VON NADJA PASTEGA

Die Schweizer Muslime fordern mehr Rechte. Sie wollen, dass der Islam den christlichen Landeskirchen gleichgestellt wird. Der brisante Vorstoss kommt von den beiden nationalen Muslim-Verbänden Kios ( Koordination Islamischer Organisationen Schweiz) und Fids (Föderation Islamischer Dachverbände der Schweiz).

«Wir gründen eine islamische Glaubensgemeinschaft, analog zu den christlichen und jüdischen Religionsgemeinschaften», bestätigt Kios-Präsident Farhad Afshar. Die islamische Tradition der Basisdemokratie soll dabei gewahrt bleiben. «Unser Ziel ist die öffentlich-rechtliche Anerkennung der muslimischen Glaubensgemeinschaft. Wir wollen den Islam als gleichwertige Religion in der Schweiz etablieren.»

Die Islamische Glaubensgemeinschaft heisst «Umma Schweiz». Umma ist der islamische Begriff für die religiöse Gemeinschaft aller Muslime.

Neu sollen auch Kirchensteuern eingezogen werden. «Bisher sind die muslimischen Vereinigungen auf Spenden von Vereinsmitgliedern angewiesen, sie sind bitterarm», so Afshar: «Jetzt wollen wir Religionsabgaben erheben. Damit verfügen wir über die Mittel, um eine religiöse Infrastruktur aufzubauen, die der bedeutenden Zahl der Muslime angemessen ist.» Konkret: In der Schweiz sollen statt «der unwürdigen Gebetsräume in Kellern und Garagen» mehr Moscheen mit «Licht und Luft» entstehen.

Setzen sich die Muslim-Verbände durch, ist der Islam die erste nicht-christliche Religion, die den Landeskirchen gleichgestellt ist. Bisher sind nur die römisch-katholische und die evangelische Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt. In einigen Kantonen gilt das auch für die christkatholische Kirche. Jüdische Gemeinden haben nur in den Kantonen Basel, Freiburg, St.Gallen, Bern, Zürich und Waadt die öffentliche Anerkennung. Die Muslime wollen sie in allen Kantonen. Dazu müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein wie eine demokratische Organisation, eine transparente Buchhaltung und die Gleichstellung von Frau und Mann.

Die Muslim-Verbände haben bereits drei Hearings durchgeführt mit der Katholischen und Reformierten Kirche und dem Israelitischen Gemeindebund der Schweiz. Jetzt wird eine Juristenkommission mit drei namhaften Staatsrechtlern und zwei islamischen Juristen eingesetzt. Sie soll ein Statut ausarbeiten, das der Bundesverfassung und den 26 kantonalen Verfassungen entspricht. Das Statut wird anschliessend den 300 Schweizer Muslim-Vereinigungen zur Vernehmlassung zugestellt.

Bereits Ende Jahr sollen Vertreter der Umma Schweiz in ein Leitungsgremium, das «religiöse Parlament» der Muslime, gewählt werden. Die Basler Muslimkommission hat sich laut Kios bereit erklärt, die «Testwahl» durchzuführen. «Das Parlament ist die religionspolitische Repräsentanz aller 400000 Muslime in der Schweiz», sagt Afshar, «es entspricht analog dem Schweizer Nationalrat.» Alle Muslime sollen ein Wahlrecht haben und sich an den Wahlen beteiligen können.

Das religiöse Parlament soll die politischen Forderungen der Muslime durchsetzen. Neben der öffentlich-rechtlichen Anerkennung des Islam gehört dazu die Einrichtung von muslimischen Friedhöfen, die staatliche Ausbildung von Imamen und die Schaffung von «islamischen Altersheimen, zumindest Altersheimen mit einer islamischen Sektion, wo die Essensvorschriften und die Gebetszeiten eingehalten werden».

Man habe den Islamverbänden stets vorgeworfen, dass sie sich in der aktuellen Islam-Debatte nicht äussern. Dafür habe aber das Mandat gefehlt, so Kios-Präsident Afshar. Das werde sich künftig ändern: «Wir werden Wahlempfehlungen abgeben und sicher zu einem politischen Faktor werden. Mit der Umma Schweiz haben wir die Legitimation, für alle Muslime zu sprechen. »

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