Als die Grossbank UBS im April die Zahlen für das abgelaufene erste Quartal präsentierte, strich sie vor allem eine Kernziffer heraus: die Eigenkapitalquote von 17,9 Prozent. Zusammen mit der Credit Suisse, die eine Quote von 18,2 Prozent auswies, gehören die Schweizer Grossbanken zu den mit Abstand bestkapitalisierten Grossbanken der Welt. Sie liegen deutlich vor italienischen, deutschen und britischen Grossbanken, die auf Quoten zwischen 9,2 (Intesa) und 13,5 Prozent (Barclays, RBS) kommen.

Doch diesen Spitzenplatz halten die Schweizer Grossbanken nur bei der Tier-1-Quote, die auf Modellrechnungen basiert und einen entsprechend grossen Ermessensspielraum bieten. Nimmt man andere Kennzahlen, zeigt sich ein deutlich schlechteres Bild: Bei der Leverage Ratio, welche die absolute Grösse der Bilanz ins Verhältnis zum Eigenkapital setzt, kommt die UBS auf lediglich 2,5 Prozent. Diese Zahl bedeutet, dass auf jeden eigenen Franken 40 Franken Schulden kommen. Bei der Credit Suisse liegt diese Quote nur leicht höher.

Die Schweizer Grossbanken belegen damit im europäischen Vergleich die hintersten Ränge. Lediglich die Deutsche Bank (1,7 Prozent) und Credit Agricole (1,8 Prozent) haben noch tiefere Werte. Doch auch diese Kenngrösse reflektiert nur ungenügend die extrem dünne Eigenkapitaldecke der Grossbanken. Denn das Kernkapital, das zur Berechnung herangezogen wird, besteht aus hartem und weichem Kernkapital. Das ist entscheidend, denn das weiche Kernkapital kann mit buchhalterischen Tricks aufgeblasen werden. So können dem weichen Kernkapital latente Steuergutschriften, hybride Kapitalinstrumente und Beteiligungen zugerechnet werden. Das Problem ist jedoch, dass dieses Kapital im Krisenfall keine oder nur bedingt Verluste absorbieren kann.

Das harte Kernkapital dagegen besteht aus einbezahltem Aktienkapital und zurückbehaltenen Gewinnen. Nimmt man dieses harte Kernkapital zum Massstab, fällt die Leverage Ratio bei UBS und CS plötzlich auf unter 2 Prozent. Das ist alarmierend: Es braucht lediglich einen Verlust um weniger als 2 Prozent bei den Aktiven, und schon ist das gesamte Eigenkapital der Bank ausgelöscht.

Das zeigt: Die Grossbanken sind auch nach der Krise notorisch unterkapitalisiert. Obwohl sie ihre Bilanz massiv zurückgefahren haben, bleibt ihr Verschuldungsgrad auf ähnlich hohem Niveau wie in den Boomzeiten zwischen 2004 und 2007. Trotzdem wird UBS-Chef Oswald Grübel nicht müde, die geplanten Eigenkapitalvorschriften der Schweizer Regierung als zu hoch zu kritisieren. Insbesondere stört sich die Bank an der Hektik, mit der der Bundesrat die Vorschriften einführen will. Darüber wird der Ständerat am kommenden Dienstag debattieren.

Es sei weit und breit keine neue Krise in Sicht, welche die UBS wieder unter den Schutzschirm des Staates treiben würde, behauptet die Bank. Forsch ging Grübel höhere Marktrisiken ein und hat den Value at Risk in der Investmentbank in den letzten vier Quartalen um über 50 Prozent erhöht.

Doch der Markt scheint diese Ansicht nicht zu teilen. Die Versicherungsprämien, die Anleger kaufen, um ihre UBS-Obligationen gegen den Totalausfall zu abzusichern, befinden sich nach wie vor auf sehr hohem Niveau. Von einem Rückgang auf Vorkrisenniveau kann keine Rede sein.

Die Schuldenkrise in Griechenland hängt wie ein Damoklesschwert über dem weltweiten Finanzsystem. Zwar hat die UBS kaum griechische Schulden auf der Bilanz. Doch von den Schockwellen, die von einem so genannten Default Griechenlands ausgehen würden, würde sie als global vernetzte Bank trotzdem nicht verschont bleiben.

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