Herr Vincenz, ist es richtig, dass Oswald Grübel als UBS-Chef zurücktritt?
Pierin Vincenz: Der Rücktritt kommt nicht wirklich überraschend. In schwierigen Zeiten braucht es solche Befreiungsschläge.

Die Banken stehen am Pranger, das sah man diese Woche auch im Parlament. Müssen Sie sich für Ihren Beruf entschuldigen?
Nein, zumindest bei Raiffeisen sehe ich keinen Bedarf und unsere Mitarbeiter sind hoch motiviert. Ich kann aber nachvollziehen, dass viele Politiker das Vertrauen verloren haben, nachdem eine Bank trotz Staatshilfe riesige Boni gezahlt und aggressive Vehikel zum Steuersparen propagiert hat…

... Sie sprechen von der UBS.
Diese Geschichte hat im Parlament vieles ausgelöst. Die Politiker sagen sich: «Jetzt isch gnueg Heu dune.» Vielleicht sollte sich die Grossbankenwelt bei der Politik zu einem Dankeschön durchringen. Vielleicht auch zu einer Entschuldigung. Denn die Politik musste wiederholt und in kurzer Zeit helfen, damit der Finanzplatz keinen Schaden erleidet.

Beide Grossbanken stecken in Schwierigkeiten: die CS in den USA, die UBS mit ihrem 2-Milliarden-Zockerskandal.
Als ich vom 2-Milliarden-Verlust hörte, hat mir die UBS leidgetan. Dass ein einzelner Banker einen solchen Schaden verursachen kann, ist unglaublich. Ich mache mir zurzeit schon Sorgen um den Finanzplatz. Wir sind alle Kinder dieses Finanzplatzes.

Letztlich profitieren Sie doch von den Imageproblemen der Grossbanken und spielen diese Karte auch geschickt aus.
Sicher haben die Turbulenzen bei den Grossbanken dazu geführt, dass Kunden zu uns wechselten. Diese bleiben auch, das stellen wir heute fest – denn unser Geschäftsmodell sagt ihnen zu. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für andere inlandorientierte Banken. Ich meine, diese Banken sollten jetzt vermehrt die Führung übernehmen und sich politisch Gehör verschaffen.

Raiffeisen, Kantonal- und Regionalbanken sollten ihre Interessen in der Politik stärker einbringen?
Ja. Die inlandorientierten Banken sollten visibler werden und ihre Interessen akzentuiert vertreten. In Bern befasst man sich heute fast nur mit den Grossbanken, und logischerweise gibt es da unterschiedliche Interessen.

Sind Sie denn nicht zufrieden mit den Rahmenbedingungen?
Bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 wurde die Bankbranche dereguliert, und es gab den Trend zu mehr Risiko. Jetzt schlägt das Pendel zurück und dabei wird übertrieben: Man sieht nur noch überall die Risiken und reguliert im Übermass. Politik und Behörden erkennen nirgends mehr Chancen, nur noch Gefahren. Langsam muss man sagen: Stop it. Wenn das so weitergeht, können wir nicht mehr unternehmerisch tätig sein – mit verheerenden Folgen für kleine Unternehmen, auch für Jungunternehmen, die nicht mehr zu Krediten kommen.

Was plagt Sie denn konkret?
Es gibt immer mehr Vorschriften in der Anlageberatung, in der Kreditabwicklung, in der Kundenidentifikation. Viele kleine, mühsame Papiertiger. Die Gefahr ist, dass die Geschäfte überall standardisiert werden und genau gleich ablaufen. Wir leben von den Kompetenzen vor Ort, unsere Banken entscheiden dezentral. Wir können so die KMU individuell behandeln.

Der Grund ist klar: Der Staat traut den Banken – aufgrund von Erfahrungen – nicht mehr zu, die Risiken selber zu managen.
Sicher. Und die Regulatoren sind selber unter Druck, weil sie die Finanzkrise nicht verhindern konnten. Inzwischen hat die Finanzmarktaufsicht aufgerüstet, sie reguliert wie wild und gaukelt Sicherheit vor, wo es keine absolute Sicherheit geben kann. Nicht mehr der Markt soll ein Problem lösen, sondern die Regulierung. Es muss doch möglich sein, dass eine Bank, die sich strategisch völlig falsch positioniert, vom Markt verschwindet. Heute aber würde der Staat solche Banken retten, sie dürfen nicht Konkurs gehen. Das ist Planwirtschaft.

