VON NADJA PASTEGA UND PIRMIN KRAMER

Die Gefangenen in Lenzburg profitieren von einem Luxus, den sich mancher Bürger in Freiheit nicht leisten kann: Sie empfangen in ihren Zellen digitales Fernsehen. So können sie beste Bild- und Tonqualität geniessen. 60 Prozent der Geräte seien digital versorgt und 40 Prozent analog, bestätigt Gefängnisdirektor Marcel Ruf. Das entspricht 100 Geräten im analogen Betrieb und 150 Digital-Fernsehern. Bereits 2008 wurden neue Flachbildschirme angeschafft für 220 Franken pro Stück. Jetzt kommen weitere Geräte hinzu, die sogar einen Steckplatz für eine Digicard haben – laut Cablecom «eine Technologie auf dem allerneuesten Stand der Technik».

Die Insassen in Lenzburg müssen sich vor Langeweile nicht fürchten. Denn das digitale Grundangebot «Mini» von Cablecom umfasst 55 Sender – das ist mehr als in den anderen grossen Strafanstalten: In Champ-Dollon GE können die Häftlinge 46 Sender empfangen, im Frauengefängnis Hindelbank 39, in Pöschwies ZH 36, im Berner Thorberg 30. Die offene Strafvollzugsanstalt Witzwil hat 29 im Angebot. Im Gegensatz zu Lenzburg sind die Geräte in diesen Gefängnissen auch nicht Digicard-fähig. Die Miete eines Fernsehers kostet rund 20 bis 30 Franken monatlich.

«Neue Geräte mussten beschafft werden, da wir ab dem 1. Februar 2011 von 170 auf 310 Zellenplätze erweitern», sagt Gefängnisdirektor Ruf. «Es wäre fahrlässig, veraltete Geräte anzuschaffen, da mit dem Abschalten des analogen Netzes diese nicht mehr zu gebrauchen wären.» Laut Cablecom ist aber noch unklar, wann das analoge Netz aufgegeben wird. Ruf nennt auch einen Sicherheitsaspekt als Grund für die Beschaffung der neuen Fernseher. Die Geräte würden dank den kurzen Kabeln den getroffenen Massnahmen zur Suizidprävention in den Aargauer Gefängnissen entsprechen. Die Staatskasse werde nicht belastet, so Ruf: «Die Fernsehgeräte werden durch die zur Fernsehbeschaffung ins Leben gerufene Stiftung finanziert.»

Fernsehen im Knast – das wollte Andreas Glarner, SVP-Grossrat des Kantons Aargau, vor rund eineinhalb Jahren verbieten. Der Regierungsrat lehnte sein Postulat ab, unter anderem mit der Begründung, «dass solche Angebote wesentlich zur Beruhigung des Anstaltalltags beitragen». Bruno Gross, der stellvertretende Direktor der Anstalten Witzwil BE, findet ein TV-Verbot nicht sinnvoll: «Eine Aufgabe des offenen Strafvollzuges ist es, die Gefangenen auf die Wiedereingliederung vorzubereiten. Daher erachten wir es als sinnvoll, dass sich die Gefangenen per Fernseher über das Leben ausserhalb informieren können.»

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli hat das Gefängnis in Witzwil besucht. «Müssten die Häftlinge in ihrer Zelle ausharren ohne Fernsehen, besteht die Gefahr, dass die Aggressionen gegenüber dem Vollzugspersonal zunehmen würden.» Rickli findet allerdings, dass man den Gefangenen Sex- und Crime-Sendungen verbieten sollte, da sie oftmals deswegen im Gefängnis sitzen würden. «Ich kann damit leben, dass Gefangene einen Fernseher in ihrer Zelle haben – sofern sie 462 Franken Billag-Gebühren bezahlen, wie alle anderen Bürger auch.» Tatsächlich unterstehen nur die Vollzugsanstalten der Meldepflicht; die Insassen hingegen müssen keine direkten Gebühren bezahlen, wie die Billag auf Anfrage bestätigt.

Weit weniger luxuriös als in Schweizer Gefängnissen ist das Fernsehangebot im Ausland. In den meisten Bundesländern Deutschlands gibt es in den Zellen nur zu sehen, was mit der Zimmer-Antenne empfangen werden kann. Gar in die Pedale treten lässt US-Sheriff Joe Apraio seine weiblichen Gefangenen im Gefängnis von Maricopa in Arizona. Der Bildschirm springt erst an, wenn die Gefangenen durch ihre Muskelkraft die elektrische Spannung von zwölf Volt erzeugt haben. Ausserdem schränkt er die TV-Programme ein: Die Insassen haben nur die Wahl zwischen Wetterkanal, Kochsendungen und Parlamentsübertragungen.

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