzeit haben wir kein Geld dafür im Strassenbaubudget.»

Starten will das Konsortium mit einem Pilot-Kilometer im Wallis – eine Idee von Darbellay, der sich als «politischer Arm» und «Türöffner» für das Projekt einsetzt und dabei seinen Heimatkanton nie vergisst. «Ich musste die drei Unternehmer – einen Walliser, einen Jurassier und einen Freiburger – nicht lange überzeugen», sagt Darbellay.

Und auch das Astra setzt auf das Wallis. «Wir haben dem Konsortium die A9 im Unterwallis vorgeschlagen. Hier gibt es sehr viele gerade Strecken und hier hat es sehr viel Sonne», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. «Der Kilometer wäre mit Abstand die grösste Solaranlage der Schweiz», ergänzt Jospin. Ein derzeit heiss begehrter Titel: Die neusten Anwärter sind die Industriellen Werke Genf (SIG), die auf dem Messezentrum Palexpo eine Photovoltaik-Anlage installieren, die ab 2012 den Energiebedarf von 1200 Haushalten in Genf decken soll.

Der Autobahn-Kilometer dürfte mit einer jährlichen Stromproduktion von 7,7 Millionen kWh doppelt so gross werden und gut 2500 Haushalten den Jahresbedarf an Strom liefern. «Angesichts des technischen Fortschritts werden die später erbauten Kilometer noch effizienter, noch besser», sagt Jospin. «Deshalb ist es durchaus realistisch, dass wir mit der ganzen Anlage so viel Strom produzieren können wie ein grosses Schweizer AKW.»

Wohlwollend wurde das Projekt im Astra aufgenommen. «Sie haben uns nur gebeten, in Bezug auf Sicherheitsnormen ein paar Korrekturen anzubringen», erklärt Architekt Dürig nach der Sitzung vom Donnerstag. «Das werden wir tun, das ist kein Problem.» Der Pilotversuch habe gute Chancen, ergänzt Astra-Sprecher Rohrbach. «Wir sind sehr gespannt, freuen uns, legen ihm keine Steine in den Weg. Unsere Türen sind offen. Wir unterstützen das Pilotprojekt im Rahmen unserer Möglichkeiten.»

Uneinigkeit gibts derzeit in Bezug auf den Zeitplan: Das Konsortium möchte spätestens in 18 Monaten mit dem Bau des Pilot-Kilometers beginnen, wie Jospin betont. Das Astra hingegen rechnet mit einer Bewilligungsprozedur von 5 bis 7 Jahren.

«Das dauert viel zu lange», sagt Jospin. «Auch andere Länder haben Autobahnen und werden auf die gleiche Idee kommen. Wenn die Schweiz hier führend sein will, muss sie die Erste sein. Dann haben wir auch die Chance, unsere innovative Technologie zu exportieren.» Eine Beurteilung, die das Astra teilt. In den USA gebe es bereits Pilotversuche mit Solar-Deckbelägen, die Strom produzierten, sagt Rohrbach.

Die Finanzierung für den Pilot-Kilometer ist jedenfalls bereits gesichert: «Wir haben private Investoren», sagt Jospin. «Der Bund muss nur den Strassenabschnitt zur Verfügung stellen.» Das Konsortium rechnet mit Baukosten von rund 20 Millionen Franken pro Kilometer. Für die ganzen 750 Kilometer brauchte es also 15 Milliarden Franken.

Das härteste Argument gegen Sonnenenergie ist heute der Preis: Die Produktion einer Solar-Kilowattstunde kostet heute etwa 50 Rappen, die einer Atom-Kilowattstunde rund zehnmal weniger. Jospin lässt dieses Argument nicht gelten: Erstens würde der Atomstrom mit den neuen Sicherheitsvorkehrungen teurer, und zweitens werde der Solarstrom günstiger. Beim Autobahn-Projekt jedenfalls wären die Kosten deutlich tiefer. «Wir rechnen mit ungefähr 22 Rappen pro Kilowattstunde.» Angesichts der zu erwartenden Skaleneffekte dürfte der Preis gemäss Jospin sogar noch fallen, auf 10 bis 12 Rappen.

Nebst der Energiegewinnung biete das Autobahn-Projekt noch andere Vorteile, ergänzt Dürig. Der Strassenunterhalt werde vereinfacht, es gebe dank des Solardachs weniger Schnee auf der Fahrbahn. Zudem könnten die Pfosten des Solardachs als Stützen für Lärmschutzwände gebraucht werden. «Das sind positive Nebeneffekte», so Dürig.

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