UBS und CS, die als systemrelevant gelten, würden auch heute vom Staat gerettet?
Sie haben eine implizite Staatsgarantie und das ist eine gewaltige Wettbewerbsverzerrung. Ich plädiere dafür, dass die Banken kleiner werden und nur noch so gross sind, dass sie im äussersten Fall verschwinden könnten, ohne dass der Staat sie retten muss. Es sind heute zu grosse und zu vernetzte Gebilde, man muss sie reduzieren.

Sie wollen unsere Grossbanken zerschlagen?
Wenn die Grösse von Banken weltweit, quasi als Paradigma, bedeutet, dass diese Banken nicht konkursgehen können, dann muss man sie aufteilen. Sonst sollen sie gleich ganz verstaatlicht werden, das wäre wenigstens ehrlich. Es geht nicht an, dass diese Banken – wie es heute der Fall ist – einen staatlichen Rettungsring mit sich tragen, denn dieser führt zu einer Wettbewerbsverzerrung und dazu, dass falsche Risiken eingegangen werden. Das ist einer Branche nicht würdig, die die Aufgabe hat, die Wirtschaft mit Krediten zu versorgen.

Könnte man denn die heutigen Grossbanken notfalls nicht geordnet in den Konkurs führen?
Dazu müsste man eben die entsprechenden Firmenstrukturen schaffen. Das ginge durchaus. Aber es wird sehr viel Druck gemacht und es wird gesagt: Uns kann man nicht aufteilen, das ist zu komplex. Ich meine, das wäre machbar. Wenn es den Menschen gelungen ist, auf den Mond zu fliegen, sollte es auch möglich sein, dass man die Grossbanken in die neue Finanzwelt überführt. Zumindest ein bisschen zielt die geplante «Too big to fail»-Regelung in diese Richtung.

Raiffeisen ist gemäss der Expertenkommission des Bundes zwar nicht systemrelevant, aber als drittgrösste Bank der Schweiz ist auch sie ein Klumpenrisiko für die Schweiz. Haben Sie keine schlaflosen Nächte?
Ich schlafe sehr gut und träume auch gern (lacht). Wir haben sicher eine gewisse Grösse, bestehen letztlich aber aus 330 KMU-Banken, die selbstständige Genossenschaften sind. Wir sind kein grosser Koloss und nicht systemrelevant. Im Krisenfall wäre ein geordnetes Verfahren möglich.

Angenommen, die Immobilienpreise stürzen ab und die Hypozinsen steigen. Dann könnte das bei Ihren Genossenschaften einen Dominoeffekt geben.
Eine einzelne Bank kann nicht verschwinden, sie würde von der Raiffeisen-Gruppe aufgenommen.

Eben: Es trifft dann alle, es kommt zur Kettenreaktion.
Unsere dezentrale Struktur macht einen Dominoeffekt praktisch unmöglich. Wir sind ähnlich aufgebaut wie die Schweiz. Solange sich unser Land gesund entwickelt, entwickeln auch wir uns gesund. Die Perspektiven sind gut: Langfristig bauen wir an einem Land mit 10 Millionen Einwohnern. Da besteht ein Riesenpotenzial.

Dieser Boom führt aber auch zu massiv steigenden Immobilienpreisen. Haben wir schon eine Blase?
An exponierten Orten gibt es Risiken, allerdings haben diese Lagen wenig mit dem Schweizer Immobilienmarkt zu tun – es ist vielmehr eine Art Kunstmarkt: Da werden Fantasiepreise für Liebhaberobjekte bezahlt. Das ist nicht unsere Kundschaft. Bei uns beträgt die Durchschnittshypothek 400000 Franken.

Bei den Hypotheken gilt Raiffeisen als sehr aggressiv. Ihre Preisbrecher Strategie könnte sich rächen, wenn die Zinsen steigen.
Wir haben keine solche Strategie. Bei den Hypotheken sehen wir aus mehreren Gründen ein starkes Wachstum: Zuwanderung, Trend zu Wohneigentum, tiefes Zinsniveau. Unsere Bank hat heute in vielen Boomregionen, etwa Zürich und Aargau, einen relativ kleinen Marktanteil – und somit ein grosses Potenzial. Weil sich die Grossbanken zunehmend aus dem Retailgeschäft zurückziehen, legen wir dort zu.

