Herr Weber, hat die Glaubwürdigkeit des Internationalen Währungsfonds (IWF) durch die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn gelitten?
René Weber: So ein Vorkommnis färbt natürlich auch auf die Institution ab. Ein gewisser Rufschaden ist sicher entstanden. Die öffentliche Meinung ist bei solchen Vorgängen gnadenlos. Für uns im Exekutivrat ist es wichtig, dass wir die Reputation und die Handlungsfähigkeit des IWF schützen können. Aus dieser Sicht ist der rasche Rücktritt von Herrn Strauss-Kahn zu begrüssen, ungeachtet der Schuldfrage in seiner persönlichen Angelegenheit.

Wie gross sind die Chancen, dass erneut Europa den Chefposten besetzt?
Die Situation der Europäer ist nicht die gleiche wie bei früheren Neubesetzungen. Sie sind in einer schwächeren Position, weil viele EU-Länder zu Kreditempfängern geworden sind und weil Griechenland, Irland und Portugal Grosskredite des IWF beanspruchen. Die Schwellenländer sind hingegen deutlich selbstbewusster geworden. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass die Finanzkrise ihren Ursprung in den westlichen Industrieländern hatte.

Also verlieren die Europäer ihren Sitz?
Das ist nicht auszuschliessen. Es ist auf jeden Fall offener als bei früheren Besetzungen. Letztlich hängt es davon ab, wer die Kandidaten sind. Es wird auf eine Personenwahl hinauslaufen.

Wird die Schweiz einen europäischen Kandidaten wählen?
Die Schweiz unterstützt nicht a priori einen Europäer. Für uns sind die fachliche Qualifikation, der Leistungsausweis und die Verpflichtung auf das Mandat des IWF – die Gewährleistung stabiler Währungs- und Finanzbeziehungen – ausschlaggebend. Zudem sollte der Kandidat oder die Kandidatin in allen Weltregionen akzeptiert sein. Das Argument, ein IWF-Chef aus Europa sei derzeit besonders wichtig, weil der IWF stark in die Lösung der europäischen Schuldenkrise eingebunden sei, überzeugt mich nicht. Es könnte im Gegenteil besser sein, wenn ein Externer auf die ökonomischen Schwachstellen innerhalb der Eurozone hinweist.

Setzt die Schweiz die Europäer bei der Wahl unter Druck, um ihren gefährdeten Sitz im Exekutivrat zu retten?
Die Neuwahl des IWF-Direktors ist zwar ein Element in der weiteren Diskussion um den Führungsanspruch im IWF. Eine Verbindung mit der Sitzfrage für die Schweiz kann daraus aber nicht abgeleitet werden.

Kommt der Schweizer Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand fürs Chefamt infrage?
Darüber könnte ich nur spekulieren. In den Korridoren des IWF wurde der Name von Philipp Hildebrand ebenfalls genannt, was als hohe Wertschätzung einzustufen ist. Das letzte Wort zu einer Kandidatur hat aber er selbst.

Hat der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, Chancen?
Grundsätzlich auszuschliessen ist die Wahl eines Vertreters des Finanzsektors nicht. Bisher gelangten aber immer Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Dienst an die Spitze des IWF. Gegen einen Banker spricht, dass die Banken momentan in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gut dastehen.

Wie geht es jetzt weiter?
Der Exekutivrat hat sich am Freitag bereits auf Verfahrensregeln geeinigt, um die Nachfolge einzuleiten. Von nun an können Nominationen erfolgen. Ziel des Exekutivrats ist es, einen Kandidaten oder eine Kandidatin im Konsens zu ernennen.

Bis wann wird der Nachfolger ernannt?
Angesichts der Schuldenkrise in Europa und der notwendigen weiteren Stärkung der Krisenresistenz des globalen Währungs- und Finanzsystems sind wir uns hier einig, dass die Übergangsphase nicht allzu lange dauern darf. Hinzu kommt, dass der stellvertretende IWF-Direktor John Lipsky bereits seinen Rücktritt auf Ende August angekündigt hat. Das ist ein Eckwert, den man sicher einhalten sollte.

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