Hunderttausend Menschen feiern in Zürich mit Feuerwerk und Champagner das neue Jahr. Doch für Ralf Tanner* gibt es nichts zu feiern. Am Neujahrstag meldet er sich bei der Zürcher Kantonspolizei: Dort gesteht der 39-jährige Informatiker, dass er die Kontodaten von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand geklaut hat. Die Kontoauszüge sollten beweisen, dass der oberste Banker der Schweiz illegale Währungsgeschäfte betreibt.

Nach seinem Gang zur Polizei folgt das zweite Geständnis. Bei der Bank Sarasin, wo er seit 2007 arbeitet und die Kollektivunterschrift besitzt, beichtet er sein Vergehen. Nach dem Gespräch wird er fristlos entlassen.

Ralf Tanner steht arbeitslos auf der Strasse. Die Justiz im Nacken, die gegen ihn wegen möglichen Verstosses gegen das Bankgeheimnis ermittelt. Zu viel für den Whistleblower. Er bricht zusammen, ist physisch und psychisch am Ende. Sein Zustand ist so gravierend, dass er im Kanton Thurgau in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird. Dies bestätigen drei unabhängige Quellen gegenüber dem «Sonntag»

In der Klinik bekommt er Mitte Woche Besuch von der Justiz. Danach findet an seinem Wohnort im Thurgau eine Hausdurchsuchung statt. Ob und wie lange er in der Klinik bleiben muss, ist nicht bekannt. Er brauche absolute Ruhe, heisst es. Sogar sein ehemaliger Schulkollege, der Thurgauer SVP-Kantonsrat Hermann Lei, hat seit ein paar Tagen keinen Kontakt mehr zu ihm.

Lei ist der Mann, der dafür sorgte, dass die geklauten Daten zu seinem Parteikollegen Christoph Blocher kamen. Der wiederum informierte im Dezember die damalige Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey.

Der Zusammenbruch ist für Lei-Anwalt Valentin Landmann keine Überraschung: «Ein Whistleblower kann sich im Voraus kaum vorstellen, was für ein Desaster da über einen reinbrechen kann». «Der Sonntag» zeigt auf, wie sich das «Desaster» bei Ralf Tanner wochenlang aufbaute, bis er unter dessen Last zusammenbricht.

Der Druck auf den Informatiker ist seit seinem Datenklau enorm. Am 15. November hat er die mit einem Foto ab Bildschirm festgehaltenen Kontoauszüge SVP-Kantonsrat Lei präsentiert. «Ich habe bei dem Treffen gemerkt, dass er aus tiefer Gewissensnot handelt. Das hat er mir in unseren Gesprächen eindrücklich geschildert» , sagt Lei. Der SVP-Hardliner schlägt dem Whistleblower ein Treffen mit Christoph Blocher vor. Doch bis es so weit kommt, vergehen wieder endlos lange Wochen.

Ralf Tanner muss als «Verräter» tagtäglich weiter bei der Bank arbeiten. Das ist Stress pur. «Er hat in der Druckzeit diverse Ideen gehabt und war sehr schwankend», beschreibt Lei die Gemütsstimmung seines Freundes. Am 3. Dezember kommt es dann zum geheimen Treffen mit Blocher. «Herr T. hat die Bankauszüge präsentiert, aber nicht an Herrn Blocher ausgehändigt. Das passierte erst später», sagt Landmann.

Dann, kurz vor Weihnachten, der vermeintliche Durchbruch: Nachdem Blocher in Bern vorstellig geworden ist, klärt man den Fall ab. Am 23. Dezember publiziert der Bankrat eine Pressemitteilung. Darin wird dem Nationalbank-Direktor Hildebrand ein Persilschein ausgestellt. Die Mitteilung stösst öffentlich auf wenig Interesse. Die Medien recherchieren nicht gross. Sie arbeiten an den Festtagen auf Sparflamme.

War alles umsonst, fragt sich Tanner? Für ihn bricht eine Welt zusammen. In seiner Verzweiflung wendet er sich an die Boulevard-Medien. Ein Treffen an Heiligabend gerät zum Fiasko. Dem Datenklauer bleibt sein Auto auf der Autobahn stehen – wegen Benzinmangels. Am Treffen verhält er sich eigenartig. Die Boulevardzeitung bringt keinen Artikel. Jetzt sieht sich der Whistleblower von allen Seiten verlassen, kommt immer mehr unter Druck. Die vermeintlichen Enthüllungen der «Weltwoche», in der er als Hauptzeuge vorkommt, schützen ihn nicht vor dem Zusammenbruch.

Als die «Weltwoche» an den Kiosk kommt, ist ihr Hauptzeuge, mit dem sie nie persönlich gesprochen hat, bereits in der Klinik. Kommt dazu: Tanner, der schon früher mit seiner Psyche Probleme hatte, ist zudem als Zeuge nicht über alle Zweifel erhaben. Das müsste zumindest SVP-Lei als Mitspieler in der Affäre bekannt sein.

Mitgefühl erhält der Whistleblower von unerwarteter Seite: Nationalbankdirektor Hildebrand nimmt ihn an der Pressekonferenz in Schutz. Das fiel ihm allerdings nicht schwer. Er wusste, dass Tanner gesundheitlich angeschlagen ist und bei der Bank Sarasin und bei der Justiz detailliert auspackte. Das erklärt auch Hildebrands Aussage, er wisse erst seit zwei Tagen viel mehr. An der Pressekonferenz hat Bankrat-Präsident Hansueli Raggenbass dann gezielt SVP-Hardliner Hermann Lei als Mitwisser in der Affäre geoutet und somit das Bindeglied zu Blocher offengelegt.

Wie immer die Affäre ausgeht: Ob der oberste Banker doch noch in den Abgrund stürzt, Blocher und die «Weltwoche» Blessuren davontragen, Sieger wird es nur einen geben – die Winterhilfe. Hildebrand hat den dubiosen Dollar-Gewinn der Berghilfe gespendet.

* Name von der Redaktion geändert.

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