Bekommt man bei Raiffeisen nicht allzu leicht eine Hypothek?
Wir haben 1150 Bankstellen, die nahe bei den Kunden sind und die vor Ort über die Kreditvergabe entscheiden. Das ist viel weniger riskant, als wenn eine Zentrale weit weg über einen Kredit entscheidet. Wir kennen die Kunden und die regionalen Marktbedingungen.

Die Zinswende wurde verschoben, aber irgendwann wird sie kommen. Wann steigen die Hypozinsen?
Schaut man die Weltwirtschaft an, die Schuldenkrise, den starken Franken, das abgeschwächte Wachstum, so spricht das für ein anhaltend tiefes Zinsniveau. Wir sehen keinerlei Anzeichen für höhere Zinsen.

Für etwa zehn Schweizer Banken, die im Visier der US-Justiz stehen, liegt ein grosses Risiko im grenzüberschreitenden Geschäft. Haben Sie eigentlich auch amerikanische Kunden?
Sie machen weniger als 0,5 Prozent unseres Geschäfts aus. Wir versuchten schon immer, sicherzustellen, dass wir diese Kunden nicht anziehen. Unsere allgemeinen Geschäftsbedingungen gibts zum Beispiel nicht auf Englisch.

Sie haben bislang von den US-Behörden keinen Drohbrief erhalten?
Nein, und wenn sie anrufen würden, hätte ich eine Antwort bereit: «Wir sprechen kein Englisch.» (lacht)

Haben Sie Verständnis, dass das Parlament der CS nicht aus der Patsche helfen will und den Zusatzbericht mit den USA diese Woche verschoben hat?
Das ist für mich nachvollziehbar. Nur: Der Druck wird nicht abnehmen. Die Amerikaner wollen Daten sehen, sie wollen Geld sehen – und sie werden wohl früher oder später beides erhalten. Seit 2008 sind die Amerikaner aufgrund gewisser Machenschaften von Schweizer Bankern in einer starken Position. Der Zeitgeist ist nun mal so: Es wird zu Gruppenanfragen kommen, die OECD geht in diese Richtung – die Schweiz wird sich nicht als einziges Land der Welt dagegenstemmen können.

Das Bankgeheimnis gegenüber den USA ist durchlöchert. Das werden die Europäer genau beobachten.
An Deutschland und Grossbritannien liefert die Schweiz nur anonyme Daten. Man wird sehen, ob diese Länder nicht auch mehr wollen, wenn wir den Amerikanern konkrete Kundendaten übermitteln. Wir müssen das Augenmerk darauf richten, was im Inland geschieht: Kratzen wir auch hier an der Privatsphäre, gewähren wir die erleichterte Amtshilfe bei Steuerhinterziehung?

Der Präsident der kantonalen Finanzdirektorenkonferenz, Christian Wanner, möchte gleich lange Spiesse wie andere Länder.
Auch im Inland gerät das Bankkundengeheimnis unter Druck. Leider. Ich meine, wir müssen Gegensteuer geben und die Privatsphäre der Schweizer noch besser schützen. Wir haben eine Kultur der Steuerehrlichkeit und zugleich der Diskretion. Schon heute können wir Steuerbetrug und schwere, wiederholte Steuerhinterziehung verfolgen. Das ist richtig, aber das reicht auch. Ich bin dagegen, dass der Staat mehr Kompetenzen bekommt.

Raiffeisen ist neuer Sponsor der Schweizer Fussballmeisterschaft. Wie wird die heutige Axpo Super League künftig heissen?
Die Verhandlungen laufen noch. Ich hoffe auf «Raiffeisen League».

Ohne «Super»?
Das ist ein Wort zu viel. «Raiffeisen Nationalliga» könnte ich mir auch vorstellen.

Ist Fussball für Sie das, was Formel 1 für Ex-UBS-Chef Oswald Grübel: Eine private Leidenschaft, die man dann als CEO mit Millionen unterstützt?
Ich war immerhin aktiver Fussballer bei Chur in der 2. Liga, und ich hätte es gern bis in die oberste Liga geschafft. Das gelang leider nicht, jetzt sponsern wir immerhin die Meisterschaft (lacht). Aber ich kann Ihnen versichern: Bei Raiffeisen kann nicht einer allein entscheiden.

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