Frau Brumann, Ihre Reaktion auf die Flucht von Mörder Jean-Louis B.?
Jeannette Brumann: Ich war schockiert. Und ich bin es immer noch.

Über was genau?
Ich habe nicht gewusst, dass im Massnahmenvollzug jemand aus humanitären Gründen rausgelassen wird. Das habe ich noch nie gehört. Wie kann man mit jemandem spazieren gehen, der eigentlich lebenslänglich hat? Da stimmt doch etwas im System nicht.

Man hätte Jean-Louis B. nie rauslassen sollen?
Er hat seine Strafe abzusitzen, und daran gibt es nichts zu rütteln. Er ist und bleibt doch eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Hier wurden alle vernünftigen Grundsätze auf den Kopf gestellt.

Warum?
Weil es Verantwortliche gibt, die völlig weltfremd und blauäugig entscheiden. Es sind Leute in entscheidenden Positionen am Ruder, die nur noch das Gute sehen. Diese Leute sind nicht ganz bei Sinnen.

Wie beurteilen Sie, wie die Behörden in diesem Fall reagieren und kommunizieren?
Ich habe den Eindruck, der Kanton Bern weiss gar nicht, was hier von wem vollzogen wurde. Den Angehörigen seiner Opfer müsste doch jede Vollzugsänderung bekannt gegeben werden. Das ist nicht passiert. Die Leute, die das entschieden haben, müssen zu ihrer Verantwortung stehen.

Das geschieht nur teilweise.
Das war schon bei uns so. Da kann ich 1 zu 1 Parallelen ziehen. Auch bei uns hiess es: Alles lief korrekt ab, niemand ist schuld. Niemand übernahm die Verantwortung für den Tod unserer Tochter. Und auch jetzt musste wieder zuerst etwas passieren, bevor es einen Aufschrei im Volk gab.

Wo sehen Sie das Grundproblem?
Beim Kantönligeist. Zürich ist viel strenger als andere Kantone. Das hat mit dem Tod von Pasqui zu tun. Aber eigentlich bräuchte es doch eine gesamtschweizerische Regelung. Es kann doch nicht jeder Kanton tun und lassen, was er will. Das ist ein Systemfehler, wie er schon damals in Zürich vorlag. Jeder Kanton hat doch eine andere Auffassung von den Abläufen und interpretiert sie anders.

Das ist ein Aufruf an Justizministerin Simonetta Sommaruga.
Richtig. Es müssen jetzt alle Verantwortlichen über die Bücher gehen – in den Kantonen, aber vor allem auch beim Bund. Das ist ein Thema, das auf der Ebene der Regierung gelöst wer-
den muss.

Im Departement heisst es, das sei Sache der Kantone und man warte auf politische Vorstösse.
Es ist das ewige Lied! Jeder weist die Verantwortung von sich. Es wäre nun wirklich am Bundesrat, eine Vereinheitlichung zu verordnen. Solange man nur auf Vorstösse wartet, wird wieder nichts passieren. Auch wenn er jetzt verhaftet ist: Die Probleme bleiben ja dieselben.

Hat sich nach dem Tod Ihrer Tochter im Schweizer Justizsystem wirklich etwas geändert?
In Zürich letztlich schon, aber sonst kommt es mir vor, als wäre bald 20 Jahre nach Pasquis Tod wieder eine Softie-Welle ausgebrochen.

Dagegen kämpfen Sie weiter an?
Selbstverständlich. Der Kampf hat sich auch schon gelohnt. Wenn ich mich nicht gewehrt hätte, wäre vielleicht noch mehr passiert.

Ihre Hoffnung für die Zukunft?
Dass diese Lücken, die sich in diesem neusten Fall wieder gezeigt haben, endlich geschlossen werden – und zwar gesamtschweizerisch. Jetzt ist man gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen. Aber wie sieht es beim nächsten Mal aus? Leider wird es wieder einen solchen Fall geben.

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