Mali ist innerhalb einer Woche ins Zentrum der Weltöffentlichkeit gerückt. Der Staat – dreissigmal die Fläche der Schweiz, 15 Millionen Einwohner – ist zu einem Kriegsschauplatz geworden, nachdem islamistische Rebellen im Norden des Landes Angst und Schrecken verbreitet haben, was einen Militäreinsatz Frankreichs provozierte. 2000 französische Soldaten stehen im Einsatz.

Eine neue Dimension hat der Konflikt angenommen, als er am Dienstag in Algerien zu einem Geiseldrama führte: Weil Algerien der französischen Armee das Überflugrecht für Kampfjets gewährte, nahmen Terroristen auf einer BP-Gasanlage in Algerien westliche Mitarbeiter in ihre Gewalt. Wie viele Geiseln insgesamt ums Leben kamen, bleibt unklar. Gestern hat die algerische Armee die BP-Anlage gestürmt und alle elf verbliebenen Terroristen erschossen; diese hatten gemäss unbestätigten Agenturberichten davor die letzten Geiseln – deren sieben – getötet.

Dass die Schweiz in Mali mit Vermittlern aktiv ist, wurde in Politik und Öffentlichkeit bisher nur am Rand zur Kenntnis genommen. Jetzt gewinnt dieses Engagement eine neue Bedeutung – zumal nach dem Kriegsausbruch die Vermittlung fortgesetzt werden soll, wie Yves Rossier, Staatssekretär im Aussendepartement (EDA), bestätigt (siehe Interview unten). Die Mediation, das heisst der Versuch, eine friedliche Lösung für ein vereintes Mali zu finden, werde weitergeführt, sagt Rossier. Zuständig für die diplomatischen Bemühungen der neutralen Schweiz ist die Abteilung Menschliche Sicherheit (AMS) im EDA.

Initiiert wurde der Dialog zwischen der Regierung von Mali und den unterschiedlichen Tuareg-Gruppen im Norden des Landes von der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas), federführend ist der Nachbarstaat Burkina Faso. Doch die Schweiz spielt eine wichtige Rolle, sie wurde von den Konfliktparteien selbst um Unterstützung gebeten: konkret von der malischen Regierung und der laizistischen Tuareg-Gruppierung Mouvement National de Liberation de l’Azawad (MNLA).

«Die Rückkehr zum Frieden ist essenziell», betonte Aussenminister Didier Burkhalter Ende September in New York vor der UNO. «Frieden müsse aber in erster Linie von den Maliern selbst gewollt, verhandelt und organisiert werden.»

Zwei Faktoren haben zur Zuspitzung der Lage in Mali geführt: In den riesigen Wüstengebieten im Norden fordern die Tuareg schon lange einen unabhängigen Staat; nach dem Fall des Diktators Muammar Gaddafi im angrenzenden Libyen bewaffneten sich die Tuareg und erklärten den Norden Malis unter dem Namen Awazad im vergangenen Frühjahr als eigenständig. Im Süden führte zudem ein Militärputsch im März 2012 zum Sturz der demokratisch gewählten Regierung, der den schwachen Staat weiter destabilisierte.

Die von der Schweiz unterstützte Mediations-Lösung ist zurzeit blockiert. Denn die islamistische Tuareg-Gruppierung Ansar ad-Din verliess den Mediationstisch – und startete eine militärische Offensive gegen den Süden. Pikant: Die Schweiz hat immer wieder auf eine Zusammenarbeit mit Ansar ad-Din gesetzt. Offenbar gingen die Vermittler davon aus, dass innerhalb von Ansar ad-Din die gemässigten Kräfte obsiegen würden. Diese Hoffnung hat sich zerschlagen. Jetzt beschränken sich die Schweizer Kontakte in den Norden Malis vor allem auf die Tuareg-Gruppierung MNLA, die aber derzeit dort keine militärische Macht mehr hat.

Die «Weltwoche» hat die Schweizer Bemühungen vergangenes Jahr kritisiert, weil dabei auch das «Friedensnetzwerk» eines Islamisten unterstützt wurde, der inzwischen eine Führungsposition innerhalb der Gruppe Ansar ad-Din bekleidet, die sich radikalisiert hat.

Das Engagement der Schweiz in Mali hat eine lange Tradition: Seit 1977 ist der Staat ein Schwerpunktland der Entwicklungszusammenarbeit, seit 1980 betreibt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ein Kooperationsbüro. Von 2002 bis 2012 flossen rund 150 Millionen Franken an Entwicklungshilfe von Bern nach Mali.

Die Eskalation in Nordafrika wird am Weltwirtschaftsforum (WEF), das am Mittwoch in Davos beginnt, ein grosses Thema sein. Und sie ist auch sicherheitsrelevant: Unter den geladenen Gästen befinden sich über ein Dutzend Wirtschaftsführer aus dem in Mali Krieg führenden Frankreich. Darunter unter anderem Fabrice Brégier, Präsident und CEO von Airbus, und Patrick Kron, CEO von Alstom. Die Kantonspolizei Graubünden, die für die WEF-Sicherheit verantwortlich ist, teilt mit: «Wir stehen in engem Kontakt mit dem Nachrichtendienst des Bundes. Dabei wird die Lage laufend neu beurteilt. Falls nötig wird das Sicherheitsdispositiv angepasst.»
Armeechef André Blattmann sah die Ausweitung des Konflikts in Mali kommen. Anfang November sagte er im «Sonntag»-Interview, er befürchte, dass Terroristen in der Sahelzone seien – und er ortete Gefahren für Europa: «In Europa gibt es Vorstädte, in denen Zehntausende Menschen aus Mali leben. Die faktische Zweiteilung Malis führte zu Migrationsströmen (…), mit ihnen reisen möglicherweise auch Leute aus dem Terrorbereich ein.» Der Kriegsschauplatz Mali – nicht nur Frankreich, ganz Europa und die internationale Gemeinschaft blicken mit wachsender Besorgnis nach Nordafrika.

Exklusiv auf www.sonntagonline.ch:
Das Schweizer Ehepaar Gabriella Barco und Werner Greiner wurde 2009 in Mali als Geiseln festgehalten: Wie sie die Lage heute einschätzen.

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